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PID in Europa

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Der Deutsche Ethikrat geht in seiner Stellungnahme zur Präimplantationsdiagnostik (PID) auch auf die Regelungen in anderen europäischen Staaten ein. Während in elf Staaten (Belgien, Dänemark, England, Frankreich, Griechenland, Island, Niederlande, Schweden, Norwegen, Spanien und Tschechien) PID gesetzlich erlaubt ist, besteht in Österreich, Italien und der Schweiz ein gesetzliches PID-Verbot. In Portugal und Luxemburg fehlt, wie auch in den meisten osteuropäischen Staaten, eine nationale gesetzliche Regelung. Auch in Irland ist dies der Fall, hier wird ein PID-Verbot aber aus der Verfassung abgeleitet.
Mittwoch, 1. Juni 2011

In Belgien wird PID seit 1993 angewandt. 2003 erfolgte eine implizite Regelung im Rahmen des Gesetzes zur Forschung an Embryonen, 2007 erfolgte die explizite PID-Regelung im Gesetz zur medizinisch assistierten Fortpflanzung. PID ist demnach begrenzt erlaubt und wird nach Beratung an einem von 21 lizensierten Zentren durchgeführt. Die Zentren bestimmen selbst, für welche Krankheiten sie PID anbieten. Verboten bleibt PID für eine nicht-pathologische, Embryonenauswahl. Eine HLA-Typisierung, mit deren Hilfe Geschwisterkinder gezeugt werden können, die Blut-Stammzellen für kranke Geschwister spenden können, ist möglich, wenn sich der Kinderwunsch im Beratungsgespräch als unabhängig von der Therapie eines bereits erkrankten, lebenden Geschwisterkindes erweist.

Seit Beschluss des Bioethikgesetzes im Jahr 1994 ist die PID in Frankreich im Kontext mit der Anwendung der Pränataldiagnostik (PND) explizit geregelt. Seit 2004 ist PID nur dann zugelassen, wenn bei Paaren ein großes Risiko besteht, Kinder mit einer „besonders schweren" genetischen Krankheit zu bekommen. Eine PID darf nur dann in einem der drei zugelassenen Zentren durchgeführt werden, wenn die genetische Krankheit bei mindestens einem Elternteil oder Geschwisterkind attestiert wurde, der genetische Defekt als unheilbar gilt und das Paar der PID schriftlich zugestimmt hat. Für die Inanspruchnahme einer PID wird eine ärztliche Bescheinigung aus einem von 50 multidisziplinären Zentren für pränatale Diagnostik benötigt. Paare aus anderen Staaten sind von einer Behandlung ausgeschlossen. 2004 wurde die PID-Anwendung explizit auf die HLA-Typisierung und die Chorea Huntington-Krankheit erweitert. Das Aneuploidie-Screening, z.B. zur Feststellung von Trisomie, ist weiterhin verboten.

Vorreiter der PID-Anwendung ist Großbritannien, wo das Verfahren bereits 1990 implizit im Human Fertilization and Embryology Act erfasst wurde. 2002 wurde die Regelung erweitert und seither ist auch das Aneuploidie-Screening möglich. Eine PID kann dann in Anspruch genommen werden, wenn schwerwiegende Erbkrankheiten oder chromosomale Störungen vorliegen oder - unter bestimmten Voraussetzungen - eine Gewebespende für ein bereits lebendes, erkranktes Geschwisterkind infrage kommt. An insgesamt neun lizenzierten Zentren wird in Großbritannien das PID-Verfahren durchgeführt.

In Schweden darf PID nur angewandt werden, um eine schwere, progressiv verlaufende Erbkrankheit oder Chromosomenstörung zu diagnostizieren, die zu einem frühen Tod führen könnte und für die keine Behandlung verfügbar ist. Wenn ein Elternteil für eine ernsthafte monogenetische oder chromosomale Erbkrankheit vorbelastet ist und die Wahrscheinlichkeit hoch ist, ein Kind mit dieser Krankheit zu haben, ist eine PID erlaubt. Auch die PID für sog. „Rettungsgeschwister", mit deren gesunden Erbanlagen kranken Geschwistern geholfen werden kann, ist in Schweden erlaubt, ebenso zur Feststellung der Huntington-Krankheit.

Auch in Dänemark, Griechenland, Island, Niederlande, Norwegen, Spanien und Tschechien ist die PID gesetzlich erlaubt. In Dänemark, Norwegen und Tschechien ist das Verfahren begrenzt auf schwere diagnostische Erkrankungen, wobei in Dänemark ergänzend gefordert wird, dass eine PID nur bei unheilbaren Erkrankungen oder Krankheiten, die frühzeitig zum Tode führen, angewandt wird. Eine Selektion nach Geschlechtern ist in Dänemark, Frankreich und Schweden prinzipiell verboten, soll aber zur Verhinderung einer schweren geschlechtsgebundenen Krankheit möglich sein. In Norwegen und Griechenland ist eine Einbettung der PID in eine ärztliche Beratung, wie in Frankreich, notwendig. In Griechenland und Tschechien darf PID ebenfalls nur an lizenzierten Zentren durchgeführt werden. Lediglich in Frankreich und Dänemark werden die Kosten einer PID vom sozialen Sicherungssystem übernommen, in Großbritannien trifft eine lokale Kommission des staatlichen Gesundheitssystems Einzelfallentscheidungen zur Kostenübernahme.

Wie der Deutsche Ethikrat in seiner Analyse der PID-Regelung in ausgewählten Staaten festgestellt hat, hat die gesetzliche Freigabe des Diagnoseverfahrens nicht zu einem sprunghaften Anstieg der Behandlungsfälle geführt. Diese Befürchtung wird von PID-Gegnern immer wieder ins Spiel gebracht. In allen Staaten, für die dem Ethikrat Statistiken vorlagen, bewegte sich die Anzahl der durchgeführten PID-Verfahren in den vergangenen Jahren im unteren dreistelligen Bereich. In Frankreich stieg die Zahl der durchgeführten PID von 193 (2005) auf 278 (2008), in Großbritannien von 84 (2004) auf 182 (2008).

In der sonst liberalen Schweiz ist die PID an Embryonen grundsätzlich verboten. Allerdings überarbeitet der Bundesrat seit 2009 das Fortpflanzungsmedizingesetz. Nach einem ersten Entwurf soll eine PID nur dann erlaubt sein, wenn die Gefahr, dass ein Kind Träger einer bei den Eltern nachgewiesenen Erbkrankheit wird, nicht anders abgewendet werden kann. Dies gilt nur für Krankheiten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit bis zum 50. Lebensjahr ausbrechen und für die es keine zweckmäßige und wirksame Therapie gibt.

In Österreich ist PID, auch wenn die Diagnostik nicht direkt benannt wird, nach vorherrschender Auffassung durch das nationale Fortpflanzungsgesetz von 1992 verboten. Die österreichische Bioethikkommission plädierte 2004 aber für eine begrenzte Zulassung der PID.

In Italien verbietet seit 2004 ein Gesetz zur Regelung der medizinisch unterstützten Fortpflanzung jegliche Form der Selektion von Embryonen oder Gameten, außer wenn damit therapeutische oder diagnostische Zwecke zum Schutz des Embryos verbunden sind. Ein Gericht ließ im vergangenen Jahr aber eine PID zum Test auf eine Form des Muskelschwunds zu.