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Skeptikerin macht Schule

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Vor fünf Jahren öffnete die erste humanistische Grundschule in Deutschland ihre Türen. Die Gründerin des pädagogischen Leuchtturms im fränkischen Fürth hat mit dem erfolgreichen Pilotprojekt ihr Hobby zum Beruf gemacht – und sagt: „Weltanschaulich bin ich angekommen.“
Montag, 9. Dezember 2013
Foto: Uwe Körner

Fühlt, dass sie das Richtige tut: Ulrike von Chossy will durch positive Beispiele überzeugen. Foto: Uwe Körner

„Ich war schon immer ein kleiner Klugscheißer, wenn es um die Themen Religion und Schule ging“, gesteht Ulrike von Chossy schmunzelnd. Sie erinnert sich, dass mindestens einmal pro Jahr deshalb ihre Eltern in ihrer Schulzeit in der Schule vorsprechen mussten: „Es gab wohl nicht eine Lehrkraft, die ich nicht zu belehren versucht hätte, wie sie mit Schülern angemessener umgehen könnte.“

Heute blickt sie auf mehr als ein Jahrzehnt zurück, in dem sie selbst „die Schule“ war. Denn bereits im Februar 2004 begannen im frommen Bayern ihre Arbeiten für einen Platz, an dem Kinder einen Unterricht nach unverkennbar weltlichen und humanistischen Grundsätzen erleben. Rund vier Jahre dauert das Tauziehen mit den Behörden. Doch die jahrelangen Anstrengungen haben sich ausgezahlt. Mittlerweile hat der erste Jahrgang von 100 Schülern fast die Grundschulzeit gemeistert. Und ein neues hochmodernes Schulgebäude geht in diesen Wochen in den Betrieb.

Doch was treibt die jetzt 44-Jährige bloß an, sich nicht nur Woche für Woche, Tag für Tag, Abend für Abend und sogar Wochenende um Wochenende für diese Schule zu engagieren? Ein 08/15-Job war das Projekt des Humanistischen Verbandes Bayern, dem kirchliche und kirchenkritische Beobachter vielfach gleichermaßen skeptisch gegenüber standen, nie gewesen.

„Mich für den Humanismus zu entscheiden, ist der Erkenntnis geschuldet, dass ein Dagegen-Sein destruktiv sein kann“, erklärt von Chossy dazu. Produktiver und auch effektiver sei es aus ihrer Sicht, für etwas zu sein. Erkenntnis schöpfte sie dabei sowohl aus ihrem persönlichen wie beruflichen Leben. „Ich bin Pädagogin und Mutter. Die Wertevermittlung spielt in der Erziehung eine essentielle Rolle.“ Und eine atheistische Haltung sei zwar rational begründbar, aber nun mal kein „wofür“. „Da hat mir weltanschaulich etwas gefehlt.“ Der Humanismus biete ihr da zwar auch keine „einfachen Antworten, aber eine Diskussionsgrundlage, bei der ich mich beteiligen möchte.“ Doch Diskussionen statt schlichter Vorgaben seien wichtig. „Ich bin Skeptikerin. Da bin ich beim Humanistischen Verband weltanschaulich richtig angekommen“, sagt von Chossy.

Bei der Frage, ob ihr Werdegang mit Blick auf ihre eigene Schulzeit ein Stück weit programmiert war, überlegt sie kurz. Sicherlich, sagt sie. „Wer sich soweit aus dem Fenster lehnt, gerät in Zugzwang und muss beweisen, dass die vorgeschlagenen Tipps wirklich effektiver sind.“ Doch tatsächlich habe es eine Weile gebraucht, bis sie mit sich damit abfinden konnte, einen „typischen Frauenberuf“ zu ergreifen. Sie stamme aus einer Ingenieursfamilie und fühlte sich früher in der Pflicht, „meinem Geschlecht die gebürtige Ehre zu erweisen.“ So bleibt sie es zwar wohl immer „ihren Brüder schuldig zu beweisen, eine ebenso gute Ingenieurin sein zu können.“ Doch in einer nüchternen Rückschau, lehnt sich Ulrike von Chossy hier schließlich mit einem zufriedenen Lächeln zurück, sei der einzige Grund für ihre Berufswahl: „Mir macht meine Tätigkeit einfach mehr Freude.“

Eine Quelle der Kraft ist für sie heute, dass die Humanistische Grundschule ein großer Erfolg geworden ist. „Kinder, die ungewöhnlich gute Leistungen erzielen, eine geringe Fluktuation von Kinder und Kolleginnen, sehr gute Übertrittsergebnisse auf weiterführende Schulen, positive Beurteilungen in unseren Qualitätsabfragen bei Eltern und Personal“ Ulrike von Chossy sieht sich zusammen mit ihren Kolleginnen bei diesen Ergebnissen in der Auffassung bestätigt, dass „das Menschenbild einer Institution bei Kindern und Erwachsenen spürbar sein muss.“ Sie lacht: „Ich kann mich sehr daran erfreuen, wenn ich auch ganz rational Zahlen vorlegen kann, die diese ‚Meinung‘ bestätigen.“

Unterstützung erfahre sie aber auch aus der Familie, betont von Chossy. Nicht nur von ihrem Partner. „Meine Kinder sind meist geduldig und aufgeschlossen auch meiner Arbeit gegenüber, trotz Pubertät. Sie diskutieren häufig mit mir und geben mir die Gelegenheit meine Perspektive zu vertreten, aber auch ab und an neu zu überdenken.“ Eine Bestätigung sei für sie aber auch, dass „viele meiner Freunde mittlerweile dem Verband beigetreten sind oder ihre Kinder in einer unserer Einrichtungen haben.“ Und schließlich ist da schließlich Gefühl, das Richtige zu tun.

Und was zeichnet das Richtige aus? Drei große Defizite sieht Ulrike von Chossy heute in dem Bildungssystem, das sie kennt. So sei die Würde der „kleinen Menschen definitiv antastbar“, sagt sie. Denn sogar Entscheidungen über die eigene Körperfunktion, wie etwa beim Toilettengang, bedürften der Erlaubnis. „Das ist unwürdig und unmündig.“ Fachdidaktik habe zu oft Vorrang vor Pädagogik und Psychologie. „So funktioniert der Mensch nicht.“ Ein gravierender Mangel ist für sie auch, dass „einer allein für ganz viele zuständig ist. Ganz viele sind abhängig von einem und dessen Vorstellungen.“ Toleranz und Teamgeist könnten so kaum entstehen.

Die meisten Eltern wissen, dass an ihrer Schule die Dinge deshalb anders laufen. So sei ein maßgebliches Erziehungsziel, die Selbstwirksamkeitsannahmen der Kinder zu stärken. Und wichtig für religiöse Eltern, die ihre Kinder zu der Humanistischen Grundschule schicken, sei, dass den Schülern keine „Wahrheiten“ ein- und Glaubensbekenntnisse ausgeredet werden. „Denn Religionen sind Teil einer kulturellen Entwicklung und selbstverständlich auch das Produkt der jeweiligen Kultur.“ Religionslehre steht in der weltlichen Schule aber nicht auf dem Lehrplan. Humanistische Lebenskunde wird hier erteilt. „Die Kinder lernen bei uns nicht, Religion zu tabuisieren, sondern die Bedürfnisse nach Gemeinschaft, gemeinschaftsfördernden Ritualen, haltgebenden Tröstungstheorien zu reflektieren um dann eine eigene Perspektive zu entwickeln.“

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Und was ist mit der bei vielen Atheisten populären Forderung nach der Verbannung des Religionsunterrichts aus allen Schulen? Bei der Frage wird schließlich deutlich, dass ein Thema die humanistische Skeptikerin mit dem großen Herz für Kinder wirklich aufbringen kann. „Das typisch destruktive an einer atheistischen Haltung“ zeige sich da, sagt von Chossy. Denn verlässliche und erprobte Alternativen sehe sie nicht. Und sie fragt, warum der Staat ein allgemeines Wertesystem vorgeben dürfen sollte. „Die Forderung ist einer Religionsfeindlichkeit geschuldet, die unbeachtet lässt, dass es in unserer Gesellschaft allen frei gestellt ist, eine eigene Wahl für eine Weltanschauung, aber auch für eine Religion zu treffen.“ Ulrike von Chossy zählt deshalb auf mehr Gleichberechtigung und weniger Diskriminierung in der Zukunft. Pläne für eine Weiterentwicklung ihres Projekts liegen schon in der Schublade. Eine weiterführende Schule werde schon jetzt ständig von den Eltern angefragt. Und in München soll eine zweite Grundschule eröffnen, sobald eine passende Immobilie gefunden ist.

Drei Grundsätze sollten deshalb die Maßstäbe bilden, sagt sie. „In der Vielfalt liegt der Reichtum, nicht in der Vereinheitlichung. Aufklärung erfolgt nicht durch Verbote, sondern durch Vergleiche. Und wenn eine nichtreligiöse Haltung einen gesellschaftlichen Wert beweisen will, dann erreicht sie es durch positive Beispiele.“

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