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Starkes Sendungsbewusstsein

DruckversionEinem Freund senden
Die Verkaufszahlen vieler Kirchenzeitungen sinken seit Jahren – und das rapide. Doch der mediale Einfluss der christlichen Religionsgemeinschaften ist weiterhin riesig. Humanisten stehen hingegen schlecht da. Nun könnte ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts frischen Wind in die Verhältnisse bringen.
Sonntag, 1. Juni 2014
Foto: (c) epd / Norbert Neetz

Foto: (c) epd / Norbert Neetz

Fernsehen von Atheisten für Atheisten: 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche. Im Juli soll in den Vereinigten Staaten ein bislang einzigartiger Fernsehkanal seinen Betrieb aufnehmen. Ausschließlich atheistische, humanistische und freidenkerische Beiträge wird der Kabelsender verbreiten. Das hat der Präsident des rund 2.200 Mitglieder großen Atheistenverbandes American Atheists, David Silverman, Anfang Mai in einer Versammlung an der Stanford University angekündigt. „Es ist Teil unserer Strategie, dorthin zu gehen, wo wir noch nicht sind“, erklärte Silverman zur Ankündigung. Denn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten herrscht auch auf dem Medienmarkt eine große religiöse Vielfalt. Mehr als 100 christliche und vier jüdische TV-Sender gibt es. Der angekündigte Sender für Menschen, die ohne Religion leben, wäre der erste seiner Art. Neben selbst produzierten Programmbeiträgen sollen Wiederholungen von Sendungen einschlägiger Formate und ausgewählte YouTube-Videos ausgestrahlt werden. Ab dem Start sollen zunächst etwa sieben Millionen Haushalte erreicht werden. Zu mindestens für die Anfangszeit wird der Empfang kostenfrei möglich sein.

In Deutschland erscheint der Start eines reinen Atheisten- und Humanisten-Fernsehens im Kabelprogramm kaum vorstellbar. Doch auch die Liste kirchlicher Sender in der Bundesrepublik ist im Vergleich mit der US-Fülle bescheiden: Bibel TV, das Webportal Gloria.TV, K-TV, EWTN oder das in Berlin und Brandenburg ausgestrahlte Radio Paradiso gibt es. Der erst 2007 in Betrieb genommene christliche TV-Sender ERF soll zum 1. Juli dieses Jahres vom Netz gehen, weil die erhoffte Reichweite nicht erzielt wurde. Nur das 1961 gestartete Radioprogramm ERF Plus wird weiterhin rund um die Uhr biblische Botschaften in die Welt schicken.

Fernsehen ist reichweitenstärkstes Medium

Ein Grund für die schmale Aufstellung ist, dass Deutschland traditionell weit weniger stark von verschiedenen christlichen Konfessionen geprägt ist als die Vereinigten Staaten. Zudem haben die großen Kirchen eigene Rundfunksender gar nicht nötig. „Die kirchliche Mitwirkung in Hörfunk und Fernsehen ist in der Bundesrepublik verfassungsrechtlich verankert“, erklärt Markus Bräuer, Medienbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Das Grundgesetz garantiere durch Rundfunkfreiheit und Religionsfreiheit „die öffentliche Bezeugung der christlichen Botschaft“, aufgrund der sogenannten „Drittsenderechte“. Praktisch schlagen sie sich vor allem in den Programmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nieder.

Die öffentlich-rechtlichen Sender verbuchen laut der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich etwa 50 Prozent aller Einschaltquoten auf dem TV-Markt für sich. Fernsehen ist den Ergebnissen der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation von 2010 zufolge für die Gesamtheit der Bevölkerung weiterhin das reichweitenstärkste Medium, gefolgt vom Hörfunk und den Tageszeitungen. Etwas anders verhielt es sich bei der Gruppe der 14- bis 29-Jährigen, wo sich das Internet auf dem zweiten Platz befand. Wer die Menschen mit eigenen Botschaften erreichen will, muss hier ansetzen – und die Kirchen tun das.

diesseits 2/2014

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