Direkt zum Inhalt

Pop-Art als Politikum

DruckversionEinem Freund senden
Im beschaulichen Heidenheim engagiert sich eine Gruppe ehrenamtlicher Historiker gegen das Denkmal für „Wüstenfuchs“ Erwin Rommel. Die lokale Politik und Wirtschaft hat damit einige Schwierigkeiten.
Dienstag, 28. Februar 2012

Was hat ein Naziheld wie Erwin Rommel mit der Bildhauerin Vanessa Henn zu tun? Zunächst einmal gar nichts. Dass dennoch ein Zusammenhang besteht, verdankt sich einer Provinzposse. Die Berliner Künstlerin hatte für Heidenheim, eine beschauliche Stadt am Rande der schwäbischen Ostalb, im Sommer 2010 den Drop geschaffen, ein nachempfundener ausgespuckter Kaugummi in der Tradition der Pop-Art. Von Frau Henn war „erwartet und auch beabsichtigt“ worden, dass mit der Zeit an dem Kaugummi „Äußerungen des Alltagslebens … kleben“ bleiben. „Wie ein Magnet" solle er sich „mit den Ablagerungen des Lebens in der Stadt aufladen".

Nach Monaten belangloser Graffiti erschienen Anfang Dezember 2011 über Nacht auf dem Drop die aufgeklebten Lettern „Generalfeldmarschall Erwin Rommel“. Der Kaugummi war von Nazigegnern zur Karikatur des Heidenheimer Denkmals für den Wehrmachtsgeneral umfunktioniert worden. Plötzlich existierte neben dem „Stein-Rommel“ noch ein „Kaugummi-Rommel“. Der Stadtverwaltung gefiel dies überhaupt nicht. Schon kurz darauf erschien ein Reinigungskommando: Während Graffiti, aufgeklebte Kaugummis, Telefonnummern usw. verbleiben durften, wurde der Rommel-Schriftzug fein säuberlich entfernt. 

Drop Heidenheim

Wurde zur Karikatur des Rommel-Denkmals – der Drop von Heidenheim

Die Künstlerin sah sich eher ungewollt in eine schwierige Lage gebracht. Einerseits hatte sie zunächst noch geäußert, ihre Arbeit auch als „Plakatträger für politische Aktionen … zu akzeptieren“ – sie könne „damit leben“. Doch jetzt, so Henn, habe die Stadt mit der Reinigungsaktion „ihre Position klargemacht“. Damit war klar, wo der Bartel den Most holt: Wohl weil Spenden aus der Heidenheimer Industrie die Entstehung der Skulptur erst möglich gemacht hatten, hielt sie es nunmehr für „nicht wünschenswert, dass sich durch eine gezielte politische Aktion die Bedeutung des Werkes“ eben nur darauf beschränke.

Rommel als Bindeglied zwischen Alter und Neuer Rechten

Diese Geschichte musste vorab erzählt werden, weil sich dahinter die Legende vom „Mythos Rommel“ verbirgt, d. h. eine bis heute andauernde Rommel-Lobhudelei durch die rechte Szene. In Heidenheim, Rommels Geburtsstadt, tritt dies besonders deutlich vor Augen. Hier steht seit 1961 das weltweit einzige Rommeldenkmal. Auf den „Wüstenfuchs“ bezogen heißt es da auf seiner Rückseite: „Aufrecht, ritterlich und tapfer bis zu seinem Tode als Opfer der Gewaltherrschaft“. Die hiesige Öffentlichkeit fand daran über Jahrzehnte hinweg kaum etwas auszusetzen und reagiert momentan auf neue Enthüllungen reichlich verhalten, wenn nicht gar ablehnend. Auf der Ostalb gilt der „Sohn der Stadt“ grundsätzlich als unpolitischer Idealsoldat, der mit der Nazibarbarei nichts zu tun habe.

So etwas aber ist heute deutschlandweit brisant. Denn über „Rommeleien“ finden sich alte und neue Rechte – was niemand wollen kann. Auf lokaler Ebene zeigte sich dies in einer über Monate anhaltenden, inhaltlich gleichwohl unergiebigen Leserbriefdebatte in der Heidenheimer Zeitung. Alte Naziklischees erwiesen sich als weiterhin virulent. So war es etwa einem emsigen Leserbriefschreiber, seinerseits langjähriger Funktionär eines hiesigen Vertriebenenverbandes, besonders wichtig, über sein Eintreten für das Idol Rommel hinaus den einschlägigen schulischen Geschichtsunterricht zu denunzieren, da er sich „allein auf die Festlegung der deutschen Alleinschuld an zwei Weltkriegen“ beschränke; er sei grundsätzlich „darauf ausgerichtet…, uns Schuldgefühle einzubläuen, um endlos kassieren zu können.“ Schuldgefühle, endlos kassieren? Ahnungslose, gut dazu passende Äußerungen junger Gesinnungsgenossen insbesondere im Internetchat sprachen für sich. Überhaupt Ahnungslosigkeit in Sachen Nationalsozialismus: Das ist im 21. Jahrhundert trotz häufiger vordergründiger Thematisierung durch die Medien weiterhin ein Problem. Die Rommellegende etwa lebt, während zuverlässiges Wissen über ihn und seine planmäßige Instrumentalisierung mühsam rekonstruiert werden müssen.

Vom Popstar der Nazis zur Rommellegende nach 1945

Am Anfang stand eine Idee aus dem Ministerium von Joseph Goebbels. Weil 1941 nach dem Scheitern des „Blitzkriegs“ gegen die Sowjetunion die Akzeptanz der gewaltsamen Expansion an der „Heimatfront“ einzubrechen drohte, rückte das randständige „Deutsche Afrikakorps“ plötzlich in den Mittelpunkt propagandistischer Erfolgsmeldungen. Angeblich gebe es in Libyen nur wenige, die Ankunft der Deutschen bejubelnde „Eingeborene“. Keine Juden oder Bolschewisten störten diese Sicht, keine Massenvernichtungen; stattdessen „ritterlicher“ Krieg mit England in fast unbewohntem Gebiet. Legendär wurde das angebliche Braten von Spiegeleiern auf von der Wüstensonne erhitzten Panzerplatten. Unter solchen Rahmenbedingungen fragten sich viele: Welche Siege erringt „unser Rommel“ in Afrika? Die Popularität von Hitlers „Lieblingsgeneral“ erreichte ihren ersten Höhepunkt. Geschickt lanciert von der Propaganda rückte er zum Popstar der Nazis auf. Diese Erinnerung hat bis heute ungefiltert überdauert.

Vieles, was die geschundene Naziseele nach 1945 plagte, ließ sich in Zeiten des demokratischen Aufbruchs nicht länger offen äußern. Als gestürztes Herrenvolk erlebten die Deutschen ihre „Kapitulation“ im Regelfall schmerzlich und als Umwertung aller Werte. Da kam einer wie Rommel gerade recht. Politisch eher naiv, aber unzweifelhaft deutsch bis ins Mark, wurde er jetzt insbesondere von Hans Speidel, seit April 1944 Chef des Stabes der Heeresgruppe B unter Rommel, bald nach 1945 erneut General, zum angeblichen Widerstandskämpfer gegen Hitler stilisiert. Selbst Hollywood strickte kräftig mit: 1952 avancierte Rommel, gespielt von James Mason, gar zum vermeintlichen Anführer des deutschen Offizierswiderstandes. Die öffentliche Wirkung dieser Geschichtsklitterungen im bürgerlich-konservativen Lager war phänomenal. Denn mit Rommel war endlich wieder ein Deutscher gefunden, auf den man öffentlich stolz sein durfte.

Rommel – ein NS-Täter

In der frühen Bundesrepublik wurde die Rommellegende zum grundlegenden Bestandteil einer großen Erzählung im Rahmen der Überhöhung des Widerstandes vom 20. Juli 1944. Ein „alter Kamerad“ wie der Ex-Marinerichter Hans Filbinger, damals baden-württembergischer Innenminister, ließ es sich nicht nehmen, dem Nazigeneral 1961 in Heidenheim persönlich das Denkmal zu weihen. Rommel war geradezu sakrosankt geworden, immunisiert gegen jedwede Kritik.

Niemand wollte wissen, dass Rommel ab 1941 hunderte, vielleicht auch tausende Juden als Zwangsarbeiter beim Straßenbau und zur Räumung britischer Minenfelder missbraucht hatte. Oder dass Angehörige seiner Truppe mindestens einmal im Januar 1942 in ein Judenpogrom in Bengasi verwickelt waren. Auch im Dunkeln blieb, dass das Afrikakorps im Juni 1942 vor Bir Hacheim tagelang gegen etwa eintausend deutsche bzw. österreichische Emigranten kämpfen musste und Hitler prompt einen „Führerbefehl“, ihre sofortige Ermordung betreffend, geschickt hatte.

Der vorrückende Rommel hatte als „personifizierter Hitler“ die jüdischen Emigranten Palästinas in Angst und Schrecken versetzt: Würden sie ein weiteres Mal ihre Heimat verlieren? Vielleicht auch ihre Freiheit oder gar ihr Leben? Unwahrscheinlich war das nicht, denn auch in Libyen und Tunesien hatte es Konzentrationslager gegeben - neuen Veröffentlichungen aus Italien zufolge wohl sogar mit deutschen „Beratern“.

Rommel-Denkmal, Heidenheim

Rommel-Denkmal in Heidenheim

Die lokale NS-Vergangenheit aufarbeiten

In Heidenheim hat die „Geschichtswerkstatt“ den Abriss des Rommeldenkmals gefordert, weil Rommel „nicht Opfer, sondern bis in seinen Tod ein williges Werkzeug des NS-Staates“ gewesen sei. Rommel eigne sich nicht zur Verehrung. Das Denkmal verweise „auf einen 1961 noch nicht überwundenen militaristischen Zeitgeist. Es ist unserer freiheitlich-aufgeklärten Zivilgesellschaft unwürdig“, erklärten die Historiker.

In solchen Zeilen spiegelt sich eine historische Reflexion, die auch anderswo beispielhaft sein könnte bei der Aufarbeitung der lokalen NS-Vergangenheit. Humanisten könnten hierbei ihren gewichtigen Teil beitragen. Denn Empathie und Zivilcourage werden sich immer gegen geschichtsvergessene Haltungen stellen, auf deren Grundlage rechte Zellen wie in Zwickau überhaupt erst möglich werden. Leider reicht diese offiziell geächtete Mentalität bis heute tief hinein in das bürgerliche Milieu. Die Rommelverehrung in Heidenheim ist lediglich eine sichtbare Spitze dieses in seinen Ausmaßen weitgehend unerforschten Eisbergs.

Nach wie vor fehlt für viele Teile des Landes die Aufarbeitung der regionalen NS-Geschichte. In manchen Regionen hat braunes Gedankengut immer noch seinen kaum reflektierten Platz. Wir brauchen viele Initiativen zur Aufklärung der Nazizeit vor Ort, vor allem dort, wo bis heute eisern geschwiegen wird. Inzwischen ist ein geschärfter Blick auf lokale Täter möglich, weil sich nach Ablauf von Sperrfristen die Archive einer entsprechenden Forschung geöffnet haben. Einer wie Rommel wird damit gerade auf seine reale historische Bedeutung zurückgestutzt. Andere werden hoffentlich folgen.