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Der Fall Seger. Ein Sozialdemokrat im Fokus des Auswärtigen Amtes

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Dienstag, 8. Februar 2011

Die im Herbst 2010 erschiene Studie „Das Amt und die Vergangenheit”, die die Verwicklung des Auswärtigen Amts (AA) in den Terror des Dritten Reich und auch die Nachkriegsgeschichte des Amtes thematisiert, hatte die diesseits zum Anlass genommen, das Thema der Bespitzelung und Ausbürgerung konfessionsloser Oppositioneller, die sich der Verfolgung in Deutschland durch Emigration entzogen hatten, aufzugreifen. Neben den in der diesseits aufgeführten Persönlichkeiten soll hier der der Fall des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Gerhart Seger (1896-1967) beschrieben werden, der eindrucksvoll zeigt, inwieweit das AA von Anfang an die Unrechtspolitik des NS-Regimes unterstützte und dazu nicht erst gleichgeschaltet werden musste.

Cover: Das Amt und die Vergangenheit

Eckart Conze u.a.: Das Amt und die Vergangenheit

Seger engagierte sich schon früh in der Arbeiterjugendbewegung, ab 1919 in der USPD, seit 1922 in der SPD. Der konfessionsfreie gelernte Steindrucker arbeitete als Redakteur für sozialdemokratische Zeitungen und verfasste Schriften für die Bildungsarbeit der Arbeiterjugendbewegung. Von 1923 bis 1928 war er hauptamtlicher Sekretär der Deutschen Friedensgesellschaft. 1930 in den Reichstag gewählt, machte der aktive Antifaschist u.a. durch seine Forderung, Hitler als unerwünschten Ausländer auszuweisen, von sich reden. Aufgrund seiner politischen Aktivitäten wurde der gerade erneut in den Reichstag gewählte Seger am 12. März 1933 in sogenannte Schutzhaft genommen und im Juni desselben Jahres in das KZ Oranienburg eingewiesen.

Anfang Dezember gelang ihm von dort die Flucht, er setzte sich in die Tschechoslowakei ab. Dort zeichnete er seine Erlebnisse auf. Mit einem Vorwort von Heinrich Mann versehen, erregte dieser in mehrere Fremdsprachen übersetzte Bericht unter dem Titel „Oranienburg“ internationale Aufmerksamkeit. Er bewirkte, dass das Konzentrationslager Oranienburg 1934 international zum Synonym für das NS-Terrorregime wurde.

Das NS-Regime nahm im Januar 1934 seine Frau und seine 17 Monate alte Tochter in Geiselhaft, um seine Rückkehr nach Deutschland zu erzwingen. Seger initiierte dagegen eine internationale Kampagne zur Freilassung seiner Familie und begab sich auf eine europaweite Vortragsreise.

Das AA registrierte aufmerksam die Aktivitäten des reisenden Aufklärers. Die Diplomaten berichteten lückenlos nach Berlin und informierten die Gestapo über die Route seiner Vortragsreise. Wie das AA ein Opfer zum Täter machte, lässt sich aus den Akten zweifelsfrei herauslesen. Nicht die Gewaltpolitik des NS-Regimes, die Seger am eigenen Leibe erfahren hatte, sondern die Tatsache, dass er darüber berichtete, betrachtete das AA als für das Ansehen des Reiches in höchstem Maße schädlich. Er verbreite Verleumdungen schlimmster Art und sei in besonderem Maße an der Vergiftung der Weltmeinung über das neue Deutschland schuld, notierte ein Mitarbeiter des Amtes in Segers Akte. In Bezug auf seine Familie zeigte der internationale Druck Wirkung. Sie durfte im Mai 1934 ausreisen. Zynisch kabelte das AA daraufhin an seine Botschafter, das „Hetzargument des geflüchteten Seger, dass Frau und Kind als Geiseln in Schutzhaft gefangen gehalten würden, sei damit hinfällig”.

Der Fall Seger ist exemplarisch für die aktive Verwicklung des Auswärtigen Amtes in die Verfolgung von Regimegegnern im In- und Ausland. Neben Gerhart Seger und seiner Familie wurden noch mehr als 39.000 Personen unter maßgeblicher Beteiligung des AA vom NS-Regime ausgebürgert.

Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann. Karl Blessing Verlag 2010. 880 S. 43,95 EUR.

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