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Humanisten und ihre Auffassung über „Gott und die Welt“

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Werte und Ideale für eine moderne, säkulare Gesellschaft.
Montag, 18. April 2011

diesseits-Leser Manfred Endebrock erinnerte die Redaktion anlässlich der Bekenntnis-Debatte an einen Beitrag in der Ausgabe 1/2009, in der der ehemalige Landessprecher des HVD Niedersachsen Jürgen Gerdes einen Beitrag über das Humanist-Sein schrieb, der in der aktuellen Debatte nicht fehlen dürfe, so Endebrock. Jürgen Gerdes Text mit dem Titel Humanisten und ihre Auffassung über „Gott und die Welt“ können Sie nachstehend noch einmal lesen.

 

Man stelle sich einmal vor, ein Vater unterhält sich mit seiner 10-jahrigen Tochter über Religion. Anlass sind die vielen unterschiedlichen Glaubensrichtungen, denen die Kinder in ihrer Schulklasse angehören. Es sind Christen darunter, Muslime, ein Zeuge Jehovas und einige, die auf Fragen zu ihrer Religion nur sagen: „Wir sind gar nix." Dann fragt die Tochter ihren Vater: „Papa,- wir sind doch eigentlich auch nix - oder? Wir glauben doch auch nicht an Gott?"
Der Vater stutzt, grinst und sagt dann selbstbewusst: „Gar nix sind wir nicht - wir sind nur nicht religiös. Wir sind Humanisten!" Worauf die Tochter ihn mit großen Augen anschaut und man ihr geradezu ansehen kann, wie die Frage in ihr entsteht: „Papa, was ist denn - ganz genau - ein Humanist?"

Wie sag ich's meinem Kinde?

Und schon steht so mancher Vater ganz gehörig auf dem Schlauch. „Wie erkläre ich es meinem Kind, wo es mir doch schon schwer fallt, es meinem Nachbarn zu erklären." Ein Leben nach bestimmten Prinzipien zu fuhren, ist immer leichter, als dies in wenigen Sätzen präzise zu beschreiben.

Diesseits 1/2009

In der diesseits-Ausgabe 1/2009 erschien der Beitrag von Jürgen Gerdes zum Humanist-Sein

In einer christlichen Familie kann man leicht auf alle möglichen Regeln, Gebote und Verbote hinweisen, die irgendwo aufgeschrieben stehen und wenn nötig auch nachzulesen sind. Meist in der Bibel, wie die 10 Gebote. Jede christliche Gruppe hat daneben auch noch ihren eigenen Katechismus, der sich von den anderen in einigen - oft wesentlichen - Punkten unterscheidet. Doch wer keinen Gott hat, hat auch keinen Katechismus! Nichts Schriftliches, was man zu tun, zu lassen oder zu glauben hat. Kein für alle verbindliches Buch, in dem mit klugen Worten alles zusammengefasst wurde, was den Kern humanistischen Denkens ausmacht.

Das Christentum hat sich 2.000 Jahre lang mit immer den gleichen Fragen und den gleichen Texten herumgeschlagen. Darüber hinaus hat es zwar immer auch neue Fragen gegeben, aber die mussten zunächst mit den alten Texten abgestimmt werden, bevor man sie beantworten konnte. Um das zu bewältigen, wurden Generationen von Theologen ausgebildet. Von ihnen wurden Haltungen, Einstellungen und Vorurteile ins Leben gerufen und nachhaltig geprägt.

Auf diese Weise hat sich in unserer Gesellschaft die Devise verbreitet, eine Weltsicht, die keine dicken, alten und insbesondere keine heiligen Bücher füllt, kann nicht wirklich gut sein. Ihr muss etwas fehlen: Substanz, Tradition, Bedeutung... Etwas, das sie aus dem Banalen, dem Schlichten und Einfachen heraushebt.

Humanist-Sein heute

Doch die modernen Humanisten zeigen, dass ihnen nichts fehlt, dass es auch ohne „heilige" Bucher geht. Mit den Absolventen der humanistischen Gymnasien haben sie nicht mehr Gemeinsamkeiten als alle anderen Mitmenschen auch und was die Humanität betrifft - die Mitmenschlichkeit - so berufen sie sich ebenfalls nicht mehr darauf, als andere Menschen das auch tun. Und doch sind sie irgendwie ein wenig anders.

Was Humanisten verbindet, ist zunächst eine ganz bestimmte Art zu denken. Ohne Tabu sind alle Fragen zugelassen. Auch die Art und Weise, wie mit Fragen umgegangen wird, auf die es im Moment keine Antwort gibt, gehört dazu.

Nicht zuletzt verbindet sie auch die Art und der Umfang des Freiraumes, den sie neben ihren Mitmenschen für sich beanspruchen. Es ist ein besonders großer Freiraum, den sie einfordern. Sie fordern ihn aber nicht nur für sich allein, sondern für alle ihre Mitmenschen - ohne Ausnahme.

Wenn Humanisten sagen: „Wir glauben nicht an Gott", dann sind sie zunächst nur Atheisten - mehr nicht. Wenn sie sagen: „Wir sind Individualisten", dann haben sie immer noch etwas gemein mit vielen Christen. Wenn sie sagen: „Wir sind Skeptiker", dann müssen sie zugeben, dass es solche zu jeder Zeit in allen Religionen gegeben hat. Ketzer nannte man sie oft. Und unter denen waren tatsachlich schon einige Humanisten - auch wenn sie ihren Glauben an etwas Göttliches noch nicht ganz abgelegt hatten. Wenn sie sagen: „Wir sind emanzipiert", dann teilen sie Ideale, für die sich auch Menschen einsetzen, die keine Humanisten sind.

Selbst diese bedeutsamen Punkte zusammen machen also noch keinen Humanisten aus. Das, was ihnen besonders wichtig ist, beschränkt sich nicht auf die weltanschauliche Position allein. Das Humanist-Sein in der heutigen Zeit besteht aus folgenden drei Komponenten:

Weltanschaulichen Grundpositionen

  • eine Welterklärung ohne Gott
  • das Auskommen ohne Mystik
  • die Ehrfurcht vor allem Lebendigen
  • Wissenschaftlichkeit
  • die Ablehnung von Dogmen
  • das Eingebundensein in die Natur als einem ihrer vielen Teile - ohne Anspruch auf eine herausgehobene Position
  • ein äußerst hoher Stellenwert von Eigenverantwortung als Gegensatz zum fremdbestimmten Leben nach den Werten und Regeln anderer.

Politisch-gesellschaftliche Forderungen

  • ein demokratisches Staatssystem - in dem Mehrheiten zahlen
  • möglichst wenig Lenkung von „Oben"
  • ein großer persönlicher Freiraum
  • die Freiheit von Unterdrückung aller Art
  • Gedankenfreiheit und die Freiheit, andere Überzeugungen zu pflegen, als die Mehrheit
  • Freiheit, die grundsätzlich mit Verantwortung gepaart sein muss
  • Gerechtigkeit
  • der Schutz von Minderheiten und
  • Weltoffenheit.

Persönlichen Einstellungen zum Zusammenleben mit anderen

  • Toleranz und Respekt im Umgang mit unseren Nächsten
  • Konfliktlosungen, frei von Gewalt
  • Ehrlichkeit
  • das Streben nach Glaubwürdigkeit
  • Freundschaft und Mitgefühl
  • Soziales Verhalten und Mitmenschlichkeit
  • Solidarität mit jenen, die Hilfe benötigen und nicht zuletzt auch die Erkenntnis, dass jeder Mitmensch einen großen Bereich seiner eigenen Lebensgestaltung besitzt, in den ihm niemand hinein zu reden hat.

Wenn alle diese Werte und Ideale sich gegenseitig durchdringen und ergänzen, dann kommt man dem schon nahe, was Humanisten heute erstreben und was ihr Selbstverständnis ausmacht. Nur ein Bereich fehlt noch. Er umfasst:

  • Offenheit für Neues
  • Freude an der Vielfalt
  • Wertschatzung des Zweifels.

Diese drei Eigenschaften ergänzen die Inhalte des Humanismus um die entscheidende vierte Komponente: Um die „Einstellung zu sich selbst".

Wir haben es hier mit einer Einstellung zu tun, die eine gute Portion Fähigkeit und Willen zur Selbstkritik beinhaltet. Eine Einstellung, mit der der Humanist zum Ausdruck bringt: „Ich bin noch nicht fertig - noch nicht am Ende. Ganz gleich, wie alt ich bin. Es gibt - auch für mich - noch viel zu entdecken, Neues, Fremdes, Verwirrendes, Beunruhigendes... aber immer auch Bereicherndes, Erfüllendes und Beglückendes. Ich muss nur offen dafür sein!"

Diesseits 1/2009_2

In seinem Beitrag legte Jürgen Gerdes die Puzzleteile des Humanismus neu zusammen

Wertschätzung des Zweifels

Diese Lebenseinstellung beinhaltet mit der „Freude an der Vielfalt" ein Element, das man auch als „Anti-Rassismus-Element" bezeichnen kann. Wer die Vielfalt als einen positiven Wert ansieht, der lehnt automatisch alles das ab, was Gleichmacherei, Normierung, Einfachheit und irrationale Ängste beinhaltet... Es ist ein gravierender Unterschied, ob man am liebsten all seine Mitmenschen im gleichen Aufzug - oder Anzug - neben sich sehen mochte oder ob man sich daran freuen kann, dass seine Umgebung eine bunte Mischung davon enthalt. Nicht nur, was das Äußere angeht, auch die Dinge unter der Oberflache...Verhaltensweisen, Einstellungen, ja... Lebensweisen.

Die „Wertschatzung des Zweifels" rundet schließlich das ab, was die Einstellung zu sich selbst ausmacht. Zum Zweifel gehört immer ein wenig Unsicherheit - eine Portion des kritischen Hinterfragens. Es steckt die Forderung darin, sich auch selbst immer ein wenig in Frage zu stellen. Eine solche Einstellung macht das Leben bisweilen etwas komplizierter - doch es wird dadurch entscheidend bereichert.

An dieser Stelle, wo es um Offenheit, Vielfalt und den Zweifel geht, wird deutlich, wie sehr Humanisten auch mit Idealen leben, die nicht immer ganz einfach in die Tat umzusetzen sind. So ist das einfach mit den Ansprüchen, die man an sich selbst stellt. Wichtig ist, das man überhaupt Ansprüche an sich selbst stellt - und nicht nur an die anderen!

Zurück zum Anfang: Humanisten haben kein heiliges Buch und keinen Katechismus. Das macht das Leben auch für sie selbst nicht eben einfach. Sie können nicht schnell mal eben etwas nachlesen, keinem anderen „zum Beweis" eine Textpassage vorhalten.

Humanisten müssen immer wieder aufs Neue nachdenken und auf ihre Fragen für sich selbst eine Antwort finden. Für sich ganz persönlich, mit Hilfe derer, die ihnen nahe stehen. Die Überlegungen, die unser Leben bestimmen, wandeln sich auf diese Weise kontinuierlich und sie sind von Mensch zu Mensch immer etwas unterschiedlich. Das kommt ganz automatisch.

So ist die humanistische Lebensauffassung einer ständigen „Evolution" unterworfen. Sie lebt, sie ist immer aktuell. Sie passt sich schnell an neue Gegebenheiten an. Vielleicht konnte sie gut das eine oder andere Buch mehr vertragen, aber nur, um Debatten zu befördern.

Wenn also heute einer unserer Mitmenschen bekennt: „Ich bin ein Humanist!", dann beinhaltet das eine ganz individuelle Mischung aus all den genannten Komponenten, ergänzt um vieles Andere, jeweils Persönliche. Humanisten zeichnet mehr aus, als lediglich ein Leben ohne Gott. Der Humanist sagt zu einigen wenigen Dingen „Nein!" und zu ganz, ganz vielen anderen aus vollem Herzen „Ja!"

Ist das nicht eine spannende Auffassung vom Leben?