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Bewegung bei der Sterbe- und Suizidhilfe

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Dienstag, 8. Februar 2011

Zum Jahreswechsel kündigte Bundesärztekammerpräsident Prof. Jörg-Dieter Hoppe (70) eine vorsichtige Lockerung des standesrechtlichen Verbots der Beihilfe bei der freiverantwortlichen Selbsttötung von Schwerstkranken an, möglicherweise noch in der ersten Jahreshälfte 2011.

Wie Hoppe sagte, sind „neue standesrechtliche Formulierungen zur ärztlichen Suizid-Assistenz” zwar noch nicht von den entscheidungsbefugten Gremien der Bundesärztekammer (BÄK) abschließend diskutiert worden”, doch als Tendenz stehe schon fest, „dass bisherige Verbotsformulierungen, nach denen die ärztliche Begleitung und Assistenz bei einem Suizid unethisch und nicht mit der ärztlichen Berufsausübung zu vereinbaren seien, abgelöst werden”. Debattieren soll darüber der Deutsche Ärztetag Ende Mai in Kiel. Demgegenüber zeigte sich der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband (DHPV) empört über den Vorstoß. Dessen Vertreter sehen den Grundkonsens gefährdet, der eben noch zusammen mit der BÄK in der sog. Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in entschiedenen Anstrengungen gegen die Möglichkeit der Suizidhilfe erzielt worden war.

Hintergrund für den Umschwung der BÄK ist eine anonyme Allensbach-Umfrage unter Ärzten, deren Ergebnisse die BÄK zunächst monatelang unter Verschluss hielt: Darin sprachen sich gut ein Drittel der Befragten für die Möglichkeit aus, einem unheilbar Kranken Medikamente für einen Suizid zur Verfügung zu stellen. Dies ist in Deutschland strafrechtlich ohne weiteres möglich, aber, so Hoppe „derzeit durch unser Berufsrecht als unethisch verboten”. Dieser Widerspruch müsse aufgelöst werden. Der Berichterstatter der FDP-Bundestagsfraktion für Palliativmedizin, Michael Kauch (MdB), zeigte sich erfreut: „Das war überfällig, denn es geht um die Würde des Menschen bis zuletzt”. Kauch hält eine Suizidhilfe-Regelung wie die im US-Bundesstaat Oregon, wo ärztlich assistierter Suizid seit 1997 erlaubt und gesetzlich geregelt ist, für vorbildlich. Die Forderung nach Zulassung des in der Schweiz bewährten und in Deutschland verbotenen Suizidmittels Natrium-Pentobarbital stünde damit an.

Der Intensivmediziner und Humanismuspreis-Träger Dr. Michael de Ridder fordert seit langem, dass die deutschen Ärzte darüber „endlich offen debattieren” müssten. Von einer staatlichen Regelung hält er wenig, organisierte Sterbehilfe á la Kusch und Minelli” lehnt er kategorisch ab. Vielmehr gehöre die Hilfe beim Suizid in Einzelfällen „in das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient”.

Während die Liberalisierung der ärztlichen Suizid-Assistenz offen diskutiert wird, geriet sie an anderer Stelle in Gefahr. Der Krebsärztin Dr. Mechthild Bach drohte die Verurteilung zu einer langjährigen Gefängnisstrafe durch das Landgericht Hannover. Ihr wurde vorgeworfen, in 13 Fällen den Tod ihrer schwerkranken Patienten durch die überdosierte Gabe von Morphin und Valium beschleunigt bzw. verursacht zu haben. Bei einer Routinekontrolle des Medizinischen Dienstes der AOK war 2003 der hohe Morphinverbrauch aufgefallen – die Kasse erstattete Anzeige. Dr. Bach hielt dem Druck der seit acht Jahren andauernden Prozesse nicht stand und verübte im Januar Suizid. An der bekennenden Christin und Anhängerin einer ganzheitlich-spirituellen Medizin mögen sich die Geister scheiden. Der Vorfall wird in jedem Fall von der Ärzteschaft als fatales Signal aufgefasst: Wer Leidminderung durch indirekte Sterbehilfe leistet, muss Angst vor dem Staatsanwalt haben!

Das Kuratorium des HVD-Berlin überlegt zurzeit mit seinem beratenden Kuratorium (dem auch Dr. de Ridder angehört), welche Positionen und konkreten Forderungen noch denkbar sind. So wäre z.B. der Rückgriff auf den von Medizin- und Strafrechtsprofessoren erarbeiteten „Alternativentwurf eines Gesetzes über Sterbehilfe” (AE-Sterbehilfe) möglich, der vor 25 Jahren zu Papier gebracht wurde und heute von bestechender Aktualität ist.

→ Alternativentwurf eines Gesetzes über Sterbehilfe (AE Sterbehilfe).