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Wie hältst Du’s mit der Spiritualität?

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Ist Spiritualität in einem säkularen Kontext möglich? Und wenn ja, was ist darunter zu verstehen? Gedanken über den „Wesenskern des Menschen“ aus nichtreligiöser Perspektive.
Dienstag, 28. Februar 2012
Orionnebel

Der hier abgebildete Orionnebel liegt etwa 1350 Lichtjahre von der Erde entfernt und wurde von der Europäischen Südsternwart in Chile aufgenommen. © ESO/J. Emerson/VISTA

In Diskussionen um einen säkularen Humanismus kommt immer wieder einmal der Punkt, wo ein religiös orientierter Teilnehmer entgeistert fragt: „Und Sie glauben an gar kein höheres Wesen?! Und Ihnen ist auch nichts heilig?!“ Dann sage ich ganz ruhig: Nein, ich glaube an kein höheres Wesen, und mir ist auch nichts heilig. Aber ich kenne ein höchstes Wesen. Das ist die Natur, die Natur als Ganzes, der Kosmos, das Universum. Die Natur ist das höchste Wesen, das es gibt: das Große und Ganze, unerschaffen und unerschaffbar, aber gleichwohl in keiner Weise heilig. In steter Entwicklung begriffen, bringt sie phantasievoll ihre – oft wunderbaren, oft aber auch bizarren – Geschöpfe im Tier- und Menschenreich hervor und verschlingt sie wieder: gnadenlos, blind und gleichgültig gegenüber ihrem Wohl und Wehe.

Bei Tage erkennen wir ihre Schöpferkraft, die im Laufe einer Milliarden Jahre währenden Evolution auf der Erde dank des Sonnenlichts und der Sonnenwärme alles Lebendige hervor gebracht hat – von den primitivsten Organismen bis zu den komplexen Hirnstrukturen unter der menschlichen Schädeldecke, der Geburtsstätte des Geistes, allen Geistes. Bei Nacht, wenn wir zu einem wolkenlosen Sternenhimmel emporschauen, ahnen wir das Unermessliche, das Unerschöpfliche, das Unendliche der Natur. In eins damit werden wir unserer eigenen Kleinheit und Geringfügigkeit im Kosmos bewusst.

Man muss nur in einer klaren Nacht auf dem Lande die Lichter löschen, den Blick heben und sich die Zeit nehmen, zu betrachten, zu schauen, zu schweigen … Die Dunkelheit, die uns vom Nächsten trennt, öffnet uns für das Fernste. Man sieht keine hundert Schritte weit, überblickt aber mit bloßem Auge Milliarden von Kilometern.

So schön formuliert es der zeitgenössische französische Philosoph André Comte-Sponville, der mit Woran glaubt ein Atheist? ein kluges Buch über eine Spiritualität ohne Gott, so der Untertitel, vorgelegt hat, in dem er sich bedauerlicherweise mitunter in manch gedankenarmen Schwärmereien verliert.

Ob in ihrer Tagansicht, ob in ihrer Nachtansicht – die Natur ist die älteste Schule menschlicher Weisheit, letzte Instanz für Spiritualität, für das demütige Erschauern vor dem Erhabenen, der Erfurcht vor dem Ewigen, Unendlichen, Absoluten. Dieses Ewige, Unendliche, Absolute wohnt der Natur selbst inne. Im Kontrast dazu erkennen wir uns selbst als sterblich, endlich, relativ. Erst sekundär wurden diese Attribute der Natur von ihr abgelöst, zu einer rein geistigen Macht verflüchtigt, dann personifiziert, Gott genannt und damit mystifiziert. Dieser Mystifikation sitzen heute jene auf, die wähnen, Spiritualität sei ein ausschließlich religiöser Begriff. Seine gegenwärtige schillernde Konjunktur verweist im Gegenteil auf einen epochalen Substanzverlust von Religion, die sich vielfach nicht mehr getraut, im eigenen Namen aufzutreten.

Was ist Spiritualität? Spiritualität ist eine qualifizierte Ebene des menschlichen Bewusstseins, die in säkularer und in religiöser Gestalt auftreten kann. Dank an Erhard Weiher, den pensionierten katholischen Krankenhausseelsorger der Universitätsklinik Mainz, Autor wichtiger Arbeiten zu Spiritualität, dass er stets die Möglichkeit einer atheistischen Spiritualität erwähnt, ohne sie damit zu favorisieren. So schreibt er etwa in seinem Beitrag Was kann unter Spiritualität in einem nichtreligiösen Bezug verstanden werden? für das aktuelle Heft Barmherzigkeit und Menschenwürde. Selbstbestimmung, Sterbekultur, Spiritualität der Humanistischen Akademie:

Spiritualität ist eine Dimension in jedem Menschen; sie ist in obigem Sinn ein anthropologisches Grunddatum und damit auch eine Ressource, die zur Bewältigung von Leben, Krankheit, Sterben und Trauer gehört.

So ist es. Die spirituelle Dimension gehört zum Wesenskern des Menschen, wo sie allerdings auch vorübergehend oder dauerhaft verschüttet sein kann. Denn die spirituellen Bedürfnisse sind leiser und weniger aufdringlich als etwa soziale oder körperliche Bedürfnisse, die gebieterisch eine rasche, wenn nicht sofortige Befriedigung erfordern (Kleidung, Wohnung, Nahrung, Sexualität, Arbeit). Spirituelle Bedürfnisse bleiben bestehen, auch wenn alle anderen Bedürfnisse materieller und nichtmaterieller Art befriedigt sein sollten. Das spirituelle Grundbedürfnis ist die existentielle Selbstvergewisserung: die Verortung des eigenen Lebens als eines sinnvollen Unterfangens im kleinen und großen Weltgetriebe. Das Verlangen danach kann zwar überall und jederzeit aufbrechen („Alltagsspiritualität“). Es kann aber auch durch mancherlei Umstände (Alltagsstress oder Schicksalsschläge) überlagert bleiben oder gar gezielt ausgeblendet werden.

Das Suchen nach Sinn für die eigene Existenz ist der spirituelle Kernvorgang. Konsequent zu Ende getrieben, führt er in metaphysische Höhen und Tiefen. Nur keine Angst vor Metaphysik! Gemeint sind damit hier die unveränderlichen Grundstrukturen der menschlichen Existenz. Was ist das Unveränderliche, Unbedingte in uns und an uns? Dass wir endliche, sterbliche, relative Wesen sind. Dass wir uns als solche erkennen und anerkennen, setzt freilich gedanklich und real voraus, dass es etwas Unendliches, Ewiges, Absolutes gibt. Wobei darauf zu achten ist, dass dieses Ewige, Unendliche, Absolute nicht zum Heiligen oder gar Göttlichen aufgeladen, sondern in seiner Profanität belassen wird. Dass alles relativ ist, ist – paradoxerweise – eine absolute Wahrheit, der freilich nichts Transzendentes oder Sakrales anhaftet.

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Worin aber besteht die Eigentümlichkeit einer weltlich-humanistischen Spiritualität? Dies erklärt unser Autor, Dr. Dr. Joachim Kahl in der aktuellen Ausgabe von diesseits – Das Magazin für weltlichen Humanismus. Außerdem beantworten der Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung, Michael Schmidt-Salomon, und der Sprecher des internationalen Bundes für Konfessionslose und Atheisten, Rainer Ponitka, die Frage, ob es eine säkulare Spiritualität gibt.
Im Interview sprechen wir mit einem der beiden Lehrstuhlinhaber für Spiritual Care an der Universität München, Prof. Dr. med. Eckhard Frick über Spiritualität als Gesundheitsressource und welchen Raum Ihr Lehrstuhl den Bedürfnissen von Säkularen einräumt.