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Humanismus in Europa

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David Pollock, scheidender Vorsitzender der Europäischen Humanistischen Föderation (EHF) zur Lage des Humanismus in Europa.
Dienstag, 28. Februar 2012
David Pollock

David Pollock, EHF-Präsident

Nach vielen Jahren als EHF-Vorsitzender hast Du beschlossen, Dich in diesem Jahr von dem Posten zurückzuziehen. Zurückschauend gefragt: Warum ist es so wichtig, als eine nationale humanistische Organisation europäisch zu denken?
David Pollock: Wir haben viele gemeinsame Aufgaben. Wir müssen zusammenarbeiten, weil es so viele Entscheidungen gibt, die inzwischen auf europäischer Ebene getroffen werden. Der Einfluss auf unser Leben wird mehr und mehr durch das Europäische Parlament und die  EU-Kommission bestimmt. Hier werden politische Entscheidungen zur Gleichberechtigung und Nichtdiskriminierung getroffen, die für uns Humanisten und Säkulare von fundamentaler Bedeutung sind. Es wird starker Einfluss auf den Europarat ausgeübt, sei es zu Bildungsfragen oder zum Recht auf Nichtdiskriminierung. Wir müssen voneinander lernen, verstehen, dass wir gemeinsame Probleme zu lösen haben, zum Beispiel die Diskriminierung bei der Finanzierung. Es gibt nur zwei Länder in der EU, die Humanistische Organisationen regelmäßig finanzieren, dagegen wird die Kirche in so gut wie allen Ländern finanziell unterstützt. Hier sollten wir gemeinsam überlegen, wie eine Antidiskriminierungskampagne aussehen könnte. Wir sollten uns genau überlegen, wie wir unsere Forderungen deutlich machen, denn die nationalen Verbände haben sehr unterschiedliche kulturelle und rechtliche Hintergründe. Wir müssen deshalb gemeinsame Prinzipien formulieren, wie wir das ausgestalten wollen. Als Vorbild sehe ich da die Bildungsfrage, wo die EHF meines Erachtens bereits eine erfolgreiche Politik betreibt, die trotz verschiedener nationaler Hintergründe umgesetzt werden konnte.

Die EHF wird in naher Zukunft endlich in eine Phase des Austauschs mit der EU treten. Dies zu erreichen, war ein langer Prozess. Was erhoffst Du Dir von diesem Dialog?
Die EHF lehnte jahrelang einen Dialog ab, weil wir gegen einen besonderen Zugang der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zu den europäischen Institutionen waren. Da hat sich unsere Einschätzung inzwischen gewandelt. Wir glauben, dass sich auf der Grundlage des Artikel 17 des EAU-Vertrages nur dann etwas ändern kann, wenn wir uns aktiv daran beteiligen. Nur so können wir die fehlgeleitete Politik der EU in dem Sinne korrigieren, dass uns die gleiche Aufmerksamkeit, die gleichen Rechte und Zugangsmöglichkeiten zu den Institutionen zustehen wie der Kirche. Deshalb haben wir eine Beschwerde an den EU-Ombudsmann gerichtet, um eine Haltungsänderung zu erwirken. Wir haben den Eindruck, dass unser Anliegen dort ernst genommen wird.

Der deutsche Europaparlamentarier Martin Schulz wurde zum neuen Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt. Erwartest Du, dass sich mit dem neuen Amtsträger auch die Situation und der Zugang der EHF zu den europäischen Institutionen ändern werden?
Es kann sich jedenfalls nicht verschlimmern. Die bisherigen Verantwortlichen für den Dialog, der Präsident des Europäischen Parlaments Jerzy Buzek und sein Vize László Tõkés, ein ehemaliger Bischof, sind beide glühend religiöse Menschen, einer Katholik, der andere Protestant. Unsere Forderungen und Vorstellungen wurden von ihnen überhaupt nicht berücksichtigt. Das Treffen Ende November 2011 mit EU-Parlamentariern unter der Leitung von Tõkés war eine Schande.
Hinsichtlich der neuen Situation habe ich die Hoffnung, dass es mit Martin Schulz an der Spitze des EU-Parlaments eine bessere Zusammenarbeit geben wird. Im Wesentlichen geht es für uns als externe Organisation um die Frage, wie wir einen erfolgreichen Dialog mit einem Parlament, das aus mehr als 700 Abgeordneten der vielen einzelnen Fraktionen besteht, führen können. Diesen zu gestalten ist sehr schwer. Die Frage wird sein, wie man es erreichen kann, dass wir uns gemeinsam mit interessierten Parlamentariern an einen Tisch setzen können, um bestimmte Themen zu erörtern.

Was können die deutschen Mitgliedsorganisationen mit und für die EHF in den kommenden Jahren tun?
Ich hoffe sehr, dass die deutschen Organisationen weiter auf der Vorstandsebene mitarbeiten. Ich wünsche mir, dass sie viele in den eigenen Reihen davon überzeugen können, mehr Anteil an europäischen Belangen zu nehmen und die EHF als Einzelmitglied zu unterstützen. Die deutschen Organisationen könnten, gemeinsam oder eigenständig, Untersuchungen oder Projekte im Namen der EHF durchführen.
Dass in Deutschland jedes Jahr circa 20 Milliarden Euro öffentlicher Gelder an die Kirche verteilt werden, finde ich bemerkenswert. Wenn die deutschen EHF-Organisationen hier mehr Kampagnenarbeit machen könnten, würde dies auf ganz Europa ausstrahlen.