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Das Herz der radikalen Aufklärung

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Was wären Humanismus und Atheismus ohne Aufklärung? Ganz einfach: Sie wären nicht! Dies erkennt, wer Philipp Bloms Böse Philosophen liest, eine grandiose Geschichte über das vergessene Erbe der Aufklärung.
Mittwoch, 1. Juni 2011

Im Zentrum dieses Buches stehen zwei radikale Aufklärer, die die säkulare Szene aus den Augen verloren hat – Denis Diderot und Jean-Paul Thiry Holbach. Zwar berücksichtigt Fritz Mauthner beide in seinem vierbändigen Standardwerk Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande (Neu im Alibri-Verlag aufgelegt, Hrsg. Ludger Lütkehaus), die Ausstellung zu Geschichte und Gegenwart des Humanismus des Humanistischen Verbands (2005 erstmals gezeigt) aber geht über beide hinweg. Dies ist exemplarisch. In die Geschichtsbücher der Religionskritik sind stattdessen Persönlichkeiten wie Giordano Bruno, Voltaire oder Jean Jacques Rousseau eingezogen.

Philipp Blom: Böse Philosophen

Philipp Blom: Böse Philosophen

Als halbherziger Aufklärer wird Rousseau von Blom in seiner Bedeutung entzaubert. Konsequenter vorangebracht wurde die europäische Aufklärung durch den Franzosen Denis Diderot und den in Deutschland geborenen Baron Jean-Paul Thiry Holbach. Erster machte sich als Herausgeber der 28-bändigen „Schule des skeptischen Denkens“, allen bekannt als d i e Encyclopédie, verdient. Zweiter als Autor des Skandalbuchs Das entschleierte Christentum und Organisator eines der wichtigsten Pariser Salons. Vergessen wurden sie dennoch, da ihre obrigkeitskritischen Gedanken im 18. Jahrhundert zu radikal für die Gelehrtenwelt der europäischen Adelshäuser waren und im 19. Jahrhundert den kolonialen Abenteuern der europäische Nationen und dem Aufstieg des Kapitalismus im Wege standen. Dank Philipp Blom kann man diese radikalen Aufklärer nun wiederentdecken.

Wer meint, die europäischen Aufklärer seien eine geschlossene Gruppe kritischer Denker gewesen, irrt gewaltig. Zwar standen Dennis Diderot und Thiry Holbach mit Jean-Jacques Rousseau, David Hume, Jean d’Alembert, Jean Meslier, Adam Smith, Laurence Sterne, Friedrich Melchior Grimm u.v.a. in engem Kontakt, doch waren diese Beziehungen stets schweren Prüfungen ausgesetzt. Die radikale Aufklärung forderte, selbst den engsten Vertrauten in den Salons und Debattenkreisen offen zu widersprechen. So zerbrach die Freundschaft zwischen Diderot und Rousseau daran, das sich Rousseau einen Rest christlicher Hoffnung auf Erlösung bewahrte. Holbach Wertschätzung gegenüber Hume endete, weil dieser sich nicht vollends von der Schöpfungs- und Heilslehre der Kirche verabschieden konnte. Holbach und Diderot hingegen leugneten Gott und gelten daher als böse.

Ihre Haltung ist Ergebnis des eigenen, schmerzhaften Lösungsprozesses vom Religiösen als Konsequenz der Erkenntnis. Beleg dafür ist folgende Szene, zu der es gekommen sein soll, als Holbach Abzüge der Illustrationen für die botanischen Encyclopédie-Artikel in Diderots Werkstatt bewunderte: „All diese Schönheit, begann der Baron [Holbach] wieder und zeigte auf die detailgetreu wiedergegebenen Blumen, Blätter, Blüten und Fruchtknoten, all diese Schönheit muss doch der Beweis einer höheren Intelligenz sein! Diderot sah ihn einfach an, ohne zu antworten, woraufhin Holbach weinend zusammenbrach.“

Die Geschichte der europäischen Aufklärung ist keineswegs die einer kühlen und theoretischen Auseinandersetzung mit Weltanschauungen, Werten und Normen. Sie ist gespickt mit Emotionen, bitteren Verleumdungen, gekündigten Freundschaften, enttäuschten Leidenschaften und persönlichen Tiefschlägen. Dieser Geschichte in Bloms philosophiegeschichtlichem Meisterwerk nachzugehen, ist ein absolutes Lesevergnügen. Mit spielerischer Leichtigkeit fertigt Blom ein komplettes Panorama der Aufklärung an. Er ordnet diese Epoche in den politischen Kontext Europas ein, berücksichtigt gesellschaftliche Großereignisse, geht auf die zeitgenössische Literatur und ihre Wirkungen ein und lässt zahlreiche Anekdoten aus dem Dunstkreis von Diderot und Holbach einfließen und macht so die revolutionäre Bedeutung der Aufklärung zu Fragen der Bedeutung von Religionen, dem Verhältnis der Geschlechter oder dem Umgang mit der Lust deutlich. So lässt Philipp Blom einen völlig neuen Blick auf den Wagemut der radikalen Aufklärer zu, an die es heute anzuknüpfen gilt. Wer die Wiege der Säkularisierung sucht, findet sie in diesem fesselnden Buch.

Philipp Blom. Böse Philosophen. Hanser 2011, 400 S. 24,90 Euro

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