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Tradition und Religion prägen das familienpolitische Leitbild der Regierung

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Innerhalb eines Jahres hat die Bundesregierung in Fragen der Bevölkerungsentwicklung aufholen wollen, was jahrzehntelang ignoriert wurde. Einem Bericht zur Bevölkerungsentwicklung folgte ein entsprechendes Demografiestrategiepapier. Der Demograf Dr. Wolfgang Weiß erklärt in einem mehrteiligen Interview, warum das Engagement der Bundesregierung in Sachen Demografie ungenügend und fern der Realität ist. Im dritten Teil unseres Interviews erklärt Dr. Weiß, warum die Abwanderung junger Menschen aus den neuen Bundesländern nicht endet und wie Frauen in der Demografiestrategie wieder an Heim und Herd gebunden werden.
Dienstag, 10. Juli 2012

Herr Dr. Weiß, welche gravierenden Mängel sehen Sie in der von der Bundesregierung vorgelegten Demografiestrategie?

Wolfgang Weiß: Zu den besonderen Defiziten der Demografiestrategie gehört die schwache Reaktion auf die räumlichen Unterschiede in Deutschland. Seit Jahrzehnten gibt es eine ungebremste, selektive Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen aus wirtschaftlich benachteiligten Räumen.

Welche Räume zählen denn dazu?

Der Bevölkerungsverlust durch Abwanderung ist im Osten Deutschlands besonders hoch. Er folgt einer mittlerweile verfestigten Abwanderungskultur, die von nach wie vor erheblichen Unterschieden in der Arbeitswelt und diversen materiellen Belangen in Deutschland geprägt wird. Diese reichen von existierenden Unterschieden im Lohn- und Gehaltsgefüge, über unterschiedliche Dotierungen der Rentenpunkte bis zur Deklaration von „Wessi" und „Ossi" auf den Chipkarten der Sozialversicherung, wo die jeweilige regionale Herkunft mit einer „1"oder einer „9" codiert ist und unterschiedliche Leistungsansprüche beinhaltet.

Betreffen die Unterschiede nur die Menschen in der gehobenen und mittleren Altersschicht oder auch die junge Generation?

Junge Menschen, die kurz vor oder sogar erst nach der Wiedervereinigung geboren wurden, erfahren diese Unterschiede genauso wie jene, die bereits in der Zeit der Zweistaatlichkeit ein aktives Leben führten. Sie haben aber ein recht feines Gespür für diese Differenzen, und sie sehen nicht ein, warum sie die Leidtragenden einer politischen Vergangenheit sein sollen, mit der sie nichts zu tun haben und wofür sie bestraft werden sollten.

Welche Gruppe wanderte bislang am ehesten ab?

Bauruine

Von ganz besonderer Bedeutung bei der seit 1989 stetigen Abwanderung aus Ostdeutschland ist ein hoher Anteil junger Frauen, der die Migration bestimmter Regionen zeitweilig sogar dominierte. Jungen Frauen sind oft besser qualifiziert, als die gleichaltrigen Männer, und sie folgen bei ostdeutscher Sozialisation häufig einem anderen Anspruch an Arbeit, als er in den alten Bundesländern üblich ist. Es sind die Töchter und Enkelinnen jener Frauen, die in der DDR mit einem hohen Grad an arbeitsweltlicher Emanzipation Arbeit und Berufstätigkeit als Element der Selbstverwirklichung erlebten und diesen Anspruch an die nächste Generation weitergegeben haben. Allerdings erlebten die Mütter und Großmütter der heute abwandernden jungen Frauen vor 1990 auch eine hohe Selbstverständlichkeit bei der Vereinbarung von Beruf und Mutterschaft.

In den alten Bundesländern finden sich bis heute deutlich häufiger klassische Familien- und Rollenmodelle, in denen die arbeitswelche Emanzipation der Frauen fehlt. Wird das Problem vom Strategiepapier denn angegangen?

Die diesbezüglichen Defizite im vereinigten Deutschland des Jahres 2012 spielen in der Demografiestrategie der Bundesregierung seitens besserer Chancen der Realisierung von Kinderwünschen nur eine untergeordnete Rolle. Das Thema wird fast ausschließlich mit Blick auf die Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt dekliniert, um Frauen als Arbeitsmarktreserve zu mobilisieren. So heißt es in der Demografiestrategie:

Unter der Voraussetzung einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf können mehr Frauen eine gewünschte Erwerbstätigkeit aufnehmen oder ihre Arbeitszeiten ausdehnen. Bei einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf wollen rund 1,2 Millionen nicht erwerbstätige Mütter wieder in das Erwerbsleben eintreten. Damit würde auch ein zentraler Beitrag zur Fachkräftesicherung geleistet.

Das klingt doch erstmal gut. Wo steckt da der Teufel im Detail?

Zunächst in der Blickrichtung. Dass berufstätige Frauen vielleicht bei einer besseren Vereinbarkeit von Mutterschaft und Arbeit zurückgestellte Kinderwünsche realisieren könnten, was einen positiven Effekt auf die Geburtenbilanz auslösen würde, wird nicht einmal verschämt am Rande diskutiert.

Wo ist der Unterschied zwischen einer besseren Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf, von dem Sie sprechen, und der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die in der Strategie angesprochen wird?

Das erste Problem, das ich sehe, ist mit einem von der Regierung vertretenen konservativen Familienbild verbunden. Sicher hat die klassische „Normalfamilie" Vater-Mutter-Kind für viele Bereiche der Gesellschaft Vorteile, doch dieses Familienbild wuchs in vielen Jahrhunderten mit einer Lebenserwartung unter 50 Jahre. Heute liegt die Lebenserwartung Neugeborener (geschlechtsneutral) bei über 80 Jahren. In vielen Teilen Deutschlands, vor allem im Osten, liegt der Anteil sog. „unehelicher Geburten" über 50 Prozent. Die Patchwork-Familie bestimmt die Gesellschaft der stark urbanisierten Regionen im Westen und insbesondere der Großstädte. Anders gesagt: Selbst ohne es abwerten zu wollen, ist das familienpolitische Leitbild der Regierung mit der gesellschaftlichen Realität nur noch in stark traditionalistischen Teilen kompatibel.

Das zweite Problem, das ich sehe, ist der weltanschauliche Hintergrund der Position der Regierung. Es sind die Anschauungen stark religiöser Gruppen – egal welcher Richtung – und es sind die Positionen von nationalistischen Rechten. Die aktuelle Diskussion zum Betreuungsgeld ist ein guter Spiegel für den Riss durch die Gesellschaft.

Der 4. Teil des Interviews erscheint am Freitag, den 13.07.2012.