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Eine säkulare Gesellschaft entsteht nicht einfach so

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Damit nichtreligiöse Menschen auf dem afrikanischen Kontinent einen echten Unterschied bewirken können, benötigen sie mehr Unterstützung aus Europa. Das sagt der nigerianische Menschenrechtsaktivist und Humanist Leo Igwe. Er setzt sich seit zwei Jahrzehnten gegen gefährliche Glaubensformen in afrikanischen Ländern ein.
Montag, 4. Mai 2015
Foto: Gwenn Dubourthoumieu

Vincent de Paul Nzumu, Priester in Kinshasa, bei einem Exorzismus. Die drei Kinder sind der „Hexerei“ bezichtigt worden. Ihre Mutter betet und hofft. Foto: G. Dubourthoumieu

Wie ist die Lage für Menschen ohne religiösen Glauben in Nigeria und benachbarten afrikanischen Ländern?

Leo Igwe: Gefährlich, auch wenn es davon abhängt, in welchem Teil von Afrika man sich befindet, aus welcher Familie man stammt, welches Geschlecht man hat sowie vom Bildungsgrad. Es ist in den islamisch dominierten Gegenden gefährlicher als in den überwiegend christlichen Ländern, atheistische oder skeptische Haltungen zu haben. Es ist auch einfacher für Männer mit höherer Bildung, die eine einträgliche Anstellung oder ein eigenes Unternehmen haben, als für Frauen.

Die meisten Atheisten und Skeptiker halten ihre Überzeugungen geheim, denn sie fürchten bei einem offenen Umgang mit dem Zweifeln und Unglauben zu Opfern zu werden. In den vom Islam beherrschten Gesellschaften gelten sie als Apostaten und Gotteslästerer, was mit langen Gefängnis- oder der Todesstrafe verfolgt wird – sofern sie nicht schon vorher durch einen Mob von Fanatikern gelyncht werden.

Was sind aus afrikanischer Perspektive die bemerkenswertesten Unterschiede bei der Präsenz von Religion und nichtreligiösen Menschen in Europa?

Religion ist in Afrika im öffentlichen Raum viel sichtbarer als in Europa. Und im Vergleich sind die nichtreligiösen Menschen in Europa gesellschaftlich sichtbarer und aktiver. Verblüffend ist, dass konfessionelle Gruppen trotz der dort schwindenden Religion immer noch so politisch einflussreich sind. Viele Kirchen sind leer, und im Vereinigten Königreich war ich sogar in einer, die war zu einer Bar umgebaut worden. Doch immer noch sind die Kirchen sehr reich. Und die konfessionellen Organisationen im „säkularen Europa“ finanzieren viele religiöse Aktivitäten in Afrika und fördern dort die Sichtbarkeit von Religion. Viele christliche Kleriker kommen aus dem säkularen Europa, um in Afrika das Evangelium zu verbreiten und missionarisch tätig zu sein.

Haben Sie das Gefühl, genug Unterstützung für Ihre Arbeit aus Deutschland und anderen europäischen Ländern zu erhalten? Dort befinden sich schließlich einige der reichsten und am wenigsten religiösesten Gesellschaften der Welt.

Grundsätzlich gibt es schon Unterstützung. Atheistische und skeptische Gruppen veröffentlichen Beiträge über meine Arbeit und Kampagnen in Journalen und Zeitschriften. Doch wenn wir einen echten Unterschied bewirken wollen, benötigen wir mehr praktische Unterstützung: um Opfern zu helfen, Einfluss auf lokale Autoritäten zu nehmen, für die Bildung und Aufklärung der Öffentlichkeit, um Programme auf Basis von Wissenschaft und kritischem Denken durchzuführen, und um sie an Schulen und Hochschulen, Krankenhäuser und Kliniken zu bringen. Hexerei-Vorwürfe und -Anklagen in Afrika beispielsweise basieren auf Missverständnissen von Krankheit und Tod. „Hexen“ werden für Wesen gehalten, die Krankheit und Tod verursachen. Wenn die Situation verbessert werden soll, sind praktische Programme erforderlich, die solche Missverständnisse korrigieren.

BU

Werbeplakat mit der berüchtigten evangelikalen Predigerin Helen Ukpabio für einen Gottesdienst gegen „Hexen“.

Woran könnte es liegen, dass es so wenig Hilfe und Unterstützung aus Europa gibt?

Eine Ursache dafür ist, dass die Verbände nichtreligiöser Menschen auch in Gegenden wie Europa im Vergleich zu den religiösen Organisationen nicht besonders groß sind. Zudem sind sie immer noch mit eigenen Problemen or Ort beschäftigt. Sie versuchen weiter, den religiösen  Einfluss im öffentlichen Raum oder religiöse Privilegien auf nationaler gesellschaftlicher Ebene anzugreifen. Bis diese Gruppen damit beginnen, einen stärker internationalen und globalen Ansatz für die Dinge zu entwickeln, werden wir keine Zunahme bei der Hilfe und Unterstützung für die Arbeit nichtreligiöser Menschen in Afrika sehen.

Leo Igwe Der 44-Jährige wuchs in einem katholischen Elternhaus im Südwesten Nigerias aus. Vom zwölften bis zum 24. Lebensjahr besuchte Igwe ein Priesterseminar. Er verließ das Seminar, weil er davon überzeugt war, dass die Mischung von naturreligiösem und magischem Tribalismus und fundamentalistischem Christentum die Entwicklung Afrikas behindert. 1996 begründete er die humanistische Organisation in Nigera. Seitdem hat Igwe sich vor allem vor Ort dafür eingesetzt, Projekte gegen den grassierenden Hexen-Glauben zu etablieren und leistete immer wieder konkrete Hilfe für bedrohte oder verschleppte Kindern. Mehrfach wurde er dabei selbst und seine Familie zum Opfer brutaler Gewalt von Einwohnern oder zur Zielscheibe der lokalen Behörden. Daneben vertrat er viele Jahre die Internationale Humanistische und Ethische Union (IHEU) vor Institutionen auf Ebene der Vereinten Nationen, um auf die gravierenden Probleme in den Ländern aufmerksam zu machen. Er hat einen Master in Philosophie und arbeitet unter anderem seit 2011 als Nachwuchswissenschaftler an einem Forschungsprojekt am Afrikazentrum der Universität Bayreuth. Er ist ebenfalls als Fellow für die gemeinnützige US-amerikanische James Randi Educational Foundation tätig, die von dem im Stiftungsnamen genannten Zauberkünstler und prominenten Skeptiker gegründet wurde und insbesondere der Aufklärung über Pseudowissenschaften gewidmet ist. Igwe ist weiterhin in Afrika tätig und berichtet regelmäßig in englischsprachigen Blogs über seine Arbeit und Ereignisse vor Ort.

Hier in Europa haben wir festgestellt, dass die meisten nichtreligiösen Menschen sich nicht in entsprechenden Organisationen engagieren, nachdem sie den religiösen Glauben hinter sich gelassen haben. Können Sie die Erfahrung bestätigen?

Ja, viele nichtreligiöse Menschen sind nicht aktiv und sind nicht in die Konfessionsfreien-Gemeinschaften eingebunden. Ich glaube, einige wollen sich nicht erneut ein „Etikett“ anhängen lassen, sie wollen zu keiner Gruppe gehören. Sie glauben, durch das Engagement in einer nichtreligiösen Gemeinschaft, nachdem sich vom religiösem Glauben verabschiedet haben, ist wie vom Regen in die Traufe zu kommen. Also bleiben sie bindungslos. Aber diese Haltung tut der Sache der Skeptiker und Säkularen nicht gut. Die Nichtreligiösen brauchen ein proaktives Konzept, um den Bedrohungen durch religiösen Fundamentalismus und Aberglauben zu begegnen. Eine säkulare Gesellschaft entsteht nicht einfach so. Sie kann nicht durch bloßes Wunschdenken oder Spekulationen vom Schaukelstuhl aus erreicht werden. Wenn sie einen Wandel verwirklichen wollen, müssen nichtreligiöse Menschen Energie, Kraft und Anstrengungen aufwenden, statt Passivität und Resignation.

In einigen Ländern haben wir gute Erfahrungen mit praktischem Humanismus gemacht, der nichtreligiöse und humanistische Überzeugungen mit sozialen, kulturellen und pädagogischen Dienstleistungen verbindet – einschließlich Kinderbetreuung, Schulen, Hospizarbeit und Zeremonien für Konfessionsfreie. Wäre das eventuell auch für Afrika ein nützlicher Ansatz?

Praktischer Humanismus braucht Raum und Luft zum Atmen. Er kann nicht in einer Atmosphäre von Furcht und Angst entstehen. In den meisten afrikanischen Staaten existieren diese Räume nicht. Es gibt einen dringenden Bedarf an sozialen und pädagogischen Programmen, aber es braucht sichere Räume, um sie zu anzufangen und durchzuführen.

Aber wie ich vorher schon sagte, verändern sich einige Dinge und die Situation wird besser. Vor kurzem hatten wir unsere erste humanistische Heiratszeremonie in Afrika. Sie fand in Ghana statt. Es gab bereits humanistische Begräbnisse in Nigeria und Namensfeiern in Uganda. In Gambia, Nigeria und Uganda existieren erste humanistische Schulen. Ich bin zuversichtlich, dass mehr solcher praktischen Initiativen folgen werden.

Welche Rolle spielt für sie das Internet?

Dank des Internets hat sich ihre Lage verbessert. Es ist für Atheisten und Skeptiker ein alternativer Raum, in dem sie sich begegnen können, um miteinander Ansichten und Meinungen auszutauschen, die sie sonst nirgendwo teilen können. Der Cyberspace bietet für Atheisten eine Plattform, um ein Gemeinschaftsgefühl und Solidarität zu erfahren. Diese Entwicklung ist Teil einer neuen Welle der Säkularisierung, die derzeit durch die Region geht.

Wie ist denn die Lage von Gruppen, die die Rechte von Frauen oder homo-, bi- und transsexuellen Minderheiten (LGBT) verteidigen?

Frauen und Minderheiten wie LGBT bleiben hauptsächlich aus religiösen Gründen oft ihre Menschenrechte verwehrt. Offensichtlich geworden ist das durch die Debatten, die der Unterzeichnung von Anti-Ehegesetzen in Nigeria und Uganda vorausgingen, sowie den Kampagnen gegen weibliche Genitalverstümmelung und Versuchen, Schwangerschaftsabbrüche zu entkriminalisieren. Es ist ein humanistischer Ansatz notwendig, um die Universalität der Rechte für Frauen und Minderheiten zu gewährleisten. Er ist erforderlich, um Aberglauben und Dogmen zu zerstreuen, welche eine umfassende Gewährleistung der Rechte und der Würde der Menschen behindern.

BU: Leo Igwe (2. v. l.)

Leo Igwe (2. v. l.)

Gibt es Idole oder Vorbilder, die für Sie eine Quelle der Inspiration sind? Besitzen Sie so etwas wie eine Utopie?

Mich haben viele Denker, Philosophen, Gelehrte, Intellektuelle und Aktivisten inspiriert. Unter ihnen der nigerianische Atheist Tai Solarin, der Südafrikaner Nelson Mandela, der Philosoph Paul Kurtz, der Menschenrechtler Norm Allen und der Skeptiker James Randi aus den Vereinigten Staaten, aber auch Helden der europäischen Aufklärung. Ich hoffe, aus ihren Leben und Erfahrungen Lehren ziehen zu können, um in Afrika ein wenig Aufklärung durch Menschenrechtsarbeit mit einem Schwerpunkt auf skeptischem Denken und Humanismus zu erreichen.

Die Menschen, die für einen gesellschaftlichen Wandel eintreten, tragen häufig eine Bürde – die Bürde einer Utopie. Das ist das, was sie motiviert. Die konkrete Utopie, die meine gesellschaftlichen und intellektuellen Aktivitäten antreibt, möchte ich Secutopia nennen, oder besser: eine utopische säkulare Welt. Es ist eine Welt, die dadurch gekennzeichnet ist, dass skeptisches Denken in einem Maße verbreitet ist, dass religiöse, spirituelle und übernatürliche Ideen und Vorstellungen ganz zur individuellen Privatsphäre gehören. Eine Welt, in der man Dogma und blinden Glauben meidet. Es gibt in ihr eine freie und offene Gesellschaft, in der Menschen alle Behauptungen kritisch untersuchen und alle Ideen verspotten können, ohne Ärger zu bekommen. In dieser Welt sind Apostasie und Blasphemie Tugenden und keine Straftaten. Diese Welt wird regiert vom Wissen, den Werten der Aufklärung, unersättlichem Hunger nach Wahrheit und Beweis, der Logik von Entdeckung und Untersuchung. Es ist eine Welt getrieben vom Willen, zu erschaffen und wieder zu erschaffen, zu erfinden und zu erneuern. Alle menschlichen Kräfte und Talente werden in ihr dafür eingesetzt, Leiden zu mindern, Armut und Krankheiten zu verhindern und ein anständiges Leben für jeden Menschen zu ermöglichen. Und der Tod wird als das Ende des Lebens betrachtet, nicht als Übergang in eine imaginäre Welt und eine ungewisse Weiterexistenz.

Woher beziehen Sie die Stärke und Hoffnung für Ihre Arbeit?

Ich beziehe diese Stärke aus der Geschichte der menschlichen Gesellschaften, die Tragödien und Katastrophen ausgehalten und überstanden haben. Ich hole sie aus den Leben und Erfahrungen von Persönlichkeiten in der Geschichte, die den Lauf der Geschichte verändert und durch dauerhafte und kontinuierliche Akte von Mut und Aufopferung zum gesellschaftlichen Wandel beitrugen. Die Hauptquelle meiner Stärke sind die langlebigen und transformierenden Ideale des skeptischen und humanistischen Denkens. Aber auch die Unterstützung durch gleichgesinnte Individuen und Gruppen auf der Welt. Sie gibt mir Hoffnung, sie erneuert meine Energie und meine Verpflichtung, mich für positiven Wandel und meine Utopie einzusetzen.

Sie sind in einer streng katholischen Familie aufgewachsen und waren zwölf Jahre in einem Priesterseminar. Ist von dieser katholischen Erziehung noch etwas übrig?

Kirchenlieder. Ich singe gerne einige der katholischen Kirchenlieder.

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