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Dr. Atef Botros, Initiator des Egyptian German Network for Changing Egypt
Mittwoch, 16. Februar 2011
Dr. Atef Botros

Dr. Atef Botros, Initiator des Egyptian German Network for Changing Egypt

Wie oft hören sie von Verwandten und Freunden in Ägypten und wie geht es denen?
Dr. Atef Botros: Ich habe täglich Kontakt zu vielen Aktivisten auf dem Tahrir-Platz. Sie sind starke, mutige und wunderbare Menschen. Einige Freunde oder Verwandte demonstrieren nicht mit, manche haben auch Angst, sind besorgt, skeptisch.

Woher kommt die plötzliche Wut der Ägypter?
Die Wut der Ägypter richtet sich gegen die Strukturen und Mentalität des alten verbrecherischen Regimes. Da aber die meisten westlichen Regierungen dieses unterstützt haben, um die eigenen Interessen zu schützen, und auch jetzt keine klare Haltung einnehmen, sind die Ägypter enttäuscht. Ich glaube, dass man hier im Westen langsam die Grausamkeiten des Regimes erkennt und die Revolution zu verstehen beginnt.

Was spricht für einen demokratischen Wandel in Ägypten?
Wenn Millionen Menschen für ihre Grundrechte trotz des brutalen Vorgehens des Regimes auf die Straße gehen und wenn sie es schaffen, das Regime zu stürzen, dann werden sie auch garantiert in der Lage sein, eine Demokratie aufzubauen.

Wie berechtigt sind die westlichen Befürchtungen, die religiösen Fundamentalisten könnten bei einer demokratischen Wahl den Sieg davontragen?
Völker haben das Recht, über sich selbst zu entscheiden. Die Ägypter machen eine einmalige Erfahrung mit der eigenen Demokratisierung. Sie lernen gerade sehr viel und schnell und zeigen, dass sie Ideologien ablehnen. Religion und Ideologie spielt hier fast keine Rolle. Die Islamisten haben keine Legitimation mehr und werden eine geringe Rolle spielen. Warum begreift man hier nicht, dass Islamisten und Terrorismus immer Produkte repressiver Regime sind? Diktatur und Folter sind die besten Schulen für Terroristen. Die beste und einzige Bekämpfung der islamistischen Ideologie ist hingegen die Emanzipation und die selbstgemachte Demokratisierung. Gerade das passiert jetzt in Ägypten.

Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz und ihr Bündnis fordern ein modernes säkulares Ägypten. Ist das zerstrittene Lager der säkularen Kräfte regierungsfähig?
Ja, es gibt nur eine legitime Kraft auf der Straße, die Massen. Die sind nicht zerstritten, sondern haben sehr klare Forderungen. Außerdem gehören auch Spaltungen zum Pluralismus.

Wie empfinden Ägypter die westlichen Forderungen nach regionaler Stabilität, während sie für demokratische Reformen auf die Straße gehen?
Sie wollen in Freiheit leben und haben es auch verdient, ob der Westen will oder nicht! Zudem haben sie gerade andere Sorgen. Außerdem muss man den Stabilitätsbegriff überdenken, Diktatur und Folter garantieren keine Stabilität, eher führen sie zu Zorn und Revolution.