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„Geradezu bestürzend defizitär“

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Innerhalb eines Jahres hat die Bundesregierung in Fragen der Bevölkerungsentwicklung aufholen wollen, was jahrelang ignoriert wurde. Einem Bericht zur Bevölkerungsentwicklung folgte ein entsprechendes Demografiestrategiepapier. Der Demograf Dr. Wolfgang Weiß erklärt in einem mehrteiligen Interview, warum das Engagement der Bundesregierung in Sachen Demografie ungenügend und fern der Realität ist. Im ersten Teil spricht Dr. Weiß über die Motive der Bundesregierung, die defizitären Aussagen der Demografiepapiere und die Folgen des jahrzehntelangen Tiefschlafs der verantwortlichen Politiker.
Dienstag, 3. Juli 2012
Demografiestrategie der Bundesregierung

Jedes Alter zählt. Die Demografiestrategie der Bundesregierung

Herr Dr. Weiß, im April hat die Bundesregierung in Berlin ihre Strategie für den demografischen Wandel vorgestellt. Tolle Slogans gab es da einige: „Jedes Alter zählt." oder „Den Wandel als Chance begreifen." In den Medienberichten ebenfalls fast nur positive Botschaften. Schildern Sie bitte kurz einen ersten Eindruck von der Präsentation, wie er Ihnen vermittelt wurde.

Wolfgang Weiß: Die knapp 200 handverlesen eingeladenen Teilnehmer einer Fachtagung zum Thema Demografie, die im Bundeskanzleramt stattfand, müssen nicht nur den Eindruck gewonnen haben, dass der demografische Wandel etwas völlig Neues ist, sondern dass es auch und gerade die Bundesregierung ist, die ihn entdeckt hat und jetzt bereits alles ganz genau darüber weiß.

Die vorgelegte Demografie-Strategie umfasst 77 Seiten mit sechs Schwerpunkten, darunter die Stärkung der Familie als Gemeinschaft, es handelt von Selbstbestimmung im Alter und der Handlungsfähigkeit des Staates. Was bemängeln Sie an dem Papier?

Wie schon genau ein halbes Jahr zuvor, als der Demografie-Bericht der Bundesregierung vorgelegt wurde, sind die Aussagen zur demografischen Entwicklung nicht nur recht allgemeinen, sondern hinsichtlich bestimmter Teilfragen geradezu bestürzend defizitär – geschweige der Tatsache, dass – von minimalen Nuancen abgesehen – seit rund 30 Jahren keine wesentlichen Erkenntnisse zum Sachverhalt hinzugekommen sind.

Die fachlichen Defizite der Demografie-Strategie reflektieren aber nicht nur einige objektiv bedingte Defizite der Demografie als Wissenschaft, die weitgehend auf der amtlichen Statistik aufbaut. Darin sind drei Bereiche, die für eine bessere Erklärung demografischer Prozesse und die daraus notwendigen Schlussfolgerungen für die politische Praxis vertieft werden müssten, stark unterrepräsentiert.

Welche Bereiche meinen Sie?

Bevölkerungspyramide 2050

Bevölkerungspyramide 2050

Die klassische Demografie bewegt sich im Spektrum von Geburt, Tod und Altersstruktur der Bevölkerung. Sie unterscheidet nicht bzw. unzureichend räumlich, v.a. kleinräumig; d.h. es werden gewöhnlich keine Wanderungen berücksichtigt, und wenn doch, dann ohne Berücksichtigung der eher in der Geographie angesiedelten Migrationsforschung. Zweitens fehlt weitgehend die soziale Differenzierung, was nicht nur in erster Linie an der Statistik liegt, sondern auch politische Gründe hat. Das gilt auch für den dritten Bereich: die nötige Differenzierung der Betroffenen nach ihrem Bildungs- und Kulturniveau.

Völlig richtig sagte die Kanzlerin zwar: „Wenn wir heute nicht anfangen zu handeln, werden wir es immer schwerer haben, auf die Veränderungen zu reagieren", doch wie Dennis Meadows bei seiner Rede vor der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" des Bundestages im Herbst 2011 bezüglich des Klimawandels feststellte, ist auch hier zu sagen: Genau genommen ist es bereits zu spät!

Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen und es bleibt uns nur noch übrig, sich mit den Konsequenzen unaufhaltsamer und tiefgreifender Veränderung abzufinden?

Abfinden würde ich nicht sagen, denn es klingt mir zu passiv, fast so, wie die aktuelle Politik. Dennoch – bzw. gerade darum – ist es richtig, dass das Thema allerhöchste Aufmerksamkeit verdient. In seiner historischen Dimension wird es oft unterschätzt.[1] Eigentlich nur schade, dass nicht nur die Kanzlerin mit dieser Erkenntnis jene bereits bemerkten 30 Jahre zu spät kommt. Wenn sie im Jahr 2012 feststellt, dass die demografischen Veränderungen „bereits jetzt" spürbar seien und alle Lebensbereiche betreffen, dann spricht das nicht gerade für einen offenen Blick auf die Probleme der Situation.

Welche Defizite sehen Sie denn da heute, auch rückblickend betrachtet?

Erste radikale Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur durch Halbierung der Anzahl der Geburten in der Zeit von Mitte der 1960er bis Mitte der 1970er Jahren führten vor allem in ländlichen Räumen der alten Bundesländer bereits vor Jahrzehnten zu einer Halbierung der Schulstandorte. Ähnliches geschah nach 1990 im Osten Deutschlands. Das waren aber jeweils nur die Spitzen der Eisberge, und es wird sich in Kürze auch ohne eine weitere Verringerung der Anzahl der Geburten pro Frau wiederholen, denn Mädchen, die nicht geboren wurden, können keine Kinder bekommen.

Das ist nur logisch, müsste doch also schon lange bekannt sein. Wieso gibt es erst jetzt eine Bevölkerungsentwicklungsstrategie?

Dr. Wolfgang Weiß

Dr. Wolfgang Weiß, Geograf und Regional-Demograf

Seit einem halben Jahr liegt ein Demografie-Bericht vor, auf den die Regierung selbst mit ihrer Demografiestrategie antwortet. Es ist völlig richtig, welche Defizite im deutschen Gesundheitswesen, bei den Aufgaben der Pflege und überhaupt bei der Bewältigung aller Veränderungen der Gesellschaft angesichts der enormen Zunahme älterer Menschen in unserem Land, angesprochen werden. Diese Defizite sind aber zum großen Teil nicht dem demografischen Wandel geschuldet, sondern sie existieren bereits seit langem.

Warum reagiert man so spät?

Die angesprochenen Defizite werden für die Politik dadurch zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem, dass die Anzahl wie der Anteil der Betroffenen an der Gesamtbevölkerung in relativ kurzer Zeit enorm steigt und Kosten in Bereichen verursachen wird, für welche die bisherigen Haushalte keine Konten haben. Zudem werden diese Defizite zum Alltagsproblem für eine immer größer werdende Gruppe der Bevölkerung, die für die Politik besonders wichtig ist: Da geht es um Wählerstimmen.

Es heißt oft, das sei die einzige Sprache, welche die Politik versteht.

Offensichtlich, dabei war das Problem schon vor Jahrzehnten in Sicht. Es war lediglich noch nicht so wahlkampffähig wie heute. Wer sich erinnert: Bereits Norbert Blüm versuchte mit seinem „Demografischen Faktor" die Berechnung der Renten anzupassen und auf die Veränderungen vorzubereiten, was unter Schröder gleich wieder kassiert wurde. Der heutigen Regierung fällt nichts anderes ein, als den ominösen Renteneinstieg mit 67 zu verteidigen, bestenfalls zu modifizieren.

Die Produktivität soll erhöht werden, weil in Zukunft ein deutlich gewachsener Anteil von älteren Menschen versorgt werden muss.

Es ist völlig richtig, wenn Demografiebericht und -strategie auf die Verringerung des Anteils der Beschäftigten im Haupterwerbsalter abheben. Es geht dabei aber weniger um die Frage, ob dadurch weniger produziert werden würde. Die Vergangenheit hat es immer wieder bewiesen, dass Defizite auf dem Arbeitsmarkt durch eine enorme Steigerung der Arbeitsproduktivität überkompensiert werden können. Allein durch diesen Sachverhalt wird auch in Zukunft in Deutschland immerhin niemand hungern oder frieren müssen. Es sind vielmehr einige Strukturen, die sich dahinter verbergen, und die durch die künftige Altersgliederung der Bevölkerung zum Problem werden.

Können Sie uns hier genauer darlegen, wo sich die Probleme verstecken?

Erstens sind die zu erbringenden Betreuungs- und Pflegeleistungen kaum durch eine erhöhte Arbeitsproduktivität zu realisieren, sondern das sind Personenleistungen. Bei wachsendem Bedarf und einer Verringerung der Leistungspotentiale werden Veränderungen in der Berufslandschaft nötig werden, die mit den gegenwärtigen Instrumenten und Anreizen nicht bewältigt werden können.

Teil 2 des Interviews

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[1] http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2012/04/2012-04-24-demo...