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Humanismus in Ghana

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Ghana ist eine der religiösesten Nationen auf der Erde. Aber das Land ist auch ein Leuchtfeuer der Hoffnung für Humanismus und freies Denken in der Region.
Sonntag, 1. Juni 2014
Foto: privat

Aktivisten bei einem Treffen in Accra.

Denn das Image vom tiefreligiösen Ghana hat nicht so starke Wurzeln wie Meinungsforscher behaupten. Ein humanistisches und frei denkendes Ghana existiert, es wächst langsam und beständig. Ein skeptisches und rationales Ghana ist eine gesellschaftliche Tatsache.

In der Tat bekennen sich die meisten Ghanaer zum religiösen Glauben an Gott, Götter, Geister, Teufel, Mami Wata, Zwerge, Hexen usw. Sie erkennen die Realität spiritueller Wesen, ihrem Einfluss auf menschliche Leben und Aktivitäten, an. Viele Ghanaer bezeichnen sich als Christen und Muslime. In ländlichen Gemeinden sind traditionelle religiöse Glaubensrichtungen sehr stark. Jahrhunderte christlicher Evangelisation und islamischen Predigens haben viele Teile des Landes in einen religiösen Supermarkt verwandelt. Kirchen gibt es an allen Ecken und Ende von Accra (Hauptstadt von Ghana, d. Red.) und anderen großen Städten im Süden. Pastoren gehen mit Wundern hausieren. Sie werben für Gebet-Hotlines.

Schreine, offizielle und inoffizielle Moscheen sind in den Städten und Gemeinden im Norden allgegenwärtig. Märkte, Einkaufszentren und Taxi-Parkplätze werden als Gebetsplätze benutzt. Wahrsager werden von Menschen aller Glaubensrichtungen konsultiert: vor Entscheidungen über die Ehe, Reisen, über Geschäfte und Arbeitsplätze.

Die Schreine traditioneller Priester befinden sich in ihren Häusern. Ihre Götter sind in Privatwohnungen untergebracht. Mawlānā des Tidschānīya-Ordens benutzen ihre Wohnräume für Beratungen, Meersand-Wahrsagerei und „Suche“. Religiöse Predigten dominieren lokale Fernseh- und Radionetzwerke.

Das Aufblühen der Religion in Ghana lässt viele Menschen denken, dass Humanismus und Freidenkertum keinen Platz in der Gesellschaft haben, und dass es keinen Raum für Rationalismus in Ghana gibt. Ich meine, dass diejenigen, die solche Vorstellungen verbreiten, daneben liegen. Sie haben nicht wirklich unter die Oberfläche geschaut.

Unter der Fassade der Religiosität in Ghana lauern Zweifel und Unglaube. Hier existiert eine brodelnde Strömung freien Denkens und rationaler Untersuchung. Viele Ghanaer tragen religiöse Überzeugungen und Zweifel gleichermaßen mit sich herum. Sie sind kritisch gegenüber religiösen Behauptungen, insbesondere wenn sie dazu benutzt werden, andere zu Opfern zu machen oder zu verletzen. Menschen verurteilen religiöse Modelle, sobald sie sich am schwächeren Ende der glaubensbasierten Missbräuche befinden. Beispielsweise verehren viele Ghanaer den Nigerianer T. B. Joshua. Andere sind sich hingegen bewusst, dass er ein Betrüger, Scharlatan und Schwindel-Heiler ist.

„Dämonen“-Austreibung: Zuerst wurde der Körper des Mädchens mit Benzin und Salz eingerieben. Symbolische Hiebe mit der Machete neben einem Feuer sollen die „teuflischen Teile“ abtrennen. Foto: G. Dubourthoumieu

Viele Ghanaer sprechen offen ihren Widerwillen gegen religiöse Anmaßungen und die Ausnutzung des Landes durch die wachsende Zahl an Gottesmännern und -frauen (Bezeichnung für charismatische Gurus, Anm. d. Red.) aus. Diese Einwände kommen häufig von gebildeten Ghanaern. Die Mehrheit von ihnen stammt übrigens aus privaten und staatlichen Konfessionsschulen. Sie sind jedoch zögerlich in ihrer Kritik der Religion und an deren Exzessen, denn sie möchten das religiöse Establishment nicht beleidigen. Oder vielmehr wollen sie nicht als jemand angesehen werden, der die Hand beißt, die sie fütterte.

Religiöse Organisationen wie die katholische Kirche, Presbyterianer, Sieben-Tags-Adventisten und die Ahmadiyya haben das Bildungssystem des Landes fest im Griff. Schulen sind starke Instrumente der Missionierung, der Propagierung von Dogmen und der Entmutigung, kritisch zu denken sowie religiöse und abergläubische Behauptungen zu untersuchen.

Aufgrund des mächtigen Einflusses und der Präsenz von Religion wollten bis vor kurzem die meisten Humanisten und andere nichtreligiöse Menschen in Ghana unerkannt bleiben. Atheismus ist ein kulturelles Tabu. Die Hinterfragung religiöser Behauptungen ist Blasphemie. Freies Denken, rationale und atheistische Erklärungen waren ein Luxus für wenige emanzipierte Individuen, die dem gesellschaftlichen Druck und Widerspruch standhalten konnten.

Nun ändern sich die Dinge. Die religiöse Landschaft unterzieht sich schnellen Veränderungen. Humanisten und andere skeptisch eingestellten Personen treten aus ihrem Versteck heraus. Dank des Internet haben viele religionsferne Menschen einen Raum, sich auszusprechen, zu organisieren, zu mobilisieren und miteinander zu verbinden. Es gibt eine wachsende Gemeinschaft der Vernunft, eine Koalition kritischer Geister in Ghana. Eine neue Welle des Humanismus fegt durch das Land.

Ich bezeichne sie als „neu“, weil organisierter Humanismus keine junge Entwicklung in diesem Land ist. In den 80er Jahren wurde eine der ersten humanistischen Gruppen in Afrika in Ghana gegründet. Sie war von Hope N. Tawiah initiiert worden und nannte sich Rational Centre. Heute ist die Organisation erloschen, doch ihre Vision ist es nicht. Vielmehr setzt sich die Humanist Association of Ghana dafür ein, diese Vision voranzutreiben. Mehrere Treffen und gesellschaftliche Veranstaltungen hat sie seit ihrer Eröffnungskonferenz im Jahr 2012 organisiert.

Die Facebook-Seite der Gruppe hat dazu beigetragen, Hunderte von Humanisten und andere nichtreligiöse Personen, Ghanaer und Nicht-Ghanaer gleichermaßen, aus weit auseinandergelegenen Städten in einer in der Geschichte des Landes noch nie dagewesenen Weise zu verbinden und zusammenzubringen. Ich hatte das Glück, eines der im Februar in Aburi abgehaltenen Gruppentreffen besuchen können und war von der Lebendigkeit und Hoffnung beeindruckt. Die Gruppe umfasst vor allem jüngere Menschen, darunter neugierige und wissenshungrige Studierende, Dozenten, Angestellte aus dem öffentlichen Dienst, Führungskräfte und Unternehmer. Einer der Anwesenden war aus dem 380 Kilometer weit entfernten Kumasi angereist, um Menschen mit ähnlichem Geist zu begegnen. Ein weiteres Mitglied des Gruppentreffens kam aus Tamale, mehr als 600 Kilometer von Accra entfernt.

Foto: NSS

Leo Igwe.

Die humanistische Gruppe erfüllt eine wichtige Rolle – indem sie ein Gefühl von Gemeinschaft für frei denkende Menschen in Ghana schafft. Menschen, die nicht an einen Gott glauben oder an dessen Existenz zweifeln, fühlen sich oft sehr einsam. Sie denken, dass sie einzigen mit solchen Gedanken sind. Heute haben nichtreligiöse und skeptisch denkende Menschen einen Ort – online und offline –, zu dem sie gehen können, um miteinander „blasphemische“ Ideen auszutauschen, die Tricks von Zauberern und Wunderheilern zu diskutieren, gemeinsam zu lachen und sich mit ihrem unvergleichbaren Humor zu vergnügen. Dieser Ort ist die Humanist Association of Ghana. Die Gruppe plant weitere Programme und Veranstaltungen, um humanistische Alternativen in den nächsten Monaten bekannter zu machen. Die Zukunft für den Humanismus in Ghana war niemals so vielversprechend.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass es hier – endlich – eine Gruppe gibt, die den Kampf für eine säkulare Gesellschaft, intellektuelles Erwachen, Renaissance und Aufklärung in Ghana meistern wird.

Übersetzung: Arik Platzek, Fiona Lorenz.