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Max Beckmann – Ein Ausstellungstriptychon

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Drei Ausstellungen ermöglichen eine intensive Auseinandersetzung mit dem Werk von Max Beckmann, dem deutschen „Titanen der Moderne“.
Montag, 26. September 2011

Ich muss Ihnen nicht erst sagen, dass eine gedankenlose Nachahmung der Natur nicht in Frage kommt. Bitte denken Sie immer an diesen Grundsatz – den wichtigsten, den ich Ihnen mitgeben kann. Wenn Sie einen Gegenstand darstellen wollen, bedarf es zweier Elemente: Erstens muss die Identifikation mit dem Gegenstand vollkommen sein, und zweitens müsste noch etwas völlig anderes im Spiel sein. Dieses zweite Element lässt sich nur schwer erklären. Fast so schwer, wie sein eigenes Selbst zu finden. Tatsächlich suchen wir alle eben dieses Element unseres eigenen Selbst.

Mit diesen Worten trat Max Beckmann (geb. 1884 in Leipzig, gest. 1950 in New York) im September 1947 vor seine erste amerikanische Malklasse an der Washington University, nachdem er nur wenige Monate zuvor sein bitter empfundenes Exil in Amsterdam verließ und mit seiner zweiten Frau Quappi nach Amerika auswanderte. Die an seine Studenten gerichteten Worte wurden schnell zur programmatischen Erklärung von Beckmanns Werk und Werkprozess. Diesen kann man im Herbst in drei fast zeitgleich stattfindenden Ausstellungen nachspüren. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Herangehensweisen bringen die Bilderschauen in Leipzig, Basel und Frankfurt/Main dem Besucher nahe, wie auch Beckmann stets auf der Suche nach diesem eigenen Selbst war und wie er dieses Selbst in seinen Bildern verankerte. Die drei Werkschauen fügen sich wie ein Beckmann-Triptychon zu einem Ganzen, welches zwar unterschiedliche Aspekte ins Auge fasst, aber dennoch ein Gesamtbild entstehen lässt.

Beckmanns Landschaften in Basel

Max Beckmann: Das Nizza in Frankfurt am Main

Max Beckmann (1884–1950). Das Nizza in Frankfurt am Main, 1921. Öl auf Leinwand, 100.5 x 65 cm. Kunstmuseum Basel. Foto: Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler | © ProLitteris, Zürich

Das Kunstmuseum Basel wendet sich Beckmanns Landschaften zu. Als Maler der condition humaine hat Beckmann das Landschaftsbild auf grandiose Weise erneuert. In einer Zeit, in der der Gattungsbegriff nahezu aufgelöst wurde, griff er für seine Landschaftsmalereien auf den klassischen Begriff der Landschaftsmalerei zurück und experimentierte mit dessen Grenzen. Der sensible Blick auf die Natur und deren Wirkung auf die seelische Verfasstheit des Menschen eines Caspar David Friedrich finden sich auch in seinen Werken wieder, wenngleich bei ihm weniger die Natur auf seine Verfasstheit wirkte, als vielmehr seine Verfasstheit auf die Wahrnehmung der Landschaft.

Die Baseler Schau folgt Beckmanns Lebensweg und strukturiert sein Landschaftswerk in fünf Stationen: Weimar und Berlin, Frankfurt/Main, noch einmal Berlin, das Exil in Amsterdam und schließlich die amerikanischen Jahre. Diese Anordnung kommt Beckmanns biografisch geprägtem Landschaftswerk, das mit Industrieabbildungen, Fensterblicken und Stadtansichten von einem stark gedehnten Begriff der Landschaft Gebrauch macht, entgegen. Ausgangs- und Angelpunkt ist das als entartete Kunst von den Nationalsozialisten aus dem Frankfurter Städel-Museum entfernte Gemälde Das Nizza in Frankfurt am Main, welches seit 1939 im Besitz des Kunstmuseums Basel ist. Daneben sind auch Gemälde, die sich in Privatbesitz befinden und zum Teil seit Jahrzehnten nicht zu sehen waren, wie etwa Hermsdorfer Wald oder Blaues Meer mit Strandkörben, in Basel zu sehen.

Folgt man den knapp 70 in Basel ausgestellten Landschaften – angefangen bei Große Buhne von 1905 und endend mit Mühle im Eukalyptuswald aus dem Sommer 1950 – kann man Beckmanns Suche nach dem eigenen Selbst nachempfinden. Er begegnete sich darin selbst, verortete sich und seine Zeit in seinen Landschaftsgemälden, reagierte auf die Orte seines Aufenthalts und träumte sich von ihnen fort.

Der Traum als Mittel, das „völlig andere" im Bild umzusetzen, spielt bei Beckmanns Landschaften eine besondere Rolle. Sie sind vielmehr Traumbilder als realistische Abbildungen der Landschaften. Es sind Erinnerungsaufnahmen mit realem Bezug, in denen Beckmann die wahrgenommene Atmosphäre mit persönlichen Stimmungen und den äußeren Anfechtungen seiner Zeit verdichtet hat. „Was ich geschaffen habe, sind nur die abgeworfenen Häute meines Selbst", schrieb er am 8. September 1940 in sein Tagebuch.

Postkarten und selbst angefertigte Skizzen dienten ihm meist als Grundlage seiner Erinnerungsbilder. Beeindruckend veranschaulicht dies die Edition seiner Skizzenbücher, die im vergangenen Jahr erschienen ist. In den dort versammelten grafischen Ideenbüchern klingen Auszüge und Details der später gezeichneten Bilder an unterschiedlichen Stellen an.

Leipzig präsentiert den Porträtmaler

Max Beckmann: Selbstbildnis mit Zigarette, 1947

Max Beckmann (1884-1950). Selbstbildnis mit Zigarette, 1947. Öl auf Leinwand, 63,5 x 45,5 cm. Dortmund, Museum Ostwall im Dortmunder U. Foto: Jürgen Spiler, Dortmund | © VG Bild-Kunst, 2011

Der direkten Konfrontation mit seinem Selbst kann man in idealer Weise in Leipzig nachgehen. Die Ausstellung Von Angesicht zu Angesicht in Beckmanns Geburtsort versammelt nach fast 50 Jahren erstmals wieder eine Vielzahl von Porträt-, Familien- und Gruppenbildnissen. Neben rund 50 Gemälden sind auch etwa 100 Druckgrafiken und Skizzen versammelt. Zuletzt war eine solche (Selbst-)Portrait-Schau Max Beckmanns 1963 im Badischen Kunstverein zu sehen.

Mit Menschen aus seinem näheren Umfeld befasste sich Beckmann immer wieder porträtierend. An ihm vertrauten Personen, wie seinen beiden Frauen Minna Beckmann-Tube und Mathilde „Quappi" Kaulbach oder dem Ehepaar Battenberg, übte er immer wieder die malerische Ausführung des Physiognomischen als Spiegel des Innenlebens. Aber auch die eigene Verfasstheit reflektierte er immer wieder im Zeichnen des eigenen Antlitzes. Dem Betrachter begegnet auch Familiengeschichte. Auf Familienbild bildete er beide Ehefrauen ab und auf dem 1924 entstandenen Gemälde Siesta übermalte er Minnas Antlitz 1931 mit Quappis Gesicht.

Die Leipziger Ausstellungsmacher bedienen sich einem weit gefassten Porträtbegriff, um zu veranschaulichen, was Kunstsammler und Beckmann-Freund Stephan Lackner einst als „malerisches Welttheater Beckmanns" bezeichnete. So zeigen sie, wie Beckmann das Mythologische am Alltäglichen verifizierte, indem er auf kulissenhafte Inszenierungen zurückgriff. Alltagsbeobachtungen, etwa aus dem Zirkus oder dem Varieté, paarte er mit symbolisch ausgestatteten und ikonographisch aufgeladenen Figuren, die er mit bereits bekannten Gesichtern versah. Zu diesem allegorischen Welttheater sind auch Beckmanns Gemälde von Menschenansammlungen zu zählen, auf denen sich zahlreiche bekannte Gesichter wiederfinden.

Vom Exilierten zum Star – Frankfurt/Main zeigt Beckmann in Amerika

Max Beckmann: Abstürzender

Max Beckmann (1884-1950). Abstürzender, 1950. Öl auf Leinwand, 141 x 88,8 cm. Foto: Image courtesy of the National Gallery of Art, Washington | © VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Im Frankfurter Städel begleitet die Retrospektive Max Beckmann & Amerika die sukzessive Eröffnung des Museumsneubaus. Sie wendet sich mit etwa 50 Gemälden und 60 Zeichnungen Beckmanns letzter Werkphase zu, zeigt aber auch Gemälde, die viele Jahre vor der Emigration entstanden sind und zur belastenden Vorgeschichte der amerikanischen Jahre gehören (Kreuzabnahme, Der Befreite, Die Weintraube).

Als Beckmann 1947 das Exil in Amsterdam verließ und nach Amerika auswanderte, war das für ihn wie eine Befreiung. Der zwangsweise Exilierte wurde zum freiwillig Emigrierten. Noch drei Jahre nach seiner Ausreise erinnerte er sich vor Freunden an das befreiende Gefühl der Überfahrt: „Sie können nicht ermessen, was das für ein innerer Umschwung war für mich, in dies friedliche Land zu kommen, nach den furchtbaren Zerstörungen, die ich in Europa miterleben musste."

In den USA war Beckmann bei seiner Ankunft bereits ein Star. Im MOMA hingen seine Werke neben Pablo Picasso und Fernand Léger. Die Demütigung der Entartung seiner Kunst und des Exils konnte er hinter sich lassen. Mit der kunsthistorischen Entwicklung des europäischen Expressionismus hin zu einem amerikanischen, abstrakten Expressionismus, dem „Geschrei der Avantgarde" – zelebriert von Jackson Pollock, Mark Rothko oder Willem De Kooning – setzte sich Beckmann nicht auseinander. Stattdessen dachte er intensiv über sich selbst nach, reflektierte naturphilosophische und theosophisch-gnostische Fragen. Beleg dafür sind die drei großen, mythologisch überfrachteten Triptychen Beginning, Departure und Argonauten, die in Frankfurt zu sehen sind.

In den USA erhält er mehrere Lehraufträge, wird zu Vorträgen und Ausstellungen seiner Werke in den wichtigsten Museen des Landes eingeladen. Seine Reiseerlebnisse und -eindrücke verarbeitete er in unzähligen Zeichnungen und Skizzen, aus denen teilweise Gemälde entstanden. Er schuf in der Zeit auch einige Landschaftsstudien und zahlreiche Porträts der ihn Umgebenden. Der Städel-Ausstellung gelingt damit unfreiwillig glücklich die Synthese der Beckmann-Schauen in Leipzig und Basel. Gemeinsam eröffnen die drei Ausstellungen die einmalige Möglichkeit, sich umfassend mit dem „Titanen der Moderne" auseinanderzusetzen.

Ausstellungen Max Beckmann
Max Beckmann, Die Landschaften

4.9.2011 – 21.1.2012. Die Landschaften. Kunstmuseum Basel.
Katalog erscheint bei Hatje/Cantz.

Max Beckmann, Von Angesicht zu Angesicht

17.9.2011 – 22.1.2012. Von Angesicht zu Angesicht. Museum der bildenden Künste Leipzig.
Katalog erscheint bei Hatje/Cantz.

Max Beckmann, Amerika

7.10.2011 – 8.1.2012. Max Beckmann & Amerika. Städel Museum Frankfurt/Main.
Katalog erscheint bei Hatje/Cantz.