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Die Realität ist komplexer

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Innerhalb eines Jahres hat die Bundesregierung in Fragen der Bevölkerungsentwicklung aufholen wollen, was jahrzehntelang ignoriert wurde. Einem Bericht zur Bevölkerungsentwicklung folgte ein entsprechendes Demografiestrategiepapier. Der Demograf Dr. Wolfgang Weiß erklärt in einem mehrteiligen Interview, warum das Engagement der Bundesregierung in Sachen Demografie ungenügend und fern der Realität ist. Ist der Pillenknick ein soziologisches Ammenmärchen? Und wie geht man mit dem Bevölkerungsschwund in Deutschland um, während weltweit die Bevölkerung explodiert? Um diese und andere Fragen geht es im fünften Teil unseres Interviews mit Dr. Weiß.
Dienstag, 17. Juli 2012

Traditionell wird ja der sogenannte „Pillenknick" als Grund dafür angeführt, dass die Geburtenzahlen seit Beginn der 1970er Jahre stark zurückgegangen sind. Ist die Einführung der Pille aus demografischer Sicht denn Ursache für die diesbezüglichen Probleme, vor denen das Land heute steht?

Richtig ist zunächst die Tatsache, dass die „Pille" für viele Frauen die Befreiung von den Konsequenzen der sexuellen Bevormundung durch die Männer gebracht hat. Niemand redet mehr über die Probleme, die unsere Mütter und Großmütter und alle Generationen davor hatten: Die Angst vor einer ungeplanten oder ungewollten Schwangerschaft war ständiger Begleiter auf dem Weg in das nächtliche Ehebett, völlig egal, ob es um Liebe oder nur um Sex ging.

Heute sind viele Kinder Wunschkinder, werden häufig sogar relativ exakt geplant. Es „fehlen" nur jene, die – und da möchte ich der These mit der „Pille" zumindest ansatzweise recht geben – früher Ergebnis einer ungewollten Schwangerschaft gewesen wären, aber eben nur ansatzweise. Wenn die These vollständig richtig wäre, dann wäre vorher mindestens jedes dritte Kind nicht willkommen gewesen. Dann wäre aber auch der Hinweis auf die Pille als Ursache für unsere heutigen demografischen Probleme mehr als zynisch, denn damit würde man stillschweigend die Rückkehr der alten patriarchalischen Verhältnisse fordern.

Das heißt, dass der sogenannte Pillenknick, also der starke Rückgang von Geburtenziffern, gar nicht auf die Einführung der Pille zurückgeführt werden kann?

Antibabypille

Antibabypille. Foto: Matthew Bowden via Wikimedia

Natürlich hat die „Pille" eine erhebliche Bedeutung für den Rückgang der Geburtenzahlen in der Zeit von Mitte der 1960er zur Mitte der 1970er Jahre. Dieser Rückgang der Fertilität war aber nur der vierte Abschwung allein im 20. Jahrhundert und vollendete eine 100 Jahre währende Entwicklung. Nach dem ersten Weltkrieg bekamen die Frauen in Deutschland im Durchschnitt noch über vier Kinder. Der erst allmähliche Rückgang der Fertilität führte bereits Mitte der 1920er Jahre unter das Bestandserhaltungsniveau – auch ohne Pille. Nur zweimal danach, während der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik und eine Generation später in den 1960er Jahren, wurde dieses Niveau kurzzeitig überschritten. Genau genommen ist es schon dreist, dafür die Pille verantwortlich zu machen. Die Natur des Menschen, seine Kultur, ist doch viel zu komplex, um sich so billig aushebeln zu lassen.

Kann man eigentlich davon sprechen, dass sich schon eine dementsprechende Kultur etabliert hat? Ich würde annehmen, dass in einem Fall, wo null bis zwei Kinder in gesellschaftlichen Kreisen zum Regelfall geworden sind, sich das doch auch in der demokratischen und politischen Willensbildung niederschlägt.

Die Demografen können genau ausrechnen, wie viele Kinder unter welchen Bedingungen nötig wären, um die Elterngeneration zahlenmäßig zu ersetzen oder die Bevölkerungszahl konstant zu halten. Die Frage, ob das sinnvoll ist, rührt natürlich an einem tiefen sozialen und zugleich religiösen Weltverständnis, das in der westlichen Welt mit „Seid fruchtbar und mehret euch!" daher kommt und in der islamischen Welt noch strenger formuliert ist. Es in Frage zu stellen ist für viele Menschen Blasphemie. Als Wissenschaftler würde ich diese Frage aus dem Fach heraus auch nie stellen, aber in gesellschaftlicher Verantwortung sehe ich, dass es derzeit bereits über sieben Milliarden Menschen gibt, von denen fast jeder siebente unter Hunger leidet. Die globale Bevölkerungsexplosion bringt derzeit alle 12 Jahre eine Milliarde Menschen Zuwachs, also auch Zuwachs an Leid, Not und Hungertod – und das bei immer knapper werden Ressourcen. Da wäre zumindest ein freiwilliger Verzicht auf Wachstum nicht nur sinnvoll, sondern notwendig. Ich könnte mir vorstellen, dass mit Blick auf das verfügbare Naturdargebot die angemessene und gerechte Regulierung der Geburten die Krönung der Evolution der Zivilisation sein könnte. Aber das ist momentan nicht realisierbar.

Während sich die Geburtenziffern in den alten Bundesländern auf ein konstant niedriges Niveau entwickelt haben, gab es in den neuen Bundesländern in den letzten Jahrzehnten erhebliche Schwankungen. Zwar ist die Ziffer wieder gewachsen, aber das „Nachwendeloch" müsste logischerweise in den nächsten Jahren zurückkehren. Stimmt das?

Die Demografen benutzen dafür die Metapher „demografisches Echo". Einfach übersetzt heißt das: „Wer nicht geboren wurde, der kann auch keine Kinder bekommen. Übrigens fiel die Einführung der „Pille" mit dem demografischen Echo der Geburtenausfälle des zweiten Weltkrieges zusammen, und die Geburtenausfälle zu Beginn der 1970er Jahre in der DDR nach der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs wären zu Beginn der 1990er Jahre im Alter der stärksten Reproduktion gewesen – zwei markante Ereignisse, die sehr deutlich zeigen, dass es in der Demografie keinen Reduktionismus wie „Pille" oder „Wendeknick" geben darf. Die Realität ist doch immer etwas komplexer.

Konkret zur Frage: Ja. Viel wichtiger aber als die nach 1990 nicht geborene Müttergeneration ist die Tatsache, dass vor allem aus den ländlichen Regionen Ostdeutschlands die Frauen im demografisch aktiven Alter, also in der Gruppe vom 18. bis zum 40. Lebensjahr, durch selektive Abwanderung viel stärker reduziert wurde, als durch die Geburtenausfälle nach der Wiedervereinigung. Es wird uns in diesen Gebieten also in den kommenden zehn Jahren mit ungebremster Wucht noch einmal treffen.

Der 6. und letzte Teil unseres Interviews erscheint am Freitag, den 20.07.2012.