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Das Leben feiern, trotz der Puritaner und Puristen

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Neugierige Gedanken zu „Sunday Assemblys“ für Atheisten und mehr.
Sonntag, 1. Juni 2014
Foto: © Sunday Assembly

Seit rund anderthalb Jahren laden in London regelmäßig Sonntagsversammlungen für nichtreligiöse Menschen ein. Ihr Motto: Lebe besser, helfe viel, staune mehr. Foto: © Sunday Assembly

Was ist der Mensch? Was macht das Menschsein aus? Ist jeder seines eigenen Glückes Schmied und nur sich selbst verantwortlich? Oder ist Mensch nur Mensch im Verbund, in der Interaktion mit anderen? Und braucht es Riten und Rituale? Muss – und kann – ein Mensch über die Form seines Lebens allein entscheiden? Oder findet er sich am besten mit sich selbst und mit anderen zurecht, wenn er sich an Verhaltensweisen beteiligt, die längst vor ihm bereits andere vorgeformt haben?

Das Leben war schon immer eine komplizierte, vielschichtige Sache. Es tut oft genug weh, ist in allen seinen Schichten nur schwer durchschaubar. Es hat Gefahren, die man meist hinterher erst richtig begreift. Und obwohl es regelmäßig tödlich endet, weiß man nie im Voraus, wie es wirklich ausgeht.

Dass der Mensch darüber nachdenklich werden kann, macht wohl zu einem guten Teil seine Menschlichkeit aus. Zu diesem Nachdenken kommt es natürlich weniger in heiteren Stunden, eher in Notsituationen. In ihnen zeigt sich, wie der Mensch „gewickelt“ ist, wonach er greift oder auch sich vergreift: nach Argumenten und nach Strohhalmen.

Not lehrt beten, sagt man. Not lehrt auch fluchen. Und stellt nicht nur vor die Alternative Fluchen oder Beten, sie macht auch erfinderisch. Vernunft, Verstand und Emotionen sind oft vielschichtig ineinander verschränkt. Wer den Menschen nicht nur berechnend durchschauen will – oder in Extremsituationen auf die Probe stellen – wird das eine nicht gegen das andere ausspielen. Sondern „den Mut haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“ (Kant) und zugleich sich seiner Emotionen und ihrer schwer auslotbaren Tiefen bewusst zu werden – die verschiedenen Facetten, Triebkräfte,   Leuchtfarben... des Lebens wahrzunehmen versuchen. Auch die Hemmschwellen und die Stolpersteine - die Wunden, wie sie das Leben schlägt und wie sie die Zeit, angeblich wenigstens, heilt.

Und damit bin ich bei dem, was – jenseits von Machtkalkül oder ideologischer Überzeugungsarbeit, von Missionierung oder öffentlicher Repräsentation – das Kerngeschäft von Religionen ist. Weswegen sie in Anspruch genommen werden und auch dort noch weiter wirken, wo das dogmatische Gebäude, mit dem man sie teilweise einzufassen und abzusichern versucht, längst schon brüchig geworden ist.

Menschen wollen nicht nur „wissen“

Ich denke an die Lebensfeiern – bei Geburt, Übergang ins Erwachsenenalter, Partnerschaft, Tod. Religionswissenschaftlich wird dies unter dem Stichwort „rites des passages“ (Arnold van Gennep) verhandelt. Und wie z.B. die humanistischen „Jugendfeiern“ zeigen, besitzen solche Lebensriten eine gewisse zähe Langlebigkeit. Zu denken ist auch an die Begleitung in sonstigen besonderen Situationen – Jahresfeste mit Einzelnen oder Gruppen, auch für bestimmte Lebensphasen, besonders in Krankheitszeiten. Da lassen sich doch viele auf die Begleitung durch Kirchen ein – „lassen sie sich gefallen“. Und drücken unter Umständen - sogar wenn sie jahrelang nichts von kirchlichen Hilfen wissen wollten - ihre Enttäuschung aus, wenn sie in ihrem Krisenfall nicht genügend Aufmerksamkeit bekommen. Oder auch bei und nach Katastrophen. Da erinnern sich sehr viele an christliche Symbolhandlungen und lassen sich ein auf die öffentlichen Trauerfeiern, ausgerichtet durch Religionsgemeinschaften.

Das alles ist nicht als Zustimmung zu werten zu dem, was man christliche Glaubensinhalte nennt. Aber: als Einverständnis damit, dass in dem aufgewühlten Meer der Emotionen Worte gesucht werden, die diese aufnehmen; und vielleicht nicht einmal viel leisten, aber die Emotionen wenigstens nicht dem wortlosen Schweigen ausliefern. Die die Tränen in Worte umformen und die lähmende Verzweiflung wenigstens in tastende Schritte. Belehrung möchten die Menschen nicht in solchen Situationen, am wenigsten ideologische Vereinnahmung, aber aufmerksame Begleitung. Ja auch und gerade Wahrnehmen und Ernstnehmen von Emotionen. Und die Verkündiger der Kirchen tun gut daran, diese Gelegenheiten nicht als „Gelegenheiten“ zu missbrauchen, nicht als Lehrstunde über christliche Glaubensinhalte. Menschen wollen nicht nur wissen, was in ihrem eigenen Leben und dem Zusammenleben mit anderen geschieht, sondern sie wollen damit auch umgehen – es hand-haben, be-greifen. Und es ist richtig, ihnen Formen anzubieten, in denen sie ihre Freude und ihre Trauer,  ihre Ängste und ihre Hoffnungen, ausdrücken und sie mit anderen teilen können.

Natürlich kann man nun auch sagen, dass das alles auch ohne institutionalisierte Form der Religion denkbar ist. Jedenfalls ohne „geglaubte“ Wesenheiten wie Gott oder Engel und ohne Horizonte der Drohung oder der Verheißung wie Himmel oder Hölle. So ist ja schon im Bereich der Religionen festzustellen, dass die Erzählungen, die bestimmte Feste begründen sollen – oder die dogmatischen Erklärungen hierfür – sehr unterschiedlich ausfallen können und doch ähnliche Effekte erzielen. Das sieht man beispielsweise am Lichterfest der Juden und der Christen. Der Paralleleffekt bei den Muslimen wäre  hauptsächlich am Fest des Fastenbrechens, zum Ende des Ramadan, aufzuzeigen: Kultur des gegenseitigen Schenkens. Die jeweiligen Gründungslegenden und das, was dogmatisch daraus gefolgert wird, sind unter Umständen sehr verschieden, die wirklichen Feste einander sehr ähnlich. Mit immer wieder anderen religiösen Vorstellungen, aber mit nicht zu viel Rücksicht auf die korrekte Lehre, entwickeln die Menschen schon immer Formen von Lebensgestaltung und Lebensbegleitung - Feste, Feiern, Riten... Sie versuchen, ihr Zusammenleben mit gemeinsamen Erkennungsmelodien, gemeinsamen Lebensstrategien und gemeinsamen moralischen Leitlinien zu organisieren. Das wird traditionellerweise „Religion“ genannt.

Puristische Indoktrination kann Leben auch veröden

Organisiert gestaltete Lebensbegleitung kann durchaus auch ohne Bezug auf jenseitige Wesenheiten oder Bereiche erfolgen. Jeder kann sowieso für sich individuell seiner Einsicht und seinem Belieben folgen. Wenn er allerdings mit anderen zusammen ist, braucht’s eine gemeinsame Melodie – Worte und Zeichen, auf die man sich verständigen kann. Und wenn es über die private Gruppe hinausgeht, greift man gerne auf Formen und Zeichen, Lieder und Festbräuche zurück, die schon im kulturellen Repertoire bereit liegen und nicht erst neu ausgehandelt werden müssen. Religionen boten bisher solches an.

Foto: © Vincent Starr

Prüft alles, das Gute behaltet – Der britisch-schweizerische Philosoph Alain de Botton plädiert dafür,  in den Formen religiösen Lebens die Dinge zu suchen, die auch Atheisten brauchen können. Foto: © Vincent Starr

Nun haben Menschen, die heutzutage den Religionen, ihren dogmatischen Behauptungen und ihren Institutionen nicht mehr glauben können, weitgehend darauf verzichtet, eigene gemeinsame Formen und Zeichen zu entwickeln. In den zwar möglicherweise einschneidenden, aber letzten Endes doch meist rasch vorübergehenden, Krisensituationen lassen sie sich, wie genannt, alte religiöse Formen und Feste denn doch „gefallen“; und solchen Festen wie Weihnachten kann man sich hierzulande kaum entziehen. Doch dann wieder möglichst Abstand halten von so voraufklärerischen Verhaltensweisen.

Aber manche spürten, dass der Verzicht schmerzhaft sein kann – unter Umständen auch Schmerzen zufügen kann, wie sich Alain de Botton eindrücklich aus seiner Kindheit erinnert. Beispielsweise in seinem Buch Religion für Atheisten: Sein Vater sei jeder Form religiöser Vorstellungen im Bekanntenkreis nur mit Zynismus begegnet und habe derartiges bei seinen Kindern auf eine Weise unterdrückt, die für sie verletzend wirken musste. Während andere Kinder sich auf Weihnachten freuten, berichtet er in einem Artikel im Guardian, wurde ihm als Kind beigebracht, dass alle diese Rituale, Lieder und Traditionen „absurd“ seien. Das Schenken musste darum auch in den August verlegt werden.

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