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Glaube und Nichtglaube im Wettbewerb

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Wissenschaftler diskutieren darüber, welche Rolle die Religionen in demografischer Hinsicht spielen. Es wird dabei deutlich, dass Humanisten der Frage, inwieweit religiöse Kulturen ihren Anhängern gerade in schwierigen Umständen einige Vorteile bieten, Aufmerksamkeit schenken sollten.
Freitag, 1. Juni 2012
Menschenmenge

© SFC / shutterstock.com

Menschen, die Religionen anhängen, bringen durchschnittlich mehr Kinder zur Welt als Menschen, die weniger religiös sind. Darauf weist der Religionswissenschaftler Michael Blume immer wieder in Diskussionen hin, die sich mit Fragen von Säkularisierung und Demografie beschäftigen.

Und wer einen Blick auf Israel wirft, der weiß, wovon hier die Rede ist. Denn im formal säkularen Staat Israel wächst neben der Gruppe arabischer Israelis nur eine weitere: die der religiösen Menschen. Daher wird nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Politik seit langem der Fakt erkannt, dass alle Glaubenssysteme das Verhalten von Menschen derart beeinflussen, dass dies Folgen auf die Menge an Nachkommen hat.

Michael Blume forscht über den Zusammenhang von Religion und Kinderreichtum im Rahmen der Evolutionsbiologie des Menschen, der Geschlechter- und Glücksforschung und wurde als erster Deutscher in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen. Renommierte Forscher wie er sind sich sogar sicher, dass in der stets höheren Zahl an Kindern ein maßgeblicher Faktor für den Bestand vieler Religionen zu sehen ist. „Unterschiedlicher Reproduktionserfolg ist der darwinsche Fitnessindikator schlechthin", schrieb Blume in seinem Wissenschaftsblog Natur des Glaubens.

Erheblich werden solche Beobachtungen dann, wenn politische Entscheidungen getroffen werden müssen. Und das ist derzeit der Fall, wie hierzulande die Bundesregierung mit der Vorlage ihrer Demografiestrategie zur Bewältigung des demografischen Wandels wie auch etwa der politische Streit um das so genannte Betreuungsgeld zeigen. Wo politische Entscheidungsträger – oft selbst Mitglied einer Religionsgemeinschaft – eine bestimmte Kultur als auch in demografischer Hinsicht stabilisierend und nachhaltig ansehen, erhält diese mit größerer Wahrscheinlichkeit politische Unterstützung.

Braucht eine nachhaltige Bevölkerungsentwicklung traditionelle Glaubenssysteme?

Es gibt aber auch entschiedenen Widerspruch zu den Feststellungen von Blume. Unter anderem der Bioethiker Edgar Dahl verweist auf Beobachtungen in mittel- und nordeuropäischen Ländern, wo die Religiosität der Menschen in den letzten Jahrzehnten konstant abgenommen hat, ohne in demografischen Problemen zu enden. „Wie sich zeigte, breitet sich die Säkularisierung in der Tat vor allem in jenen Staaten aus, die ihren Bürgern ein sicheres Einkommen, eine hohe Bildung und eine gute medizinische Versorgung gewährleisten", erläutert Dahl. Eine nachhaltige Bevölkerungsentwicklung sei daher auch ohne Rückgriff auf traditionelle Glaubenssysteme machbar. „Es scheint, als würden die sozialen Sicherungssysteme dieser Staaten die Nachfrage an der Religion und den Kirchen senken." Argumente, wie sie von Vertretern der Säkularisierungsthese vorgebracht werden.

Ein sicheres Einkommen, eine hohe Bildung und eine gute medizinische Versorgung – all das sind jedoch Dinge, die bereits heute und in den kommenden Jahrzehnten in verschiedener Weise auf dem Prüfstand der Machbarkeit stehen werden. Welche nicht nur vom demografischen Wandel bestimmt wird, der Deutschland einen Stempel aufdrückt, sondern auch von den globalen Entwicklungen.

Denn klar ist schon jetzt, dass die Zeiten des materiellen Überflusses wohl bald ein Ende haben werden. Anfang Mai erst warnte der Club of Rome in seinem neuen Bericht 2052 mit sehr deutlichen Worten vor einer globalen Katastrophe und wies darauf hin, dass die Menschheit nicht überleben wird, wenn sie ihren bisherigen Weg der Verschwendung und Kurzsichtigkeit fortsetzt. „Die Menschheit hat die Ressourcen der Erde ausgereizt und wir werden in einigen Fällen schon vor 2052 einen örtlichen Kollaps erleben", heißt es im Bericht.

Die Prognose Edgar Dahls lautete noch:

Religionen wird es sicher so lange geben, wie es Menschen gibt. Doch je mehr Staaten es gelingt, ihren Bürgern ein sicheres Auskommen zu garantieren, ihnen eine gute Ausbildung zu ermöglichen, ihnen eine umfassende medizinische Versorgung zu gewähren, die Kindersterblichkeit zu senken, die Lebenserwartung zu erhöhen, die soziale Ungleichheit zu bekämpfen, die Kriminalität einzudämmen und den Frieden in ihrem Land zu sichern, desto größer wird die Zahl der ‚Gottlosen'.

Aus säkularer Sicht klingt das zunächst vielversprechend. Aber wie gut sind hier die Perspektiven für den Erhalt säkularer und an humanistischen Standpunkten orientierten Gesellschaften wirklich?

Was bedeutet der allgemeine Verlust der kirchlich-religiösen Verbundenheit für eine säkulare und nachhaltige Politik?

Rückblickend war Dahls Standpunkt plausibel. Aber er fußt auf Erfahrungen mit wirtschaftlichen Verhältnissen, die an einem Wendepunkt stehen. Wie zahlreiche Analysen neben der des Club of Rome festgestellt haben, sind die Aussichten der traditionellen Ökonomien nicht rosig, weder in Deutschland noch international. Muss also mit einer Rückkehr der Religionen gerechnet werden, nicht nur aufgrund der Tatsache, dass Anhänger von Religionen durchschnittlich mehr Kinder zur Welt bringen, sondern auch wegen eines in Zukunft neu steigenden Bedarfs an den Leistungen der Religionen? Gerade aus humanistischer Perspektive ist das eine äußerst spannende Frage.

Der Politikwissenschaftler Carsten Frerk rechnete jedenfalls erst kürzlich in einem Bericht für die Europäische Humanistische Föderation vor, dass „es voraussichtlich um das Jahr 2025 in Deutschland in der Bevölkerung keine Mehrheit von formellen Kirchenmitgliedern mehr geben" wird. Als Gründe dafür nannte er eine Abnahme von Taufquoten, die „Abwanderung" junger Menschen aus den kirchlichen Gemeinden und einen allgemeinen Verlust kirchlich-religiöser Verbundenheit unter den Gläubigen.

Nur was bedeutet das für eine Politik im Sinne einer nachhaltigen demografischen Entwicklung und Säkularisierung, wenn solche „Kirchenflüchtlinge" stets signifikant weniger Kinder haben als die verbliebenen Anhänger religiöser Gemeinschaften? Und nicht gesagt werden kann, dass Konfessionsfreie stets säkular oder nichtreligiös sind.

In Israel nehmen heute die Auseinandersetzungen zwischen säkularen Einwohnern und den orthodoxen Gemeinschaften zu, da sich die Zahl der Orthodoxen in den letzten Jahrzehnten erheblich vergrößert hat und bei diesen somit ein neues Selbstbewusstsein entstanden ist. Vor kurzem wäre sogar fast die konservative Regierungskoalition unter Benjamin Netanjahu an einem Streit um die Einführung eines Armee- und Zivildienstes für orthodoxe Juden gescheitert. In Deutschland wird das Wachstum muslimischer Gemeinschaften als Argument dafür angeführt, die Kultur des christlichen Glaubens zu stärken. So ist seit einigen Jahren in politischen Kreisen verstärkt von der christlich-jüdischen Leitkultur die Rede, worin selbst der Feuilletonchef der konservativen und kirchennahen Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Patrick Bahners, nur „den Zweck der Ausgrenzung des Islams" erkennen mag.

In globaler Hinsicht macht der Religionswissenschaftler Blume jedenfalls klar, dass der traditionelle „Erfolg" von religiösen Gesellschaften aus demografischer Sicht nicht einfach als Vorteil gewertet werden kann. Denn der Wettbewerb, zu dem die von religiösen Vorstellungen geprägten Kulturen die Menschen weltweit motiviert haben, ist ein riesiges Problem geworden.

Auch Blume findet es daher fragwürdig, „ob Kinderreichtum angesichts einer noch immer wachsenden Weltbevölkerung ein absoluter Wert sein kann." Diese Frage stelle sich umso mehr, wenn man der Tatsache ins Auge blicke, „dass dieser Kinderreichtum in vielen Regionen mit einem pauschalen Verbot von Verhütungsmitteln, einer Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen sowie von Armut, Umweltzerstörung und hoher Mütter- und Kindersterblichkeit erkauft wird", stellte er in der Ausgabe der Fachzeitschrift Ethik & Unterricht am Anfang des Jahres fest.

„Sich arrangieren" als Möglichkeit, die eigene Existenz zur individuellen Zufriedenheit meistern zu können.

Noch einmal nach Deutschland: Dort haben sich die Menschen in den neuen Bundesländern in den vergangenen 20 Jahren zwar als recht „missionsfest" erwiesen, doch langfristig stellt sich hier trotzdem die Frage, welche der kulturell variierenden Gruppen sich am besten erhalten. Denn wenn eine nichtreligiöse Mehrheit nicht dauerhaft zeigt, dass ihre Lebensformen positive und substanzielle Effekte bei der Bewältigung der Herausforderungen des demografischen Wandels haben, werden langfristig die Gemeinschaften im Vorteil sein, die dazu besser in der Lage sind.

„Fakt ist aber, dass sich viele Kinder religiöser Eltern aus Vernunftgründen von ihrem Herkunftsglauben verabschieden", betonte der Philosoph Michael Schmidt-Salomon in einer Rezension zum von Michael Blume und dem Anthropologen Rüdiger Vaas verfassten Buch Gott, Gene und Gehirn – Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität. Und auch Evolutionsbiologe Richard Dawkins sagte zum Streit um die Thesen aus der so genannten Religionsdemografie, dass das Band der religiösen Sozialisation zwischen Eltern und Kinder vielleicht durch Bildung unterbrochen werden könne und drückte seine Hoffnung aus, dass der Kinderreichtum religiöser Menschen nicht mehr wie früher den Bestand heikler Mythen und gefährlicher Glaubenssysteme garantieren werde. Blume steht jedenfalls weiterhin zur empirischen Haltbarkeit und sagt: „Evolutionisten bringen weit mehr wissenschaftliche Argumente hervor, aber Religiöse weit mehr Kinder."

Häuserleere

Eine entscheidende Frage für Konfessionsfreie wird künftig sein, ob sie eine bessere Strategie als die Religiösen haben, um die Herausforderungen des demografischen Wandels zu bewältigen. © view7 / photocase.com

Eine Bilanz bisheriger Beobachtungen darf heute jedenfalls sein, dass säkulare und überwiegend nichtreligiöse Gesellschaften nicht in jedem Fall unter gravierendem Nachwuchsmangel leiden und dass die Bedingungen, welche die Vorteile religiöser Gemeinschaften im Lichte demografischer Entwicklungen ausmachen, weiter wissenschaftlich erforscht und diskutiert werden müssen.

So gibt es durchaus noch einiges zu lernen. Deshalb sprach sich auch die Expertin für Psychologie, Neurowissenschaften und Biomedizin der Wissenschaftszeitschrift Scientific American, Sandra Upson, in der aktuellen Schwerpunktausgabe „Mind" dafür aus, sich mehr mit den Effekten von Religion zu beschäftigen, die sich als förderlich für das individuelle Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit erwiesen haben. Upson meinte, dass der Versuch, sich auch unter schwierigeren Lebensbedingungen den Pfad zu einem glücklichen Leben zu schlagen, das Wissen erfordert, welcher „besondere Cocktail sozialer Kräfte unsere Leben beeinflusst und wie wir sie manipulieren können".
Die Möglichkeit, auch unter erschwerten Umständen die eigene Existenz zur individuellen Zufriedenheit meistern zu können, ist also vielleicht nicht nur mit Hilfe von Religion machbar. Gerade in den neuen Bundesländern ist eine „Mentalität des flexiblen Sicharrangierens" vorhanden, meint der Psychologe Dr. Holger von der Lippe zu beobachten (vgl. diesseits 1/2012). Dort steigt die Geburtenziffer wieder langsam. Doch ein Grund zum Aufatmen ist das noch lange nicht.

Wer also die enormen Herausforderungen des demografischen Wandels in Deutschland erst nimmt, darf sich vor Erkenntnissen nicht drücken und gewinnbringende Erfahrungen nicht außer Acht lassen. Denn den Prognosen nach liegen vor uns Jahrzehnte, die von teils erheblich veränderten Umständen geprägt sein werden und nicht einfach auf den Ideen aufbauen dürfen, mit denen die Menschen hierzulande und weltweit in ihre schwierige Lage geraten sind.