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Sex in Zeiten von Internet, Kommerz und Kapitalismus: Plädoyer für eine moderne humanistische Positionierung zur menschlichen Sexualität.
Sonntag, 1. September 2013

„Ich will ficken! Bumsen, blasen, lecken, schwitzen. Abspritzen, ficken. Raus, rein, rein, raus, eintauchen. Dicke Schwänze, dicke Titten, ich will ficken“ – Halb geschrien schallen die Worte durch harte Beats unterlegt im Track des erfolgreichen Berliner Rappers Sido. Angefangen hatte das alles rund zehn Jahre zuvor: Nicht nur in Berlin, auch in anderen Städten wie Heidelberg oder im Ruhrgebiet konkurrierten zu dieser Zeit junge Hip-Hop-Gruppen bei ihren Versuchen, an den Erfolg des US-amerikanischen Gangsta-Rap mit seinen expliziten Bezügen auf Sex, Drogen und Gewalt anzuknüpfen.

Formationen wie Westberlin Maskulin wollten auf die gerade begonnene Etablierung in der hiesigen Populärkultur aufbauen. Jüngere Gruppen setzen zunehmend erfolgreich auf Inhalte mit derber Sprache sowie eindeutig sexistischen, homophoben und gewaltverharmlosenden Texten. Und bevor das Internet alle früheren Wege der Verbreitung von Tönen, Bildern und anderen Produkten zu revolutionieren begann, waren es Tauschbörsen und Musiksender wie MTV und Viva, die dem Erfolg von explizitem Rap, der auch von jungen Menschen ohne Englischkenntnisse verstanden werden konnte, den Weg bereiteten. Sie trugen dazu bei, dass das Thema Sex in neuer Art und Weise in den Alltag von Jugendlichen einzog. Auch mit schulpflichtigen Fans wollte man gerne Geld verdienen.

Seltener nun verschafften Bravo, vereinzelte Filme zu später Stunde oder Porno-Hefte die Eindrücke von praktizierter Sexualität. Die frei verfügbare Musik sowie bewegte Bilder haben sich gleichermaßen vordere Plätze in den Erfahrungswelten von vielen Heranwachsenden erobert.

Texte wie der des Rappers Sido illustrieren den deutlichen Kulturwandel im Umgang mit der menschlichen Sexualität – nicht nur was den Ton, sondern auch die Verfügbarkeit betrifft: Heute gibt es für alle möglichen Medien einen weitestgehend freien Markt, und selbst primitivste Produkte finden dankbare Abnehmer. Das Publikum, welches zuvor von Sido oder Kool Savas bedient wurde, wird mittlerweile von Rappern wie King Orgasmus One versorgt. „Du kannst jeden Tag ficken. So oft kommen wie du willst und das noch umsonst. Kommt der Mann nicht jeden Tag zum Schuss, ist die Frau doof und der Atze macht Schluss“, so der Refrain in seinem Track „Liebe ist schön“. Und in Zeiten des Internets wird so etwas in jedes Kinderzimmer frei Haus geliefert.

diesseits 3/2014

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