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Wozu Humanisten sich bekennen

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Montag, 7. Februar 2011

Können Sie sich zum Humanistischen Selbstverständnis bekennen oder lehnen Sie ein Bekenntnis grundsätzlich ab? Und wenn ja, was ist ihnen im Humanistischen Selbstverständnis am wichtigsten? Der weltliche Bezug? Die Forderung nach Einhaltung der Menschenrechte? Die Selbstbestimmung? Oder die Erhaltung der Welt als Lebensraum der Menschheit? diesseits will diese Debatte mit Ihnen fortsetzen und freut sich auf zahlreiche Zuschriften - gern auch mit einem Porträtfoto. Ihre Beiträge dokumentieren wir dann hier auf dieser Seite. Den Anfang machen Ursula Marx, Frank Stößel, Frank Spade, Helmut Fink und Ingrid Sander.

Gemeinsame Werte

Ursula Marx

Ursula Marx (Stuttgart)

Als jemand, die im fortgeschrittenen Alter (mit 63 Jahren) bewusst aus der Kirche ausgetreten und Mitglied im HVD geworden ist, begrüße ich das Humanistische Selbstverständnis ausdrücklich. Es gibt einen Rahmen dessen, woran sich Menschen orientieren – ohne Gott. Es definiert grundlegende, gesellschaftliche Werte wie Würde und Moral ohne Gottesbegründung. Dabei ist es mir zunächst weniger wichtig, ob man die Humanisten als ‚Weltanschauungsverband’ oder als ‚Bekenntnisverband’ sieht, denn sie sind vielleicht beides.

Das Humanistische Selbstverständnis sehe ich zunächst als interne Angelegenheit. Es macht Aussagen darüber, auf welcher Grundlage sich Humanisten organisieren, was für sie eine humane, weltliche Lebensführung bedeutet. Darüber hinaus ist das Selbstverständnis unabdingliche Grundlage für Diskussionen mit Andersdenkenden sowie für die notwendige, verbandliche Einmischung in die Politik. Mit wachsender Säkularität in unserer Gesellschaft nimmt die Angst der Kirche vor organisiertem Humanismus zu. Ich begrüße außerordentlich den Absatz, der unser Verhältnis zur Kirche klarstellt: Wir wollen keine Konkurrenz, wir sind nicht gegen die Kirche, sondern der Meinung, dass jede Überzeugung ihren Platz haben muss. Diese Toleranz muss allerdings auch für die Kirchenseite gelten. So ist die Dominanz der kirchlichen Träger gerade im sozialen und Gesundheitsbereich nicht weiter hinnehmbar.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Menschen nicht jeder Aussage zustimmen. Richtig sind zwar die kritischen Aussagen zur Globalisierung und dem Technikglauben und die daraus abgeleiteten Forderungen. Sie dürfen aber nicht den Eindruck einer grundsätzlichen Technikfeindlichkeit erwecken. So halte ich die Aussage, Stammzellforschung sei eine Scheinlösung, für gefährlich. Sie kann, das ist richtig, eine wirksame Gesundheitspolitik nicht ersetzen, aber ihren Beitrag zu einer guten Versorgung durchaus leisten, wenn auch erst in der Zukunft.

 

Alternativen für Konfessionsfreie schaffen

Frank Stößel

Frank Stößel (Würzburg)

Seit Kindesbeinen verstehe ich mich als nicht-religiöser Humanist. Von Eltern, Pfarrern und Lehrern zu Taufe, Kommunion und Firmung „geführt“, blieb ich ungläubig und allergisch gegen Religion und Kirche. Nach dem Abitur nahm ich ein Lehramtsstudium auf. In dieser Zeit meldete ich mich vom Studium der Religionspädagogik ab und studierte dafür im Hauptfach Philosophie. Das bedurfte damals noch der schriftlichen Genehmigung nach einem Gespräch mit dem Hochschulvorstand.

Mit dem Studienabschluss in Philosophie war ich endlich von „Religion in der Schule“ befreit und glaubte, als Lehrer ohne Religion könne man in einem demokratischen Staat ohne Probleme tätig sein. Weit gefehlt. Wegen der Aufsichtspflicht für meine Klasse wurde ich zur Teilnahme an den christlichen Schulfeiern „dienstverpflichtet“. 1995 wurde ich erster „atheistischer“ Schulleiter einer öffentlichen bayerischen Schule und wurde zum Sonderschulrektor ernannt. Ich verhielt mich verfassungsgemäß weltanschaulich neutral, woran man sich allseits mit der Zeit gewöhnte.

Im Rückblick würde ich als religionsfreier, atheistischer Humanist nur dann noch Lehrer werden wollen, wenn ich an einer weltanschaulich neutralen Gemeinschaftsschule oder an einer Humanistischen Schule unterrichten dürfte. Doch die dort verfügbaren Stellen sind knapp. Für Konfessionsfreie kann es schwierig sein, einen Arbeitsplatz ohne konfessionelle Prägung zu finden, da eine Vielzahl der sozialen Einrichtungen, Kindergärten und Schulen in kirchlicher Trägerschaft sind.

Möchte man diesen Zustand verändern, empfiehlt es sich durchaus, gemeinsam mit Gleichgesinnten z.B. für unser Recht auf Errichtung von Humanistischen Kindergärten, Schulen und Akademien einzutreten. Daher heißt es, sich als Humanistin und Humanist zu bekennen und zu solidarisieren. Gemeinsam sind wir stärker als manche glauben. Ich bin zufrieden und froh, ein Humanist zu sein. Ich wäre allerdings noch zufriedener, wenn sich Humanistinnen und Humanisten auch in meinem Umfeld zu erkennen gäben, um das „Weltanschauliche Alleinsein“ im Alltag zu überwinden und jungen Menschen Alternativen zu bieten, die die Freiheit des Geistes nicht beschneiden.

 

Die Evolution erhalten

Frank Spade

Frank Spade (Berlin)

Über 50 Jahre habe ich gebraucht, um herauszufinden, dass evolutionärer Humanismus die Weltanschauung ist, die mir die Welt am besten erklärt und mir begründete Hoffnung für die Zukunft der Menschheit gibt. Das ist viel verlorene Zeit und ich beneide die Jugendlichen, die heute die Chance haben, im Humanistischen Lebenskundeunterricht dies früher herauszufinden und zu erproben.

Das Überzeugende am Humanismus ist seine Praxis und die Ergebnisse, die sich aus ihr ergeben. Diese Praxis entwickelt sich ständig weiter. Damit dies weiter gelingt, müssen wir uns in die aktuellen Diskussionen einmischen und aufzuzeigen versuchen, wie wirklich faire, nachhaltige und vernünftige Lösungen aussehen können. Dabei wird es in Zukunft notwendig werden, auch die Vertretbarkeit des eigenen Lebensstandards in Frage zu stellen. Sieben Milliarden oder mehr Menschen werden nicht weiter so leben können, wie wir es uns heute erlauben. In dem Sinne bergen besonders die praktischen Orientierungen des Humanistischen Selbstverständnisses Schätze, die es noch zu heben, zu diskutieren und weiter zu entwickeln gilt. Gerade ökologische Verantwortung, Nachhaltigkeit, Überwindung von Armut und Hunger, sowie das Aufdecken und Beseitigen von unfairen Herrschaftsstrukturen, sind Aufgaben, die auch persönliche „Opfer“ fordern werden. Daran, ob ich meinen Beitrag als Opfer ansehe oder freudig leisten kann, zeigt sich die Essenz meiner humanistischen Haltung.

 

Die Welt verstehen

Helmut Fink

Helmut Fink (Nürnberg)

Ich suche kein Märchen, sondern ein Weltbild. Logische Widerspruchsfreiheit ist ein Minimalkriterium für jeden Weltbildentwurf. Die Welt ist groß, laut, bunt und unübersichtlich. Sie zu verstehen ist schwer. Nur die besten Methoden sind dafür gut genug  – klare Begriffe, trennscharfe Aussagen, empirische Prüfung, rationale Rekonstruktion. Man nennt das Wissenschaft.

Nun kann kein Mensch von früh bis spät nur Wissenschaftler sein. Ein gelingendes Leben hat immer auch alltagsweltliche Voraussetzungen. Materielle und emotionale Bedürfnisse, kulturelle Prägungen, Riten und Gewohnheiten prägen den Alltag mit. Und doch: Erst die Vernunft ermöglicht bewusste und begründete Entscheidungen.

Vernunftbegabung unterscheidet den Menschen vom Tier. Die Vernunft ist objektiv und universell. Davon keinen Gebrauch zu machen, finde ich unwürdig. Rationale Prüfung ist die natürliche Richtschnur für Aussagen mit Wahrheitsanspruch. Religiöse und esoterische Weltbilder fallen dabei durch, und zwar alle. Daran kann ich mich nicht aus Bequemlichkeit oder Traditionsgeborgenheit vorbeidrücken. Und ich darf es nicht. Denn Aufklärung ist Menschenpflicht!

Das ist eine ethische Intuition. Aus Wissenschaft alleine folgt sie nicht. Sie ist eine Wertaussage, ein Stück Weltanschauung. Mein Menschenbild enthält noch mehr solche Wertungen: Es ist gut für die Menschen, einander im Geiste der Neugier und der Kooperation zu begegnen. Darauf vertraue ich. Und ich hoffe auf das Geschenk der Gegenseitigkeit, auf die Freiheit zur Verschiedenheit und auf den Mut zur Einsicht in unser aller Sterblichkeit.

Den Menschen bilden und ihm etwas zutrauen – das ist Humanismus. Religionen helfen dabei nicht. Sie verschleiern den Blick. Darum bekenne ich: Ich bin säkularer Humanist.

 

Mit Aufklärung Trennendes überwinden

Ingrid Sander

Ingrid Sander (Erfurt)

Von Kindheit an bin ich im Sinne des Humanismus erzogen worden, ohne dass das verbal definiert worden wäre. Selbstbestimmtheit gepaart mit Eigenverantwortlichkeit ließen mich frühzeitig lernen, das Ende meines Tuns zu bedenken. Die Folgen habe ich oft genug mit allen Konsequenzen getragen. Deutschland versteht sich offiziell als säkulares Land – doch leider hat die Trennung von Staat und Kirche nie wirklich stattgefunden. Als Atheistin finde ich es unerträglich, dass die Kirchen nach wie vor mein privates Leben durch Einfluss auf die Politik zu dominieren versuchen. Die selbstverständliche Neutralität der deutschen Regierung gegenüber dem Staatsvolk ist in keiner Weise gegeben.

Zum Beispiel üben die Kirchen bei der Frage der Sterbehilfe enormen Einfluss aus. Ihre Leidensmentalität „willkommen sei der Schmerz, geliebt sei der Schmerz, geheiligt sei der Schmerz“, die man nicht nur der eigenen Klientel aufzwingen will, ist eine Pervertierung ihrer eigenen christlichen Grundsätze der Gnade und Barmherzigkeit. Als ob es ohnedem nicht genug Leid und Schmerz auf dieser Welt gäbe!

Dieser Zwiespalt zieht sich durch alle menschlichen Gemeinschaften: Familien, Freundschaften, Parteien, Staaten, Religionen. Wir, die wir uns Humanisten nennen, sollten beginnen, mit diesem Wahnsinn Schluss zu machen. Wann diese Ausgrenzungsmentalität entstanden ist? Vermutlich lange vor der Installierung des Christentums. Die Humanisten aller Couleur sollten sich zusammenschließen und sich gemeinsam um ihre Mitspracherechte und Präsenz bei der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens stark machen. Denn wo wären wir jetzt, wenn es die Zeit der Aufklärung mit ihren großartigen Vertretern wie Voltaire, Diderot, Rousseau, Meslier, Hobbes, Mendelsohn, Friedländer, Leibniz und Lessing sowie vielen anderen nicht gegeben hätte?