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Das Humanistische Selbstverständnis ist kein Bekenntnis

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"Der HVD darf nicht den Fehler der Kirchen wiederholen, die eigene Institution in das „Bekenntnis“, d.h. in unserem Falle die Definition von Humanismus, einzuschließen bzw. das Selbstverständnis zum Bekenntnis zu erklären."
Dienstag, 19. April 2011

Auf der diesjährigen Bundesdelegiertenversammlung in Nürnberg wurde u.a. beschlossen, dass das Humanistische Selbstverständnis nicht nur redaktionell, sondern auch inhaltlich mit dem Ziel einer stärkeren Profilierung überarbeitet werden soll. Dieses Vorhaben steht mit der Bekenntnisdebatte in engem Zusammenhang, nicht selten werden das Selbstverständnis des HVD und „Humanistisches Bekenntnis" verwechselt oder gleichgesetzt. Wir müssen diese Debatte differenzierter angehen, um sie nachvollziehbar zu machen.

„Bekenntnis"

Ich plädiere dafür, unser Verständnis von Humanismus einfach zu halten. Eine solche Definition wird den HVD deutlich von religiösen und dogmatischen weltlichen Ideologien abgrenzen. Wenn man diese Definition für die Beschreibung der eigenen Weltsicht annimmt, kann man sie Bekenntnis nennen. Man muss es aber nicht. Es sollte uns genügen, dass sie im juristischen Sinne ein Bekenntnis darstellt.

Engel mit Kopf im Sand

Der HVD sollte nicht den Fehler der Kirchen machen und sich mit einem Bekenntnis quasireligiösen Deutungen ausliefern

(...)
Ich glaube an den Heiligen Geist,

die heilige katholische (bzw. christliche) Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.
Amen.
(Apostolisches Glaubensbekenntnis)

Der HVD darf nicht den Fehler der Kirchen wiederholen, die eigene Institution in das „Bekenntnis", d.h. in unserem Falle die Definition von Humanismus, einzuschließen bzw. das Selbstverständnis zum Bekenntnis zu erklären. Schließlich ist der HVD nicht nur eine Weltanschauungsgemeinschaft, also eine Vereinigung von Humanisten, sondern auch eine Interessenvertretung für nicht organisierte Konfessionsfreie und damit auch von Humanisten, die sich nicht zum HVD als Institution „bekennen". Ein weiterer Fehler wäre, die Definition von Humanismus unnötig eng zu fassen, um Überschneidungen mit anderen säkularen Organisationen zu vermeiden.

Was ist Humanismus?

Stephen Law_Humanism. A very short Introduction

Was ist Humanismus? Lutz Renken bezieht sich in seinen Ausführungen auf Stephen Law's „Humanism. A very short introduction" Antworten auf diese Fragen. Sicherlich ist in der Fülle der Schriften des HVD Ähnliches zu finden.

An dieser Stelle will ich eine Definition von weltlichem Humanismus vorschlagen:

  1. Humanisten schätzen Wissenschaft und kritische Vernunft. Kein Bereich sollte von kritischer Analyse ausgenommen werden.
  2. Humanisten sind Atheisten oder Agnostiker (gegenüber Göttern, Engeln, Dämonen, übernatürlichen Mächten). Dies ist kein irrationales Dogma, sondern folgt als Konsequenz aus der Anwendung kritischer Vernunft.
  3. Für Humanisten zählt das Diesseits, das einmalige, unwiederholbare Leben.
  4. Humanisten betonen die Bedeutung ethisch-moralischen Handelns. Richtschnur sind die realen Auswirkungen des Handelns im Gegensatz zu religiösen Dogmen.
  5. Humanisten betonen ihre Eigenverantwortung und Selbstbestimmung. Sie bestreiten, dass die Verantwortung für ihr Handeln an andere Autoritäten abgegeben werden kann, z.B. an Religionen oder politische Führer.
  6. Humanisten führen ein erfülltes Leben, ohne dass ein absoluter Sinn von einer höheren Macht vorgegeben ist.
  7. Humanisten sind Säkularisten. Sie wollen eine offene, demokratische Gesellschaft; einen Staat, der sich gegenüber Religion und Weltanschauung neutral verhält.

Humanisten müssen nicht notwendigerweise

  1. utopisch denken; glauben, dass Anwendung von Vernunft und Wissenschaft automatisch in einer idealen Gesellschaft mündet.
  2. glauben, dass für eine humanistische Ethik nur der Mensch zählt.
  3. Utilitaristen sein, dass nur Glück und Leid ethisch-moralisch relevante Größen darstellen.
  4. strenge Naturalisten sein, für die außer der physikalischen Welt nichts existiert wie z.B. die Welt der Zahlen oder die Welt der geistigen und kulturellen Gehalte (Popper). (Die Definition des Naturalismus im weiteren Sinne als Annahme, dass es auf der Welt mit rechten Dingen zugeht, werden dagegen alle Humanisten unterstützen.)
  5. „wissenschaftsgläubige Szientisten" sein; glauben, dass alles wissenschaftlich erklärbar sei, einschließlich moralischer Fragen oder z.B. der Frage, warum überhaupt etwas existiert.

Selbstverständnis

Das Selbstverständnis des HVD ist in mindestens drei Bereiche zu unterteilen:

  1. Eine weite, aber knappe und klare Definition des Humanismus als weltanschaulicher Kern („Bekenntnis").
  2. Humanistische Praxis als Weltanschauungspflege.
  3. Vertretung der Interessen von Humanisten und Konfessionsfreien:

Zur Humanistischen Praxis gehören Lebensfeiern (u.a. Jugendfeier, Trauerfeier), soziale humanistische Dienstleitungen und Einrichtungen (u.a. KiTas, Schulen und Lebenskundeunterricht; Humanistischen Akademien, Hospize und Patientenverfügungen) sowie gemeinschaftliche Unternehmungen (u.a. philosophische und geselligen Treffen und Feste, Tagungen, Vorträge). Die Umsetzung der Interessen der Konfessionsfreien und Humanisten wird durch die Formulierung politischer Forderungen (Sterbehilfe, Ethik für alle/Lebenskunde, PID etc. Auch die Frage nach Gleichbehandlung von Weltanschauung und Religion vs. strikte Trennung Staat und Religion gehört dazu.) sowie mittels strategischer Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit vorangetrieben.

Die „Profilierung" des HVD unterscheidet sich zwischen den einzelnen Punkten deutlich. Während Punkt 1 den HVD besonders von religiösen Ideologien abgrenzt, unterscheidet sich der HVD unter Punkt 2 von anderen säkularen Organisationen. Unter Punkt 3 sollten wir unsere Forderungen und Ziele aus uns selbst heraus entwickeln und dann nach Partnern suchen, um die einzelnen Forderungen und Ziele durchzusetzen.

Machen wir es uns nicht schwerer als es ist und differenzieren in unseren Debatten die Bereiche „Bekenntnis", praktische Ausrichtung und strategisch-politische Ziele.