Direkt zum Inhalt

Sport frei!

DruckversionEinem Freund senden
Wie sich der Deutsche Olympische Sportbund für christliche Werte einspannen lässt und warum den Säkularen ein sportlich bewegter Humanismus gut anstünde.
Freitag, 1. Juni 2012
Titel: Humanismus und Sport

Wenn am 8. Juni in Warschau die Fußball-Europameisterschaft angepfiffen und genau sieben Wochen später das Olympische Feuer in London entzündet wird, dann verbindet der Sport einmal mehr die Welt. Im positiven wie im negativen Sinne übernehmen die Leistungen von Fußballern und Athleten die Deutungshoheit über politische Konflikte und gesellschaftliche Spannungen. So wie die besonderen Geschichten sportlicher Turniere manch politische Auseinandersetzung in den Hintergrund treten lassen, so werden die Arenen des Sports zu Bühnen der politischen Äußerung. Man denke nur an die beiden US-Amerikaner Tommie Smith und John Carlos, deren politisches Bekenntnis zugunsten der „Black-Power“-Bewegung 1968 in Mexiko um die Welt ging, als sie nur wenige Wochen nach den Morden an Bobby Kennedy und Martin Luther King bei der Siegerehrung ihre Köpfe senkten und ihre Fäuste in den Abendhimmel streckten – bis heute eine einmalige Solidaritätsadresse.

Seither begleitet die Frage der menschenrechtlichen Situation am Austragungsort den olympischen Tross wie kaum eine andere, und kaum ein Gastgeber bekam dies so deutlich zu spüren, wie die Chinesen 2008. Und wenn die russische Staatsführung nicht schon länger eine Vorstellung davon hat, was in zwei Jahren auf sie zukommt, wenn in Sotschi die 22. Olympischen Winterspiele eröffnet werden, dann weiß sie es spätestens seit der Diskussion um den Umgang der ukrainischen Regierung mit der inhaftierten ehemaligen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. Dass der Fall zum Politikum wurde, liegt in der Natur sportlicher Großereignisse.

Was aber hat all das, abgesehen vom Aspekt der Menschenrechte, mit Humanismus zu tun? Spielt beim Sport die Konfession eine Rolle? Wenn sportliche Leistungen die Politik für Momente vergessen machen können, vermögen sie das dann nicht auch im Hinblick auf Religionen und Weltanschauungen? Natürlich tun sie das! Aber es ist mit der weltanschaulichen Dimension genauso wie mit der politischen – so wie sie für Momente in den Hintergrund treten kann, so verschwindet sie nie vollkommen.

Wie man der jüngst erschienenen Kulturgeschichte des Sports des Historikers Wolfgang Behringer entnehmen kann, waren Sport und Leibesübungen diachronisch betrachtet eine Angelegenheit der Heiden und Nichtgläubigen. Die Christen pflegten Jahrhunderte lang eine Tradition der Körperfeindlichkeit. Für die Salonfähigkeit der sportlichen Betätigung sorgten erst die Humanisten im 15. Jahrhundert.

Für die hiesige Betrachtung kann man die Geschichte aber getrost zur Seite legen, denn zum einen haben sich die Kirchen längst von ihrer Sportfeindlichkeit gelöst und zum anderen die Humanisten von der Sportbegeisterung ihrer Vorgänger leise verabschiedet. In keiner humanistischen Organisation in Deutschland gibt es eine bedeutende Sportgruppe. Das einzige regelmäßige Sportangebot besteht in einer kleinen Laufgruppe des HVD Berlin-Brandenburg. Darüber hinaus organisieren noch einige Jugendverbände sporadisch Sportangebote für Kinder und Jugendliche. Dann ist der sportliche Humanismus auch schon mit seinem Latein am Ende.

Das Engagement der Kirchen im Sportbereich sprengt alle Vorstellungen

Ganz anders sieht es bei den Kirchen aus. Für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) macht sich seit 2010 der Berliner Theologe Dr. Bernhard Felmberg als Sportbeauftragter stark. Zuvor hatte sich Felmberg als Beauftragter für Sportliche Kirchenarbeit der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO) einen Namen gemacht, indem er die Einrichtung einer christlichen Kapelle im Berliner Olympiastadion in die Hand nahm. Seit 2006 läuten in einem kleinen Raum des Stadions die Kirchenglocken. Nur noch in den Arenen auf Schalke und in Frankfurt gibt es ebenfalls christliche Rückzugsräume.

Felmbergs Kollege bei der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) ist der Trierer Weihbischof Jörg Michael Peters. Als Mitglied der Liturgie- und Jugendkommission der DBK ist Peters zugleich auch Sportbischof und damit zuständig für die Sportjugend des katholischen Bundesverbands für Breiten- und Leistungssport Deutsche Jugendkraft (DJK). Peters setzt sich engagiert für eine engere Verzahnung von Sportvereinen und Kirche ein.

Vereint unterm Kreuz

Vereint unterm Kreuz: Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes Thomas Bach lässt sich gern vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch und dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider in die Zange nehmen; hier nach dem Spitzengespräch „Kirche und Sport“ am 19. April 2012 in Berlin | © Rolf Zoellner / EKD

Nimmt man die kirchlichen Sportstrukturen einmal unter die Lupe, dann entdeckt man ein beeindruckendes Universum. Der evangelische Sportverband Eichenkreuz und die katholische Sportorganisation Deutsche Jugendkraft haben, wie auch der jüdische Sportverband Makkabi, parallele Strukturen zu den weltanschaulich neutralen Angeboten des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) ausgebildet, z.B. kirchliche Volleyball- und Fußball-Ligen. Zahlreiche Landeskirchen haben Beauftragte für die kirchliche Sportarbeit benannt. Die Jugendarbeit der Kirchen basiert, gestützt auf eine einhundert Seiten umfassende Arbeitshilfe zur Missionarischen Sportarbeit, maßgeblich auf sportlichen Angeboten. Sportliche Aktionstage oder -wochen gehören längst zum Selbstverständnis der Kirchen. [...]

Lesen Sie im aktuellen Heft, wie Sportfunktionäre und Kirchen gemeinsam für den Schutz des Sonntags und die Bewahrung der „Schöpfung“ streiten und warum den Säkularen ein sportlich bewegter Humanismus Vorteile brächte.