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Evangelische Kirche in Berlin setzt Obdachlosenzentrum nach Trägerwechsel vor die Tür

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Keine Geschäfte mit Humanisten: Nach elf Jahren Betrieb wird eine Anlaufstelle für Bedürftige am Berliner Ostbahnhof möglicherweise schließen müssen, weil nach der Übernahme durch einen humanistischen Träger die Kirche die bisherige Untervermietung verweigert. Stattdessen will die Kirche einen diakonischen Träger installieren.
Donnerstag, 20. Dezember 2012

„Es ernüchtert uns, erkennen zu müssen, dass sich hinter der Fassade der von der Kirche oft ins Feld geführten christlichen Nächstenliebe scheinbar nichts anderes verbirgt als der ideologische Eigennutz zur Mission“, kritisierte am Donnerstag in Berlin Bettina Lange von der MUT gGmbH.

Lange ist Geschäftsführerin der gemeinnützigen MUT Gesellschaft für Gesundheit, die bislang unter anderem ein Arzt- und Zahnarztpraxis und Tagesstätte für Obdachlose und Bedürftige in der Nähe des Berliner Ostbahnhofs betrieben hat. Elf Jahre diente die Einrichtung in der Stralauer Straße als Anlaufstelle für Menschen, die woanders keine Hilfe finden können. Nun soll demnächst Schluss damit sein, geht es nach dem kirchlichen Verwaltungsamt der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO).

Logo MUT Gesundheit

Hintergrund ist eine kürzlich vereinbarte Übernahme mehrerer Zuwendungsprojekte durch den Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg (HVD BB), welche die MUT gGmbH laut eigenen Angaben aufgrund verschlechterter Rahmenbedingungen nicht selbst weiterführen konnte. Der Verband hoffte deshalb,  ab Jahresbeginn insgesamt drei Einrichtungen  von MUT weiterführen zu können. Ein Ziel der Übernahme war, die Obdachlosenhilfe an den bisherigen Standorten auch in den kommenden Jahren zu sichern. Beim HVD BB hoffte man außerdem, auf diese Weise die bereits bestehende Arbeit im Bereich der Wohnungslosen- und Bedürftigenhilfe auszubauen.

Doch die evangelische Kirche scheint kein Interesse daran zu haben, zur langfristigen Sicherung der Berliner Obdachlosenhilfe, die in den harten Wintern der vergangenen Jahre immer wieder ihre Wichtigkeit für das Leben von Menschen unter Beweis gestellt hatte, beizutragen – jedenfalls nicht zusammen mit den Humanisten.

Pünktlich zum Fest der Liebe: Mit Schreiben vom 13. Dezember 2012 hat der Vermieter des Objektes, das Kirchliche Verwaltungsamt Berlin Mitte-Nord als Teil der EKBO, den früheren Mietvertrag gekündigt, nachdem es vom bevorstehenden Trägerwechsel unterrichtet wurde und von Bettina Lange darum gebeten worden wurde, die Räumlichkeiten an den Verband untervermieten zu dürfen. Eine Untervermietung an den HVD „wird namens und in Vollmacht der Eigentümerin abgelehnt“, heißt es im Kündigungsschreiben. Ab Juli kommenden Jahres könnte damit das endgültige Aus für das bisherige Obdachlosenzentrum besiegelt sein. Ausweichsmöglichkeiten für die Einrichtung gäbe es keine. Wie Manfred Isemeyer, Geschäftsführer des HVD BB, festgestellt hat, hatte sich die sonstige Immobilienlage in Bahnhofsnähe nach einer ersten Prüfung des Marktes als „äußerst schlecht“ erwiesen.

Gesprächsangebote seitens der Vertreter des HVD, um mögliche Bedenken vor dem Hintergrund der unterschiedlichen weltanschaulichen Ausrichtung von EKBO und HVD zu diskutieren und auszuräumen, wurden von Seiten des Verwaltungsamtes abgelehnt. Der Ton wird rauer, die Kirchen greifen im Zuge der zunehmenden Säkularisierung auf den kulturkämpferischen Reflex zurück. Nachdem Lange in ihrer Stellungnahme entsprechende Vorbehalte auf Seiten der Kirche durch eine Mitarbeiterin des Kirchlichen Verwaltungsamtes in einem Telefongespräch bereits andeutete, haben die sich inzwischen bereits bestätigt. Die Berliner Morgenpost berichtet in ihrer Freitags-Ausgabe über den Fall und zitierte indirekt den Leiter des Kirchlichen Verwaltungsamtes Ralf Nordhauß mit den Worten, dass man den HVD als Träger ablehne. "Die Kirche will die Einrichtung für Obdachlose weiterführen - aber nur mit einem Träger, der ihr zusagt", kommentiert selbst die Morgenpost verwundert. Ein Träger der Diakonie solle die Arbeit weiterführen, geht es nach dem Kirchlichen Verwaltungsamt.

„Statt sich den Menschen und ihren Nöten zuzuwenden, bricht die Kirche auf Kosten der ohnehin schon überforderten Obdachlosenhilfe in Berlin einen weltanschaulich-ideologischen Konflikt vom Zaun“, so Lange schließlich. Mit dem Vorgehen seitens der Kirche wurde aus ihrer Sicht „nicht nur ein jahrelanges, komplikationsloses Mietverhältnis gekündigt, sondern zugleich auch das solidarische Verständnis in der Landschaft der freien Träger, sich gemeinsam in den Dienst derjenigen zu stellen, die unsere Hilfe brauchen.“