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"Ich finde diesen Paternalismus dreist"

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Der Berliner Staatsrechtler und Bestsellerautor Bernhard Schlink hat in der vergangenen Woche eine völlige Freigabe der Gentests an Embryonen gefordert. Seine Position entspricht der der Giordano Bruno Stiftung, die ebenfalls eine totale Freigabe gefordert hat.
Dienstag, 14. Juni 2011

Wie die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO) vermeldet, hat der Jurist und Schriftsteller Bernhard Schlink auf einer Podiumsdiskussion am vergangenen Donnerstag abend die völlige Freigabe der Gentests an Embryonen gefordert. Alle drei Gesetzentwürfe zur Präimplantationsdiagnostik (PID), über die der Bundestag vorausssichtlich noch im Juni abstimmen wird, seien "von der Vorstellung von verantwortungslosen Eltern, die es zu gängeln gilt" geprägt, sagte Schlink.

Bernhard Schlink

Ein Mann von Welt. Bernhard Schlink in Saint-Paul-de-Vence | © Walter Popp via Wikimedia Commons

Damit liegt er ganz auf der Linie der Ethikkommission der Giordano Bruno Stiftung (GBS). Diese hatte in einer Stellungnahme bereits im Februar die Freigabe der PID für alle Menschen gefordert, die den „beschwerlichen Weg" einer künstlichen Befruchtung wählen.

In einem liberalen Gemeinwesen sollten mündige Bürgerinnen und Bürger tun und lassen können, was sie wollen, solange es ihnen nicht mit guten Gründen verboten werden kann.

Gute, verallgemeinerungsfähigen Gründe für ein Verbot von PID, auf die sich die theologischen Mitglieder im Nationalen Ethikrat berufen hatten, gebe es nicht, erklärte die gbs-Ethikkommission (siehe diesseits-Leitartikel).

Der frühere EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber nahm umgehend die konträre Position ein. Neue Entwicklungen im Bereich der Bioethik seien "kritisch zu prüfen" und es sei "ihnen unter Umständen Grenzen zu setzen". Der ärztliche Beruf berge einen "Expansionsdrang", der dazu führe, dass all das gemacht wird, was gemacht werden kann, sagte Bischof Huber EKBO zufolge. Daher müsse der Gesetzgeber hier aktiv werden.

Betrachtet man diese Haltung im Zusammenhang mit der kirchlichen Position zu einem selbstbestimmten Lebensende, wird deutlich, wie doppelzüngig Hubers Argument ist. Denn am Lebensende plädiert die Kirche für jede lebenserhaltende Maßnahme, wahrscheinlich um "Gottes Schöpfung" - so der theologische Begriff allen Lebens - so lang wie möglich zu bewahren. Gilt am Lebensanfang das Primat der Natur, hat am Lebensende die Medizin den Vorrang. Da kann und soll die Ärzteschaft dann plötzlich "all das machen, was gemacht werden kann". Eine solche Position ist zynisch und zeigt, wie weit Kirche von den Menschen fern ist.

Dass Bischof Huber mit seiner moralisierenden Position auch in Fachkreisen auf taube Ohren stößt, beweist nicht zuletzt der Beschluss der Bundesärztekammer, die auf dem 114. Bundesärztetag in Kiel beschlossen hatte, die PID "in engen Grenzen und unter kontrollierten Voraussetzungen" zuzulassen. In dem beschlossenen Memorandum heißt es:

Bundesärztekammer

Unter Gesichtspunkten der Zumutbarkeit für die Frau und des Entwicklungsstandes des vorgeburtlichen Lebens ist die In-vitro-Befruchtung mit PID in bestimmten Fällen ethisch weniger problematisch als eine mit nachfolgendem Schwangerschaftsabbruch. Gegen die Befürchtung eines Dammbruchs spricht die internationale Erfahrung. Aus ethischer Sicht fallen die Persönlichkeitsrechte und das Selbstbestimmungsrecht der Frau bzw. des Paares, ihre Gewissensfreiheit sowie ihre Gewissensverantwortung - auch mit Blick auf das erhoffte Kind - ins Gewicht.

Die Ärzteschaft sei sich ihrer Verantwortung bewusst und würde bei einer gesetzlichen Zulassung der PID an einer entsprechenden Umsetzung nicht zuletzt auch "im Interesse einer optimalen Versorgung und Behandlung der betroffenen Paare umsichtig mitwirken."

Je näher eine Entscheidung im Bundestag rückt, desto offensiver führen die Kirchen ihre Lobbyarbeit gegen eine Zulassung der PID. Deutlich macht die ein Bericht von Domradio aus der vergangenen Woche, der stolz verkündet, dass die Bundestagsabgeordneten in der vorangegangenen Woche Post von dem katholischen Bischof von Erfurt Joachim Wanke und der Bischöfin der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland Ilse Junkermann erhalten haben, in dem diese kritisch zu PID Stellung nehmen. Sie hätten schrieben, dass mit der Zulassung der PID „eine moralisch nicht zu begründende Herrschaft der Geborenen über die Ungeborenen" errichtet werde und sich gegen PID ausgesprochen.

Bereits zuvor hatten sich die norddeutschen Kirchenvertreter kritisch per Brief an die Bundestagsabgeordneten gewandt, namentlich die evangelischen Bischöfe Hans-Jürgen Abromeit (Pommersche Evangelische Kirche), Andreas von Maltzahn (Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs) und Gerhard Ulrich (Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche) sowie der katholische Erzbischof Werner Thissen aus Hamburg und der katholische Weihbischof Matthias Heinrich aus Berlin. Auch der pfälzische Kirchenpräsident Christian Schad und der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann sprachen sich gegen die PID aus.

Bestsellerautor Bernhard Schlink, der mit Titeln wie Der Vorleser oder seiner Selbs-Krimireihe bekannt wurde, kritisierte die Argumentation mit doppelten Maßstäben. Die Gegner der Gentests wollten künstlich erzeugte Eizellen viel stärker schützen als natürlich befruchtete Eizellen. Wenn diese, wie es oft geschieht, vor der Einnistung absterben, werde für sie "keine Gedenkmesse gelesen", sagte Schlink: "Das reimt sich für mich nicht zusammen."

Im Spiegel 25/2011 erklärte sich Bernhard Schlink nochmals ausführlich. Sein Beitrag Die Würde in vitro kann man hier nachlesen.