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Woher kommt die Gewalt in der Religion?

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Peter Sloterdijks neues Werk „Im Schatten des Sinai“ hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck
Sonntag, 1. September 2013
Peter Sloterdijk_Im Schatten des Sinai

Sloterdijks aktueller Essay Im Schatten des Sinai: Fußnote über Ursprünge und Wandlungen totaler Mitgliedschaft (edition suhrkamp) ist zwar erfreulich kurz, aber – wie seine Texte meist – gespickt mit gekünsteltem Jargon. Darin setzt Peter Sloterdijk die von dem Heidelberger Ägyptologen Jan Assmann angestoßene Debatte über den Zusammenhang von blutiger Gewalt und exklusivem Monotheismus des mosaischen Typus fort. Vor etwa zehn Jahren hatte Assmann in seiner Schrift Die Mosaische Unterscheidung: oder der Preis des Monotheismus behauptet, dem Monotheismus wohne eine Affinität zur Gewalt inne.

Seither ist die akademische interdisziplinäre Diskussion darüber nicht zur Ruhe gekommen. Auch die Feuilletons der großen Zeitungen berichten darüber. Wegen ihrer hin und her wogenden Vielschichtigkeit kann im Rahmen dieser Rezension nur pauschal auf diese wichtige Debatte verwiesen werden. Sloterdijk setzt sie fort mit der richtigen These, „dass nicht die Einzahl oder Mehrzahl in den Gottesvorstellungen von Kollektiven oder einzelnen bei der Freisetzung von Gewalthandlungen den Ausschlag gibt. Für die Disposition zur Gewaltanwendung entscheidend ist vielmehr die Form und Intensität der Absorption von Glaubenspraktikanten durch das Normensystem, dessen Befolgung sie ihr Dasein verschreiben.“ Ein Blick in die Gewaltausbrüche und Gewaltstrukturen in buddhistischen und hinduistischen Milieus Südasiens bestätigt diese Einschätzung.

Der entscheidende inhaltliche Impuls, mit dem Sloterdijk die Debatte befördert, besteht im Rekurs auf die Struktur der Mitgliedschaft, wie bereits im Untertitel der Schrift angedeutet. Er unterscheidet zwischen einer „totalen Mitgliedschaft“, beheimatet in der Vormoderne, genauer im „Sinai-Schema“ mit seiner dort „kreierten Eiferkultur“ einerseits und einer, erst in der Moderne entwickelten, Form der Mitgliedschaft andererseits, die „prinzipiell optional“ und „prinzipiell plural“ zu verstehen sei. Dieses liberal-demokratische Verständnis von Mitgliedschaft, fußend auf der „Souveränisierung der Person“, stufe die Religion zu einem gesellschaftlichen „Subsystem“ neben anderen herab. Auswanderung würde nicht länger als „Landesverrat“, Religionsaustritt oder Religionswechsel nicht länger als „strafbare Apostasie“ geahndet.

Gut auch noch die Beobachtung, ironischerweise werde unter den Bedingungen der Moderne „auch das Absolute zu einer Option“. Aber insgesamt greift Sloterdijks Erklärung religiöser Gewalt aus totaler Mitgliedschaft zu kurz. Religiöse Gewalt wurzelt wie jede menschliche Gewalt in der evolutionär vorgegebenen Anlage der menschlichen Natur zur Gewalt. Je nach den historisch-gesellschaftlichen und kulturellen Umständen besorgt sie sich eine religiöse oder eine nichtreligiöse Legitimation, die dann auch die Gestalt einer totalen Mitgliedschaft annehmen kann. Gewalt braucht nicht notwendig Religion, aber Religion braucht, je nach den Umständen, Gewalt. Das naturgegebene menschliche Gewaltpotential kann durch Erziehung, Bildung und das staatliche Gewaltmonopol (!) zwar eingehegt, aber nie gänzlich beseitigt werden.

Insofern ist es ein erheblicher Mangel, dass Sloterdijk bei den „Mentoren“, die er sich aussucht, um die „zerklüftete Landschaft der neuen Religionspolemiken mit etwas höherer Trittsicherheit zu durchqueren“, ausgerechnet Ludwig Feuerbach verschmäht. Erasmus und Spinoza in Ehren! Aber Feuerbach steht für die Schlüsselerkenntnis, dass der Mensch das Subjekt der Religion ist: ihr Autor und ihr Adressat zugleich. Es sind seine Friedfertigkeit und seine Gewalttätigkeit, die in der Religion, jeweils göttlich verklärt, wiederkehren.

Bei genauer Lektüre erweisen sich die pointiert religionskritischen Thesen Sloterdijks unterfüttert von einer diffusen religionsfreundlichen Hintergrundideologie. So beteuert er gleich zu Beginn, sein Buch Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik (suhrkamp taschenbuch) stelle „gerade keinen Angriff auf Religion, sondern einen von Sympathie getragenen Versuch“ ihrer Neubewertung dar. Und auf der Rückumschlagsseite wird vom Verlag ein Satz hervorgehoben, der ebenfalls als raffinierte Religionsapologie gewertet werden muss: „Nur eine Moderne, die auch ihre Verweigerer alimentiert, ist auf der Höhe ihrer selbst.“ Damit fällt Sloterdijk nicht nur den säkularen Kräften des Staates Israels in den Rücken. Denn die arbeitsscheuen Ultraorthodoxen, auf die sich der Satz bezieht, verweigern sich nicht nur der Moderne, sondern bekämpfen sie aktiv. Ewiggestrige von Staats wegen zu dulden, ist etwas anderes, als sie zu alimentieren. Kein schöneres Geschenk konnte der Karlsruher Denker damit allen jenen machen, die in Deutschland die verfassungsmäßig gebotene „Ablösung“ der „Staatsleistungen“ an die Kirchen gemäß Artikel 140 GG hintertreiben.

Image of Die Mosaische Unterscheidung: oder der Preis des Monotheismus

Jan Assmann: Die Mosaische Unterscheidung: oder der Preis des Monotheismus. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG 2010, Taschenbuch, 288 Seiten

Image of Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik (suhrkamp taschenbuch)

Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik (suhrkamp taschenbuch). Suhrkamp Verlag 2010, Taschenbuch, 723 Seiten