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Kardinal Meisner: Nicht die Atompolitik, sondern Abtreibungen gefährden Deutschland

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Ein Gastbeitrag von Joachim Kardinal Meisner in der aktuellen Ausgabe von "Christ & Welt" führt zu der Frage, ob die katholische Kirche in Deutschland überhaupt noch an gesellschaftlichen Anliegen interessiert ist oder es ihr einfach nur um das Herunterbeten ihrer kruden Dogmen geht.
Donnerstag, 30. Juni 2011
Meisner_Christ+Welt

Ansicht des Beitrags auf der Homepage der Wochenzeitung für Glaube, Geist und Gesellschaft "Christ & Welt"

Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner bestätigt in der aktuellen Ausgabe von "Christ & Welt" das dogmatisch-weltfremde Bild der katholischen Kirche, wenn es um Abtreibungen geht. In einem Gastbeitrag (hier im Originalwortlaut) bezeichnete er Abtreibungen als "täglichen beschwiegenen Super-GAU".

Im Einzelnen schreibt er:

Aber wer um die Zukunft dieses Volkes besorgt ist, der sollte sich mehr um dieses Thema kümmern als um die sogenannte Energiewende. [...] Mit der Liberalisierung des Paragrafen 218, sprich der De-facto-Freigabe der Abtreibung, haben wir die Gesellschaft auf einen Weg in das Unmenschliche, in die Barbarei [sic!] geführt. [...] Abtreibung ist kein Recht. Wer sie als solches deklariert und fordert, der pervertiert die Gesellschaft. Man kann das Recht auf Leben nicht gegen das Recht auf Töten ausspielen. Wir wissen wohl alle, dass die Würde des Menschen durch die Abtreibung nicht nur im Einzelfall, sondern prinzipiell infrage gestellt worden ist.

Der Politik wirft Meisner, vor, sich mit dem Thema Abtreibung nicht ausreichend auseinanderzusetzen, die Medien fänden es lästig.

Natürlich spüren manche Zeitgenossen in Politik und Medien diese Last nicht. Vielleicht weil sie mit anderen Dingen so intensiv beschäftigt sind oder weil ihr Gewissen verkümmert ist.

Die Gewissenlosigkeit der anderen ist schuld, wer sonst. Auf die Idee, dass dieses Thema gesellschaftlich längst durch ist und die katholische Kirche weiterhin eine krude und unzeitgemäße Debatte führt, kommt der Kardinal nicht.

Darüber hinaus stellt er falsche Tatsachen in den Raum, wenn er von dem "millionenfachen Tod ungeborener Kinder" in Deutschland spricht. nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden sind 2010 bundesweit 110.431 Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen worden, der niedrigste Wert seit Inkrafttreten des Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetzes am 1. Januar 1996, welches den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts zur Änderung des § 218 im Wesentlichen folgte.

Der gesamte Beitrag ist geprägt von einer dogmatisch-ideologisch aggressiven und intoleranten Ausrichtung, der in Anlehnung an den katholischen Religionsphilosophen Romano Guardini in der Beschreibung der "modernen Barbarei" gipfelt: Der "Unmenschlichkeit des Menschen, die in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Vergessen Gottes und der Anwendung einer nahezu gebieterischen, aber auch irreführenden Technologie" stehe.

Lebensfern, a-sozial, aggressiv und fortschrittsfeindlich - dies sind die wesentlichen Eigenschaften dieses Gastbeitrags, der in einem von der Zeit-Redaktion begleiteten Blatt erscheinen darf.

Die Frage, ob man solchen Äußerungen Raum geben sollte, muss erlaubt sein. Und die Frage, ob die katholischen Kirche überhaupt noch das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Relevanz ihrer Verlautbarungen hat oder ihre Funktion nur noch im blinden Propagieren des Kreationismus sieht, schließt sich an.