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Wie werde ich zu dem, der ich bin?

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Mit dieser Frage setzen sich die ersten Studierenden an der Humanistischen Fachschule für Sozialpädagogik in Berlin seit Februar 2012 tagtäglich auseinander. Wir haben die Leiterin der Fachschule, Beate Heeman, einen Tag lang begleitet.
Dienstag, 28. Februar 2012
HFS Klasse

Der erste Jahrgang an der Humanistischen Fachschule Sozialpädagogik beim Klassenfoto mit Schulleiterin Beate Heeman (3. Reihe 2.v.l.). © Thomas Hummitzsch

Ein halbes Jahr lang musste sich Beate Heeman nahezu ausschließlich um Organisatorisches kümmern. Als Leiterin der Humanistischen Fachschule für Sozialpädagogik (HFS) musste sie die notwendigen Formalien mit den zuständigen Behörden klären, das pädagogische Konzept konkretisieren, die Schulräume suchen und einrichten sowie die ersten Studierenden aus über 200 Interessierten auswählen. Viele kleine Probleme, die für sich nicht dramatisch, in der Menge aber durchaus beeindruckend waren, hatte sie in den vergangenen Monaten zu lösen. Man hätte gut zwei, drei Menschen allein mit diesen unvorhergesehenen Schwierigkeiten beschäftigen können. Das letzte halbe Jahr war für die Pädagogin zweifellos eine Zeit der permanenten Anspannung, Adrenalinpegel auf Anschlag. Am Morgen des ersten Schultags wirkt Beate Heeman aber gelöst. „Ich freu mich, dass es endlich losgeht“, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Dieses Lächeln wird sie den ganzen Tag über begleiten.

Dreizehn Studentinnen und sechs Studenten bilden den ersten Jahrgang der neu gegründeten und deutschlandweit ersten Humanistischen Fachschule, an der Erzieher für Kindertagesstätten und Jugendeinrichtungen nach humanistischen Prinzipien ausgebildet werden – zunächst im Teilzeitstudium und voraussichtlich ab 2013 auch im Vollzeitstudium. Mit dem Start der Fachschule schlägt der Humanistische  Verband Berlin-Brandenburg ein neues Kapitel in seiner Geschichte als freier Träger auf.

Und auch für Beate Heeman beginnt ein neuer Abschnitt in ihrer beruflichen Biographie. Der Ausbildung zur Er­zieherin folgten einige Jahre Praxis im Kitabereich und in der Jugendhilfe. Anschließend studierte sie Erzie­hungswissenschaften, Politik und Soziologie in Berlin. Anschließend war sie 15 Jahre im Bereich der Erwach­senenbildung tätig. Diese Erfahrung kommt ihr in ihrer Funktion als Leiterin der HFS zugute, in der sie erstmals allein die Verantwortung für die Ausbildung der angehenden Erzieher trägt. Im Zentrum des von ihr entworfenen Ausbildungskonzepts steht die Vereinbarkeit von Theorie und Praxis, an der es im pädagogischen Alltag oft mangele. Weil Pädagogen das theoretische Wissen oftmals nicht auf die Praxis übertragen können, würden sie immer wieder auf Alltagswissen zurückgreifen, zum Nachteil der Fachlichkeit. An der HFS soll dem vorgebeugt werden, indem Theorie und Praxis stärker als bislang üblich miteinander verzahnt werden. Die Erfahrungen, die die Studierenden an drei Tagen in der Woche in der Praxis in den humanistischen Einrichtungen sammeln, sollen an den verbleibenden zwei Tagen an der HFS gemeinsam reflektiert und mit dem theoretischen Wissen abgeglichen werden. So wird das theoretische Wissen hinsichtlich seiner Anwendbarkeit in der Praxis immer wieder überprüft, während zugleich das konkrete Handeln in den Einrichtungen permanent auf seine Fachlichkeit hin auf die Probe gestellt wird.

Um dies erfolgreich umzusetzen, müssen alle an der Ausbildung Beteiligten aktiviert werden  und intensiv zusammenarbeiten. Gefordert sind hier nicht nur die Lehrkräfte an der HFS sowie die Ausbildungsbegleiter in den pädagogischen Einrichtungen, in denen die Studierenden eingesetzt sind, sondern auch die Studierenden selbst. Sie sind in Beate Heemans Konzept in hohem Maße selbstverantwortlich für ihre Ausbildung. Sie sollen aktiv einfordern, was sie für ihre Praxis noch brauchen und berichten, wo ihr theoretisches Wissen mit der Praxis nicht in Einklang zu bringen ist. Die praktischen Erfahrungen der angehenden Pädagogen sind Mittel und Ausgangspunkt der theoretischen Ausbildung, denn die einzelnen, in der Schule behandelten Themen sollen immer wieder auf die Praxis bezogen werden. 

HFS: Beate Heeman und Studierende

Beate Heeman (Mitte) während der ersten Unterrichsstunden im Kreise ihrer Studierenden. © Thomas Hummitzsch

Für dieses anspruchsvolle Ideal an der HFS braucht es aktive Studierende, die auch für sich selbst sorgen können. Sätze wie „Grenzen setzen im Sinne von ‚Das ist nicht umsetzbar’ ist eine wichtige Kompetenz“ oder „Seien Sie nicht so freundlich, dass Sie in Situationen, in denen es stressig ist, aus falsch verstandener Rücksicht keine Fragen stellen. Fragen stellen und Ihr Handeln reflektieren sind Ihre Hauptaufgaben in der Ausbildung“ machen dies deutlich. Aus diesem Grund legt die Schulleiterin am ersten Tag viel Wert darauf, den dreizehn Frauen und sechs Männern vor allem Sicherheit und Vertrauen in sich und die Gruppe zu geben. Denn es ist notwendig, den Mut zu haben, die eigenen Bedürfnisse zu formulieren, auch wenn es mal hektisch zugeht und scheinbar unpassend ist. „Ihre Ausbildungsbegleiter in den Einrichtungen werden Ihnen nicht die Informationen hinterhertragen, die Sie brauchen, sondern auf Ihre Fragen warten.“

Schon am ersten Tag wird deutlich, wie wichtig der aktive und mitdenkende Studierende in Beate Heemans Lern- und Lehrkonzept ist. Für den sog. handlungsorientierten Unterricht braucht sie die Erfahrungen der Auszubildenden aus der Praxis. Um sie schließlich zu befähigen, in komplexen Situationen fachlich kompetent und eigenständig zu handeln, statt auf Alltagswissen zurückzugreifen. Dies ist ein wesentliches Kriterium einer fachlichen Erziehung, die sich von der Erziehung der Kinder durch ihre Eltern beispielsweise unterscheidet. So werden die Studierenden an der HFS nicht stupide Theorie pauken, sondern sie werden sie auf die konkreten Erlebnisse im pädagogischen Alltag übertragen und lernen, sie anzuwenden.

Die Gruppe spielt dabei eine große Rolle, so dass Bea­te Heeman von Beginn an viel Zeit und Energie in die Überwindung der zwischenmenschlichen Barrieren in­vestiert. In spielerischen Übungen lernen sich die Stu­dierenden und ihre momentane Situation in den huma­nistischen Einrichtungen schnell kennen. Etwa dass die angehenden Erzieher im Alter zwischen 20 und 46 Jahren insgesamt 129 Jahre Berufserfahrungen in ganz unter­schiedlichen Bereichen miteinander vereinen. Schulabsolventen sitzen hier neben langjährig erfahrenen Me­diendesignern und Historikern. Von diesem bunten Mix profitieren letztlich alle, denn „wir schaffen gemeinsam mehr, als jeder Einzelne schaffen würde.“ Es ist die Kunst der Synergie, die Beate Heeman hier den Studierenden nahebringt und die ihr Konzept des aktiven, praxisnahen Lernens abrundet. „Ich werde viel von Ihnen lernen, Sie werden viel von mir lernen und Sie werden viel vonei­nander lernen. Gemeinsam werden unser gesammeltes Wissen und unsere Erfahrungen dazu führen, dass sie in ihrem pädagogischen Alltag konkrete Herausforderun­gen fachlich fundiert und kindgerecht lösen können.“

Diese Lernkultur ist für viele Studierende ungewohnt, so dass Beate Heeman von Anfang an die Studierenden zu aktivieren und einzubeziehen versucht. Mit Nachdruck ermuntert sie sie, nachzufragen. Denn „dumme Fragen“ gibt es bei Beate Heeman nicht. „Unsicherheiten müssen geklärt und in Sicherheiten umgewandelt werden“, sagt sie an anderer Stelle. Ein Satz, der in seiner Simplizität ihre Pädagogik umreißt. Sie selbst geht mit gutem Beispiel voran, fragt selbst immer wieder nach, ob ihre vielen Ausführungen zu Struktur und Ablauf des Studiums, den gesetzlichen und schulischen Rahmenbedingungen sowie der Situation vor Ort verständlich und fallende Fachbegriffe schon bekannt seien. Und je länger der Tag dauert, desto mehr Fragen tauchen auf. Saß den Studierenden zu Beginn des Tages noch die Scheu des Ungewissen im Nacken, ist die Gruppe nach den ersten acht Stunden gelöster und sicherer.

Dies liegt zu großen Teilen an Beate Heeman als Schulleiterin und Pädagogin, die bestimmt und entschlossen ihren Unterricht führt, zugleich aber eine Offenheit lebt, die die Studierenden einlädt, mitzugestalten. Ihre Souveränität als Pädagogin paart sich mit einer geradezu greifbaren Identität. Beate Heeman hat nicht einfach nur die Idee einer praxisnahen und zugleich fundierten Ausbildung, sie füllt sie mit ihrer Begeisterung aus. „Sie werden die Aufgabe haben, Kinder in ihrem Leben zu begleiten“, sagt sie am Nachmittag strahlend. Und spätestens hier springt der Funke des Enthusiasmus auf die Studierenden über. Beate Heeman wirft die Studierenden an der HFS nicht von der Stegkante ins kalte Wasser, sondern springt – sich ihrer Rolle bewusst – selbst mit hinein. Sie schwimmt mit den angehenden Erziehern mit, nicht um sich anzubiedern, sondern weil man gemeinsam mehr schafft, als jeder einzelne.