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Weg aus der Schuldenfalle

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Zuhören, Selbstvertrauen aufbauen und das Gefühl vermitteln, als Person einen Wert zu haben – schon mit einfachen Mitteln ist es möglich, überschuldete Menschen zu unterstützen. Seit einigen Monaten hilft bei großen Geldproblemen ein in Nürnberg einzigartiges Projekt unbürokratisch auf den Weg zurück in ein normales Leben.
Sonntag, 1. Juni 2014
Foto: A. Nehr

Lara März ist Projektleiterin für das ehrenamtliche Schuldnercoaching in Nürnberg.  Foto: A. Nehr

Selbstbestimmung zählt zu den zentralen humanistischen Grundsätzen. Doch sie kann leicht verloren gehen. Eine Möglichkeit, sie zu verlieren, ist in die Schuldenfalle abzurutschen. Und wenn die finanziellen Forderungen über den Kopf gewachsen sind, zieht nicht nur die Armut in das Leben ein. Depressionen und Krankheit kommen häufig dazu. Rund drei Millionen Bürgerinnen und Bürger in Deutschland sind von Überschuldung betroffen. Einkommen und Vermögen reichen bei ihnen über längere Zeit nicht mehr aus, um alle fälligen Forderungen zu bezahlen.

„Rechnet man Partner und Kinder mit, sind es knapp sieben Millionen Menschen“, schätzt Eva Münster, Juniorprofessorin am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz. Eine vor wenigen Jahren durchgeführte Studie der Universität Mainz unter überschuldeten Personen ergab, dass die meisten Befragten unter psychosomatischen Beschwerden wie Schlafstörungen, Kopf- und Rückschmerzen sowie rascher Erschöpfung leiden. Angststörungen und Depressionen fanden sich in der Untersuchung am häufigsten bei überschuldeten Menschen, rund 40 Prozent waren davon betroffen. Weitere Krankheiten verschlimmern sich, weil Betroffene keine Medikamente kaufen. Billige und schlechte Ernährung, sozialer Rückzug und fehlende sportliche Betätigung führen ebenfalls zur Verschlechterung der gesundheitlichen Situation. Jeder dritte Befragte gab in der Uni-Studie an, aufgrund der finanziellen Notlage erkrankt zu sein. Eva Münster sagt: „Für überschuldete Menschen, die im Beruf stehen und täglich kämpfen, um ihr System aufrechtzuerhalten, hat niemand einen Blick.“

Die wenigsten geraten mutwillig in tiefe finanzielle Schwierigkeiten. Arbeitslosigkeit, Scheidung oder die Trennung vom Partner oder dessen Tod sowie eine Erkrankung oder ein Unfall bilden laut über viele Jahre hinweg gesammelten Daten des Statistischen Bundesamtes die Hauptauslöser von Überschuldung. Laut Bundesamt sind alleinerziehende Frauen und alleinlebende Männer besonders häufig betroffen. Einen Ausweg aus der Schuldenfalle bietet seit einigen Monaten ein neues Projekt in Nürnberg. Das ehrenamtliche Schuldnercoaching bietet Rat und konkrete Hilfestellungen für Menschen, die einen Ausweg aus der Misere suchen.

„Toll daran ist, dass man einfach freiwillig hingehen kann“, sagt Olga Bonet. Sie ist eine von fünf Ehrenamtlichen, die überschuldete Menschen in Nürnberg und Umgebung unterstützen, einer persönlichen Finanzkrise endlich zu entkommen. Beruflich als Selbständige tätig, engagiert sie sich seit mittlerweile 17 Jahren zusätzlich zu ihrer Arbeit für andere Menschen. Das zum Jahresbeginn neu gestartete Schuldnercoaching in Nürnberg hat Bonet für sich als perfektes Projekt entdeckt. Sie betreut nun zwei der insgesamt etwas mehr als ein Dutzend zurzeit aktiven Verfahren. Hilfe zur Selbsthilfe lautet ein Prinzip, das auch dieses Projekt des Humanistischen Verbandes Bayern bestimmt.

„Ganz unterschiedliche Menschen kommen zu uns, bisher waren es aber überwiegend Jugendliche und Senioren“, berichtet Lara März. Die 25-jährige Erziehungswissenschaftlerin ist Projektleiterin beim Schuldnercoaching, einem in der Stadt und dem Umland einzigartigen Angebot. Im Unterschied zu klassischen Insolvenz- und Rechtsberatungen werden überschuldete Menschen hier besonders schnell und unkompliziert beraten. Den von Olga Bonet genannten Vorteil sieht sie bestätigt: „Freiwilligkeit spielt eine große Rolle unsere Hilfsleistung und ist ein Basis für den Erfolg des Schuldnercoachings. Fast jede Begleitung erläuft erfolgreich, weil der eigene Wille zum Neuanfang eine große Rolle spielt.“

Die Schuldnercoaches helfen ihren Klienten, Unterlagen zu ordnen, Haushaltsanalysen aufzustellen und Forderungen zu prüfen. Aber auch bei Ämtergängen und dem Ausfüllen von Anträgen, die zur Sicherung der Rechte und Ansprüche wichtig sind. Der erste gemeinsame Termin findet stets nach einem telefonischen Vorgespräch statt, um die wichtigsten Informationen kennenzulernen. Und damit auch die Frage geklärt werden, ob es besonders akuten Bedarf für bestimmte Maßnahmen gibt. Falls erforderlich, werden überschuldete Menschen an weitere, spezialisierte Hilfsstellen weitervermittelt.

Die große Mehrheit der Beratungen wird im Humanistischen Zentrum in Nürnberg durchgeführt, aber die Coaches kommen durchaus mal zu den Klienten nach Hause. Geachtet wird außerdem darauf, dass Klienten und Coach persönlich gut miteinander können, betont Lara März. Derzeit gibt es pro Woche etwa zwei neue Anfragen von Interessenten.

Für ihre Tätigkeit werden die Schuldnercoaches in Seminaren geschult, die sie mit den wichtigsten Grundlagen und Informationen für eine kompetente und einfühlsame Begleitung vertraut machen. Denn neben dem Wissen, wie man sich dieser besonderen Belastung finanziell und rechtlich auf richtige Weise stellen kann, sind auch psychologische und zwischenmenschliche Fähigkeiten hilfreich: „Für viele ist es schon eine große Unterstützung, dass sie jemanden haben, der ihnen zuhört und ihnen das Gefühl gibt, dass sie trotz ihrer Schulden einen Wert als Menschen haben. Es geht häufig darum, dass Selbstvertrauen wieder aufgebaut wird“, erklärt März hier.

Spenden für das Schuldnercoaching Damit das erfolgreiche und in Nürnberg einzigartige Projekt auch im nächsten Jahr weiterhin Menschen mit hohen Schulden helfen kann, den Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu gehen, freut sich Lara März auch über Ihre Unterstützung. Insgesamt 1.700 Euro werden benötigt, um das Schuldnercoaching weiterzuführen. Wenn Sie dabei helfen möchten, anderen Menschen zu helfen, spenden Sie an einfach das Humanistische Sozialwerk Bayern: IBAN DE81 7603 5000 0001 0541 63 BIC UMWEDE7NXXX. Mehr Informationen über das Projekt: www.hvd-bayern.de

Die Schuldnercoaches sind vor allem ältere Menschen aus einschlägigen Berufszweigen, wie dem Bankenwesen oder dem Bereich der Sozialarbeit, die auch im Ruhestandsalter noch Aufgaben suchen. Was sie dazu motiviert, sich für Menschen mit großen finanziellen Problemen einzusetzen? März sagt, da sei unter anderem das Bedürfnis, durch so eine Hilfe für andere noch einen „Mehrwert im Alltag zu schaffen und dem Leben mehr Sinn zu geben. Und um für Menschen vor Ort etwas zu tun.“ Und die neben ihrem Berufsleben ehrenamtlich tätige Olga Bonet bekennt: „Ich möchte für meine Mitmenschen einfach da sein und unterstütze sie wo ich kann. Mein Motto fürs Leben ist: Geht es den anderen gut, geht es mir auch gut.“