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Der demografische Wandel ist kein Betriebsunfall der Evolution

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Im zweiten Teil unseres Demografie-Interviews spricht Dr. Weiß über die immer noch geschlechterdifferenzierte Lebenswirklichkeit, Kinderlosigkeit als Lebensstil und die Folgen für eine solidarische Gesellschaft.
Freitag, 6. Juli 2012

Mit ihrer Demografiestrategie will die Bundesregierung lange verpasstes aufholen. Es soll mehr Kitas geben, Studierende sollen früher Familien gründen, ältere Menschen sollen sich länger engagieren.

Wolfgang Weiß: Ein besonderes Problem ist die immer noch übliche geschlechtsdifferenzierte Arbeitswelt mit typischen Männer- und Frauenberufen. Auf die Einbeziehung von derart vielen jungen Frauen in die Berufswelt, wie künftig nötig wird, ist insbesondere die Gesellschaft der alten Bundesländer nicht genügend vorbereitet.

Der Osten Deutschlands hingegen verliert seit vielen Jahren seinen diesbezüglich einstigen Vorsprung. Die Frauenerwerbsquote von 95 Prozent aus der DDR-Zeit ist in einigen sozialen Gruppen schon längst einer bundesdeutschen Durchschnittsnormalität gewichen, oder die Frauen weichen in ihrem Anspruch an Selbstverwirklichung selbst aus, in dem sie vor allem aus den eher ländlich geprägten Räumen, in denen sie sich nicht selbst verwirklichen können, abwandern.

Ist die fehlende Verbesserung der Berufschancen von Frauen hier die einzige Problemlage?

Nein, denn zudem sind die Finanzströme zu hinterfragen. Das umlagefinanzierte Rentensystem wird an seine Grenzen stoßen, wenn die Potentiale der Umlage nicht neu geordnet werden. Es ist schon lange überfällig, dass die oft geforderte vollständige Einbeziehung wirklich aller Teile der Bevölkerung in das Rentensystem erreicht wird. Das würde aber auch Überwindung des Beamtenstatus und des Pensionswesens beinhalten, was aber bisher noch keinen ernsthaften Weg in die Debatten gefunden hat. In den vorgelegten Papieren sucht man so etwas ebenso vergeblich wie den Ruf nach Umbau der sozialen Sicherungssysteme in Richtung einer bedingungslosen Grundsicherung.

Über die Hintergründe der demografischen Veränderungen haben weder der Demografiebericht noch die Strategie der Bundesregierung auch nur annähernd aufgeklärt. Es finden sich dafür triviale Aussagen zum Rückgang der Bevölkerungszahl, wie: Ursächlich dafür ist, dass die Zahl der Sterbefälle die Zahl der Geburten immer mehr übersteigt.

Beide Dokumente schweigen sich über die Ursachen des demografischen Wandels aus. Er wird als Realität konstatiert. Angesichts der langen Zeit der Ignoranz und sogar der Abwehr, in der die Demografen als unverantwortliche Apokalyptiker und akademische Schwarzmaler gegeißelt wurden, könnte man fast in Jubel ausbrechen. Aus der allerdings unverantwortlichen Frage typischer CDU-Politiker: „Was kann man denn gegen den demografischen Wandel tun?!", die der Wissenschaft jahrzehntelang gestellt wurde, um sich selbst nicht bewegen zu müssen, wurde eine Art: „Das ist nun mal so!" Dabei ist der demografische Wandel keineswegs ein Betriebsunfall der Evolution der Zivilisation.

Könnten Sie uns das etwas genauer erklären?

Rein rechnerisch sind die Gründe eindeutig: die Anzahl der Geburten liegt seit 40 Jahren rund ein Drittel unter dem Bestandserhaltungsniveau. In der zweiten Generation heißt das: die Anzahl der Enkel ist nur noch rund halb so groß, wie die Generation der Großeltern.

Unter diesen Bedingungen ist es fast egal, dass die Lebenserwartung seit 160 Jahren jährlich um drei Monate steigt – das verstärkt lediglich die Zunahme des Anteils der älteren Bevölkerung gegenüber der jüngeren.

Entscheidende Fragen werden aber mit derselben Gelassenheit ausgespart, mit der seit 40 Jahren fast alle Vorgänger im Amt keine Antwort auf die Frage suchten, warum heute insbesondere im Westen Deutschlands fast jede dritte Frau zeitlebens kinderlos bleibt bzw. die Realisierung des eigenen Kinderwunsches auf einen Zeitpunkt nach Ablauf der biologischen Uhr verschiebt.

Kinderlose Frauen nach Ausbildungsabschluss

Grafik: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung - 2012

Kinderlosigkeit ist dort seit langem deutlich ausgeprägter vorzufinden. Lassen sich denn Gründe dafür erkennen?

Die Ursachen sind so breit gefächert wie sich die individuellen Lebenslagen unterscheiden. Sie reichen von der noch immer nicht vollständig überwundenen Infertilität mit medizinischer Indikation, die aber dank der modernen Medizin immer geringer wird, bis zur biographischen Zurückstellungen von Schwangerschaften aus unterschiedlichen Gründen, wobei dann nicht selten die Menopause dazwischen kommt. Bedenklich dürfte allerdings die Kinderlosigkeit als Lebensstil sein, die mittlerweile von immer mehr Menschen ausgelebt wird. Das sind jene, für die es im eigenen Lebensentwurf keinen Platz für Kinder gibt, die ihre möglichen demografischen Investitionen selbst konsumieren, so dass diese in der nächsten Generation nicht in Wert gesetzt werden können.

Welche Dinge müssten beim Blick auf die Demografiestrategie außerdem noch angesprochen werden?

Mehrere. Ausgespart bleiben Fragen nach der Lebenssituation junger Frauen genau in jenem Lebensabschnitt, in dem Schwangerschaften aus biologischen und medizinischen Gründen am günstigsten sind.

In der Demografiestrategie heißt es dazu, die Familienorientierung bei Studiengängen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie soll gefördert werden. Reicht das nicht aus?

Hörsall Uni Jena

Quelle: Uni Jena

Ich will mich auf den Teil „Familienorientierung bei Studiengängen" beschränken: Wir sind von dem, was da gefördert werden soll, in der Realität so weit entfernt, dass es schwer fällt, zu erkennen, über welches Land hier gesprochen wird. Um etwas zu fördern, muss es ja zumindest im Ansatz schon existieren. Sicher, es gibt familienfreundliche Hochschulen, z.B. die FH Stralsund, aber wir hatten schon einmal Hochschulen, an denen die Hälfte aller Studentinnen zum Diplom oder zum Staatsexamen bereits mindestens ein Kind hatte. Das war bis 1990 in der DDR. Der Blick in die eigene Geschichte kann hilfreich sein. Wer der Demografiestrategie folgen will, sollte sich also ruhig einmal mit den damaligen Studienbedingungen im Osten Deutschlands beschäftigen. So lange aber selbst partielle Erfolge der DDR mit einem Tabu belegt sind, wird der Wunsch der Demografiestrategie wohl auf dem Papier bleiben.

Was fehlt noch?

Ausgespart blieben Fragen nach der Stellung der Eltern in der Gesellschaft, vor allem nach den Mechanismen des Rechtssystems, das fast durchgängig Eltern gegenüber Kinderlosen benachteiligt.

Wollen Sie sagen, wir haben eine kinderfeindliche Gesellschaft?

Nein, kinderfeindlich ist diese Gesellschaft nicht; sie ist elternfeindlich, und fast alle diesbezüglichen Gesetze sowie die Regeln in der Wirtschaft bewirken eine Bevorzugung von Kinderlosen. Ausgespart blieben daher bislang auch Fragen nach der rechtsstaatlich organisierten Umverteilung von Einkommen und Vermögen von Eltern und deren Kindern an zeitlebens Kinderlose!

Das ist eine drastische Einschätzung.

Diese Umverteilung als eine neue Form der Ausbeutung zu bezeichnen dürften manche wohl vielleicht als etwas überzogen halten. Der Begriff sei hier jedoch als didaktisches Instrument gestattet. An der Realität ändert sich dadurch gar nichts, wenn wir es nur anders bezeichnen.

Letztlich zahlen zeitlebens Kinderlose nicht in den demografischen Pool der Gesellschaft ein, empfangen aber Rente, die durch die Kinder von Eltern produziert wird. Das ist kein Problem und aus Gründen der Solidarität mit jenen, die keine Kinder bekommen können(!), auch gewollt, solange Kinderlosigkeit auf jene beschränkt bleibt, die aus medizinischer Indikation davon betroffen sind.

Wenn lebenslange Kinderlosigkeit aber zum Lebensstil wird oder ökonomische Zwänge, lange Ausbildungszeiten sowie über Jahrzehnte gebrochene Erwerbsbiographien jungen Leuten keine Chance lassen, Kinderwünsche in Verantwortung zu realisieren, kommt es zu einer nie zuvor stattgefundenen Umverteilung. Gebeutelt sind die Eltern, denn sie tragen die demografischen Investitionen in Größenordnungen, wie sie durch keine sozialpolitischen Maßnahmen auch nur annähernd kompensiert werden können. Die Politik würde sich wohl erst bewegen, wenn Eltern bei Wahlen die Stimmen ihrer Kinder mit benutzen dürften.

Teil 3 des Interviews erscheint am Dienstag, den 10.07.2012.