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Grundlagenwerk des Atheismus

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Donnerstag, 1. September 2011

Über die Geschichte des Atheismus gibt es nur ganz wenige Darstellungen, wovon Georges Minois Geschichte des Atheismus von 2000 die jüngste Monographie ist. In den 1960er Jahren erschienen in der DDR von Hermann Ley mehrere Bände seiner Geschichte der Aufklärung und des Atheismus. Beide Autoren standen – symbolisch formuliert – auf den Schultern von Fritz Mauthner (1849-1923).

Fritz Mauthner, Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande

Fritz Mauthner, Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande

Der Autor kulturgeschichtlicher und sprachphilosophischer Werke ist heute weitgehend vergessen. Gegen Ende seines Lebens hatte er zwischen 1920 und 1923 noch vier voluminöse Bände unter dem Titel Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande veröffentlicht. 1989 gab es eine Neuausgabe, die aber schon seit langer Zeit vergriffen ist. Erst jetzt erscheint wieder eine Ausgabe im Aschaffenburger Alibri-Verlag, die von dem Literaturwissenschaftler Ludger Lütkehaus mit einer längeren Einführung versehen wurde. Damit ist endlich wieder ein Grundlagenwerk zum Thema auf dem Buchmarkt zugänglich.

Im Vorwort bemerkte Mauthner, er wolle die „Geschichte der Befreiung vom Gottesbegriff" schreiben. Auf fast zweitausend eng bedruckten Seiten lieferte er Kapitel für Kapitel wichtige Informationen zur geistesgeschichtlichen Entwicklung des Atheismus, wobei sich auch jedes einzelne Kapitel isoliert lesen lässt. Insofern hat man es sowohl mit einer Gesamtdarstellung wie mit einem Nachschlagewerk zu tun. Einen Überblick zum Inhalt vermitteln am besten die Titel einzelner Kapitel: Nach einer Einleitung zur Antike geht es im ersten Buch um „Aufklärung bis zum 13. Jahrhundert", „Das Buch von den drei Betrügern" oder „Befreiung von der Hexenreligion". Das zweite Buch enthält Ausführungen zu „Pierre Bayle", „Spinoza" oder den „englischen Deisten". Im dritten Buch findet man Beiträge zu „Fréret, Montesquieu, Voltaire", „Atheistischem Materialismus" oder „Aufklärung und Pietismus in Deutschland". Und das vierte Buch liefert Kapitel zu „Der Sozialismus", „Deutsche Philosophie nach Hegel" und „Der Materialismus".

Fritz Mauthner, Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande

Will man Mauthners Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande aus heutiger Sicht differenziert beurteilen, so bedarf es immer der Berücksichtigung der Entstehungszeit Anfang der 1920er Jahre. Es muss sowohl die Einschränkung des Ausmaßes von Wissen wie des Zugangs zum Wissen bedacht werden. Daher sollte man dem Autor zunächst einmal höchsten Respekt für die erbrachte Forscherleistung attestieren. Zwar hat er meist nur das bereits vorhandene Wissen anderer Autoren zusammengetragen, gleichwohl bedarf es allein aufgrund des Umfangs bereits größter Anerkennung. Die einzelnen Bände beeindrucken in der Gesamtschau durch Belesenheit und Kenntnis des Autors. Neben damals wie heute bekannten Denkern von Kant über Nietzsche bis Schopenhauer findet man auch viele Informationen über heute längst vergessene Atheisten und Religionskritiker. Über sie kann man sich auch mit Hilfe des Namens- und Sachverzeichnisses gegen Ende detailliert informieren. Hierin bestehen die unverkennbaren Vorzüge der vier Bände.

Gleichwohl bedarf es nicht nur aus heutiger Sicht auch aus den unterschiedlichsten Gründen der Kritik: Zunächst wäre rein formal darauf zu verweisen, dass Mauthner seine Darstellungen nicht durch Fußnoten und Zitate genauer belegt. Betrachtet man einzelne Ausführungen näher, so kann mitunter ein nicht immer seriöser Umgang mit Belegen und Sekundärliteratur ausgemacht werden. Dies entwertet leider tendenziell auch das Gesamtwerk. Hinzu kommt die Unklarheit darüber, was alles dargestellt werden soll: Es geht ihm nicht nur um die eindeutigen Leugner einer Gottesexistenz, aber was kann man seriös dann noch alles unter dieser Überschrift abhandeln? Kritikwürdig ist auch die Gewichtung mancher Kapitel: Während etwa Karl Marx nur in wenigen Sätzen behandelt wird, findet man seitenlang Informationen zu Max Stirner. Die Ausführungen zu Feuerbach gehen etwas am Kern vorbei. Der Herausgeber Ludger Lütkehaus verschweigt diese Schwächen in diesem dennoch bedeutsamen Werk zum Thema nicht.

Fritz Mauthner, Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. Hrsg. von Ludger Lütkehaus. Alibri-Verlag 2011, 1.940 S., € 179,-