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Ein Anfang

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Es gibt Bücher, bei denen weiß man erst, wenn sie da sind, wie sehr sie eigentlich gefehlt haben. „Erziehen ohne Religion“ ist sicherlich ein solches Buch. Die Verfasser haben einen äußerst versierten Ratgeber für die bundesweit immer größer werdende Gruppe religionsferner Eltern vorgelegt. Und doch dürften am Ende bei Leser und Leserin auch Zweifel und Fragen zum hier vorgestellten Ansatz bleiben.
Sonntag, 1. Dezember 2013
Cover

Aus dem prosperierenden Genre der Ratgeberliteratur, in dem so manches Werk die Schwelle der Banalität nicht zu überschreiten vermag, sticht das Buch durch seine seriöse populärwissenschaftliche Darstellungsform sowie den argumentativen Anspruch hervor.

Die grundlegende These des Buches lautet: Kinder können auch ohne Religion zu sozial und moralisch sensiblen Menschen werden. Dies mag für so manchen Leser und manche Leserin wie eine Selbstverständlichkeit klingen, und doch ist es ein Verdienst des Buches, nochmals an das so unhaltbare wie noch gängige Vorurteil „Keine Werte ohne Gott“ zu erinnern. Umso mehr, weil auch viele Eltern, die der Religion indifferent oder skeptisch gegenüberstehen, an diesem Punkt nicht völlig frei von Unsicherheiten sein dürften.

Die Leser erhalten zu Beginn des Buches einen gelungen konzisen Klärungsvorschlag zentraler Grundbegriffe  – Atheismus, Agnostizismus, Humanismus – (Kapitel 1) sowie einen soliden Überblick über die entwicklungspsychologischen Grundlagen der kindlichen Moralentwicklung (Kapitel 2). Beides ist sehr gut verständlich und flott lesbar, angemessen für einen Elternratgeber, ohne doch Wissenschaftlichkeit hintenanzustellen. Insbesondere das zweite Kapitel löst ganz ausgezeichnet den Anspruch ein, Elternratgeber für die Eltern-Kind-Beziehung zu sein: Es liefert wertvolle praktisch-pädagogische Hinweise. Ob es allerdings wirklich sinnvoll ist, das Verhältnis Humanismus und Religion – wie im ersten Kapitel  – ausschließlich in negativer Abgrenzung zu bestimmen (S.13), dürfte eine kontroverse Diskussion unter Humanisten und Humanistinnen wert sein.

Das dritte Kapitel stattet Eltern umfangreich mit Argumenten für eine nicht-religiöse Erziehung aus. Wer von anderen kritisch beäugt oder gar attackiert wird, weil er seine Kinder ohne Religion erziehen will, der findet hier eine argumentative Entkräftung überzogener Lobgesänge auf die Religion, z.B. diejenigen von der Steigerung der physischen und psychischen Gesundheit durch Religion oder von ihrer unverfälschten Natürlichkeit.

Am überzeugendsten aber sind die Autoren immer dann, wenn sie sich aus der Umklammerung der Religion – d.h. ihrer negativen Bezugnahme auf diese – lösen. Wenn sie z.B. die pädagogische Bedeutung von Selbstwirksamkeitserlebnissen, Vielfalt und Toleranz, Verantwortungsübernahme, Philosophieren mit Kindern oder auch der Evolutionslehre begründen (Kapitel 3); oder wenn sie über die Sinnhaftigkeit, Entstehung und Vermittlung von Werten sowie den Nutzen religionskundlicher Bildung schreiben (Kapitel 4).

Höhepunkt des Buches sind dabei nach Meinung des Rezensenten die Ausführungen zur Krisenbewältigung (Kapitel 5). Eltern, die sich schon oftmals gefragt haben, wie sie angesichts von Sterblichkeit, Krankheit, Trennung u.a. Leiden ihre Kinder sowohl mit religiösen Tröstungen als auch mit Schweigen, Ablenkungsmanövern oder Banalitäten verschonen können, werden hier fündig. Bravourös zeigen die Autoren alternative Sinngebungen auf, geben Tipps zur Krisenbewältigung, zur Enttabuisierung des Todes und zu trauerverarbeitenden Ritualen. Sie verzichten dabei dankenswerterweise auf eine rationalisierende Anti-Religionspädagogik à la „Es gibt keinen Himmel, du Dummie“.

Informativ und anregend ist das Kapitel zu weltlichen Festen und Feiern. Wer auf religiös grundierte Festivitäten verzichten möchte, muss noch lange keine Party-bremse sein. Die Verfasser zeigen eine Reihe von Möglichkeiten auf, sowohl den Lebenslauf (Begrüßungsfeier, Jugendfeier) als auch den Jahreslauf (Sonnenwenden, Lichtfest, Darwin Day) festlich zu füllen. Die letzten beiden Kapitel schließlich sind vor allem gegen religiöse Bevormundung in Kitas und Schulen angeschrieben. Eltern erfahren etwas über die je nach Bundesland sehr  unterschiedlichen Bildungs- und Lehrpläne, die häufig mangelnde Vielfalt in der Trägerlandschaft und insbesondere über Gegenstrategien für religionsfreie Eltern. Das Schulkapitel bietet eine vollständige Übersicht über die ebenfalls je nach Bundesland differierenden Regelungen zum Religionsunterricht und zu alternativen Fächern. Mit authentischen Beispielen zeigen die Autoren, dass elterliches Engagement für einen Ersatzunterricht, gegen religiöse Rituale und Symbole oder eine Verpflichtung zum Gottesdienst durchaus Erfolg haben können.

Abgerundet wird das Buch durch einen „Serviceteil“, der aber primär ein wissenschaftliches Literaturverzeichnis ist. Als solches bietet es echte Anreize zum Weiterlesen für entsprechend interessierte Eltern. Das Inhaltsverzeichnis dieses „Serviceteils“ täuscht etwas darüber hinweg, dass von den 11 darin aufgelisteten Punkten 10 – und zwar die wirklichen Servicepunkte – sich allesamt auf den letzten drei Seiten befinden, während der Punkt Literaturverzeichnis acht Seiten umfasst. Insbesondere der knapp eine Seite füllende Punkt Literaturempfehlungen für Eltern dürfte in einem Elternratgeber etwas üppiger ausfallen.

In einigen Passagen ist das vorliegende Buch auch etwas schwächer, zumeist dann, wenn für die Autoren der religionskritische Gegenangriff die beste Verteidigung ist. Zwar wird an vielen Stellen Toleranz auch gegenüber den Religionen konstatiert (z.B. 45ff) und schon im Geleitwort von einer Verunglimpfung der Religion programmatisch Abstand genommen. Und doch klingt gelegentlich eine andere Haltung mit. Etwa dann, wenn Gläubige, insbesondere religiöse Erzieher und Lehrer, allzu pauschal in die Nähe von Zwangsmissionierung und Intoleranz (38f) oder Autoritätshörigkeit (53) gerückt werden. Oder wenn indirekt suggeriert wird, dass religiöse oder spirituelle Menschen kein richtiges – kein „selbstverantwortetes“ – Leben führen und nicht „selbst denken“ würden (49, 53). Erscheint so nicht unterschwellig der religiöse Mensch pauschal als dummer Trottel in „selbstverschuldeter Unmündigkeit“? Noch in einem konstruierten Beispiel können die Autoren sich ihre Seitenhiebe auf die Religion nicht verkneifen (69).

Vielleicht ist dieser Ratgeber eher für Eltern geschrieben, die der Arroganz einer regionalen, Einheitsreligion ausgesetzt sind und sich dieser erwehren müssen. Dort macht dann der starre Dualismus von einerseits religiösen und andererseits religionsfreien Eltern  problemloser einen Sinn. In vielen anderen Gebieten oder Regionen der Bundesrepublik aber dürfte das Erziehen ohne Religion eher im weiteren Kontext eines Erziehens unter Bedingungen von weltanschaulichem und religiösem Pluralismus stehen. Etwa dort, wo sich in einer Schulklasse Kinder tummeln, deren Eltern oder Großeltern aus 5-20 verschiedenen Ländern resp. Kulturkreisen stammen; oder dort, wo Kinder getrennter Eltern die eine Hälfte des Monats bei ihrem agnostischen Vater und die andere Hälfte bei ihrer zwischen Katholizismus und afrokubanischen Naturreligionen hin und her schwankenden Mutter verbringen. In dieser Hinsicht ist den Autoren zuzustimmen, wenn sie konstatieren, dass auch die Religionspädagogik oftmals zu wenig Antworten auf eine weltanschaulich/kulturell/religiös pluralistische Gesellschaft zu haben scheint.

Nicht ganz von der Hand zu weisen ist ferner eine rationalistische Schlagseite der im Buch vertretenen konstruktivistischen Pädagogik. Sicherlich sind Zahnfeen und Osterhasen keine besonders vernünftigen Konstruktionen und doch gehören sie und andere Fabelwesen in jede Kindheit. Und ob sich Kinder in einer Kita wohlfühlen, hängt ganz wesentlich auch von den sozial-emotionalen Kompetenzen der Erzieherinnen und Erzieher ab, ein Umstand, der im Kita-Kapitel und der Kita-Checkliste überhaupt nicht vorkommt. Und warum wird eine unverzichtbare Ingredienz des Humanismus, die Mitmenschlichkeit, nur am Rande erwähnt (56)? Eine konstruktivistische Pädagogik wird sich fragen lassen müssen, ob sie nicht die rationale Seite der Erkenntnisproduktion gegenüber der leiblich-emotionalen verabsolutiert: Denn Werte werden vor allem auch inkorporiert. Auch das ja völlig zu Recht von den beiden Autoren geforderte Philosophieren mit Kindern müsste das methodisch berücksichtigen.

In Erziehen ohne Religion koinzidiert erstaunlicherweise eine starke Abgrenzung vom Glauben mit einem starken Glauben an die Allmacht eines rationalistischen Diskurses. Dabei dürfte es überhaupt nicht die Intention von des Buches sein, mit diesem Ratgeber bei religionsfernen Eltern den Eindruck zu erwecken, in einer humanistischen Schule oder Kita müssten die Kinder den ganzen Tag lang argumentieren, Gründe benennen und abwägen, um schließlich vernünftige Urteile zu treffen. Summa summarum aber können diese letzten Anmerkungen nicht die grundsätzliche Notwendigkeit und Qualität des hier besprochenen Bandes in Frage stellen. Erziehen ohne Religion kann allen religionsfernen oder nicht-religiösen Eltern empfohlen werden, die sowohl weltanschauliche Stärkung als auch praktische Unterstützung suchen. Hier füllt das Buch eine echte Lücke und bietet einen breiten Fundus interessanter Themen und Argumente sowie anregender Ideen.

Image of Erziehen ohne Religion: Argumente und Anregungen für Eltern (Kinder sind Kinder)

Michael Bauer, Ulrike von Chossy: Erziehen ohne Religion: Argumente und Anregungen für Eltern (Kinder sind Kinder). Ernst Reinhardt Verlag 2013, Taschenbuch, 146 Seiten