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Ist Anders Breivik böse?

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diesseits hat nachgefragt bei... Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth, Neurobiologe und einer von Deutschlands renommiertesten Hirnforschern
Donnerstag, 1. September 2011
Gerhard Roth

Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth, Neurobiologe und Hirnforscher

Herr Roth, seit den Ereignissen in Norwegen begegnet uns immer wieder der Begriff des Bösen. Was steckt hinter diesem Begriff?
Gerhard Roth: Menschen sind im moralischen Sinne böse, wenn sie anderen Menschen absichtlich Schaden oder Leiden zufügen. Solche Menschen sind nach Erkenntnissen der Psychologie und der Hirnforschung psychisch krank, fallen klinisch unter die Kategorie der dissozialen Persönlichkeitsstörung. Bei diesen Menschen findet man eine gewisse genetische Vorbelastung, die allein aber niemanden zu einem „bösen Menschen" macht. Hinzu treten typischerweise frühkindliche Traumatisierungen durch Misshandlung, sexuellen Missbrauch und Vernachlässigung, bei den „ganz Bösen" auch noch Erlebnisse der Ausgrenzung, Erniedrigung und Beschämung im Kindes- und Jugendalter. Auch diese negativen Umwelteinflüsse machen allein niemanden zu einem „bösen Menschen". Dies macht erst die Kombination von negativen genetischen Vorbelastungen und Traumatisierungen.

Wie verhält es sich bei dem norwegischen Attentäter Anders Breivik?
Soweit ich dies „aus der Ferne" beurteilen kann, liegt bei ihm eine psychopathische Megalomanie vor. Er lebt Allmachtsgelüste aus, verbunden mit psychotisch-schizophrenen Zügen, die sich in Verschwörungsszenarios äußern. Über seine Jugend weiß ich nichts, aber ich bin sicher, dass sich bei genauer Analyse Faktoren der genannten Art finden.

Was passiert im Gehirn bei einer solchen Tat?
Solche Menschen gehen oft sehr planvoll und intelligent vor, da Verstand und Intelligenz bei ihnen meist nicht geschädigt sind, im Gegensatz zu ihren Emotionen einschließlich ihrer Empathie. Sie werden angetrieben durch Fehlfunktionen im limbischen System des Gehirns, z.B. der Amygdala. Im limbischen System sind unsere unbewussten und bewussten emotionalen Antriebe lokalisiert.

Was ist mit dem sog. „Verbrecher-Gen"?
Es gibt kein Verbrecher-Gen. Menschen mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung weisen aber eine Reihe von Defiziten auf, die einige wichtige psychisch-neuronale Systeme wie das Stressverarbeitungssystem, das Selbstberuhigungssystem, das Impulshemmungssystem und das Empathie- und Bindungssystem betreffen. Diese Defizite findet man in unterschiedlicher Kombination auch bei anderen psychischen Krankheiten wie Depression, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen.

Gibt es ein Korrektiv zu diesen Belastungen?
Der Kombination genetischer Vorbelastungen und Umwelteinflüsse ist ein Mensch ausgeliefert – er kann sich nicht selbst heilen, insbesondere nicht als Kind. Wenn aber bei anfänglich negativem Verlauf positive Dinge passieren, bspw. das Eingreifen unterstützender Menschen, dann kann in der Kindheit noch viel korrigiert werden. Dabei gilt: je früher, desto besser.

Was bedeutet das für das Strafrecht?
Das geltende Strafrecht hat leider einen völlig unzulänglichen Begriff von Schuld und Strafe. „Böse Menschen" sind nicht im moralischen Sinne schuldig, weil sie für ihre Erkrankungen nichts können. Aber auch wenn man auf den Begriff der Schuld verzichtet, so bleibt doch jeder Mensch, der nicht schwachsinnig oder geisteskrank im Sinne des § 20 des StGB ist, für seine Taten verantwortlich, d.h. er darf für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Man muss also strikt zwischen Schuld und Verantwortlichkeit unterscheiden.

Hilft das den Hinterbliebenen der Opfer?
Ein Trost für die Hinterbliebenen ist das alles nicht! Die Gesellschaft hat wie bei Krankheiten aber die Möglichkeit und Pflicht, sich und ihre Mitglieder durch geeignete Maßnahmen zu schützen. Dem „Bösen" sind wir also keineswegs völlig ausgeliefert.