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Fleischeslast statt Fleischeslust?

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Die „Vegi-Diskussion“ ist so alt wie die Philosophiegeschichte. Humanisten und Freidenker haben durchaus „vegetarische“ Wurzeln. Aber kann der Verzicht auf Fleisch Ausdruck eines praktischen und zeitgemäßen Humanismus sein? Ein Plädoyer.
Donnerstag, 1. Dezember 2011

Die Geschichte des Vegetarismus ist so alt wie die Geschichte der abendländischen Philosophie, mindestens. Und die Frage, ob es legitim sei, Tiere zu Nahrungszwecken zu züchten, zu mästen, zu töten und ihre Leichen zu essen (oder irgendwelchen „Göttern" zu opfern), wurde dementsprechend bereits in der griechischen Antike kontrovers diskutiert. Dabei waren antike Vegetarier häufig von religiösen und ethischen Beweggründen motiviert, während die Verfechter der Fleischkost als Legitimation gerne die „Vernunftlosigkeit" der Tiere ins Feld führten oder gar – wie der römische Politiker Clodius – argumentierten, dass zwischen Mensch und Tier ein naturgegebener und gerechter Krieg herrsche, weil manche Tiere den Menschen angriffen oder die Ernte zerstörten. Und im Krieg sei es nun mal legitim, seine Feinde zu töten.

Fleischeslast Fleischeslust

Natürlich tobt seit zweieinhalbtausend Jahren auch der Streit um die Frage, ob tierische Kost nun aus diätetischen Gründen für die menschliche Ernährung entbehrlich oder nur weitgehend entbehrlich oder aber weitgehend unentbehrlich bzw. sogar völlig unentbehrlich sei. Diese Frage steht hier nicht zur Debatte, jedoch angemerkt sei immerhin, dass die strikten Vegetarier Pythagoras und Empedokles beide (für damalige Verhältnisse) stattliche 60 Jahre alt wurden und Patrik Baboumian, Sieger der deutschen Strongman-Meisterschaften 2011 und damit hochoffiziell „Stärkster Mann Deutschlands", ebenfalls seit etlichen Jahren Vegetarier ist.

Wie auch immer: Die These, dass die aktuelle Vegi-Bewegung nichts weiter sei als ein von Publikationen wie Jonathan S. Foers Tiere essen, Karen Duves Anständig essen oder aktuell Felix zu Löwensteins Food Crash ausgelöstes Lifestyle-Phänomen, steht bereits in historischer Hinsicht auf wackligen Füßen – was natürlich nicht ausschließt, dass es heute auch etliche Lifestyle-Vegetarier gibt. Aber darum geht es mir nicht.

Fleischeslast Fleischeslust

Es geht mir nicht einmal darum, zu welchem Ergebnis man heute als mündiger und reflektierter Mensch bei der persönlichen Auseinandersetzung mit jener Grundfrage nach der moralischen Legitimität des Tiere-Essens per se gelangen kann – wobei diese Auseinandersetzung freilich zu einer ethisch verantwortlichen „Essistenz" (Harald Lemke) unzweifelhaft dazu gehört (siehe dazu z. B. den soeben erschienenen Sammelband von Iris Radisch und Eberhard Rathgeb Wir haben es satt). Denn völlig unabhängig davon, wie man diese Frage individuell beantwortet, sind wir heute alle, egal ob postmoderner Agnostiker, atheistischer Humanist oder stockkonservativer Angehöriger irgendeiner Religion, gleichermaßen mit einer simplen Tatsache konfrontiert: Fleisch ist ein problematisches Lebensmittel (was natürlich in ähnlichem Ausmaß auch für Eier, Milch und Milchprodukte gilt). Es ist sogar das problematischste Lebensmittel schlechthin, und das aus einer wahren Flut an guten Gründen, die auch derjenige nicht unter den Tisch fallen lassen kann, der das Fleischessen prinzipiell in Ordnung findet.

Dementsprechend werde ich in diesem Beitrag die Auffassung vertreten, dass Vegetarismus – oder zumindest die deutliche Reduktion des Fleischkonsums sowie der konsequente Verzicht auf Fleisch und sonstige tierische Lebensmittel aus industrieller Produktion – ein Gebot der Vernunft und damit auch praktischer Ausdruck eines zeitgemäßen Humanismus ist bzw. wäre.

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