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Das höchste Gut des Menschen

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Was ist Menschenwürde? Mit einem einzigen Begriff ist die menschliche Würde nicht zu fassen. Peter Bieri nähert sich ihr in seinem neuen Buch als Beobachter und antwortet nach einer Reise durch Philosophie, Literatur und Alltag: Menschenwürde ist „eine Art zu leben“, die von unserem Umgang mit anderen und mit uns selbst abhängt.
Sonntag, 1. September 2013
Menschenwürde

© h.koppdelaney | Flickr (CC BY-ND 2.0)

In seinem soeben erschienenen Buch Eine Art zu leben: Über die Vielfalt menschlicher Würde entwickelt der Berliner Philosoph Schweizer Herkunft Peter Bieri, auch bekannt unter dem Schriftstellernamen Pascal Mercier, ein hoch beachtenswertes Konzept der Menschenwürde. Bereits in der Einleitung grenzt er sich gegen religiöse Versuche ab, Menschenwürde im biblischen Gottesglauben zu verankern. Er definiert „Würde als Lebensform“. Ohne es selbst so zu bezeichnen, legt Bieri damit einen weltlich-humanistischen Entwurf von Würde vor. In acht Kapiteln zeichnet er „eine weitläufige Landkarte der menschlichen Existenz“ und bezieht sich so schon im Vorwort zum Buch auf den skeptischen Philosophen Almeida Prado.

In einer gut lesbaren Sprache, die stets auch den international erfolgreichen Romanschriftsteller des Weltbestsellers Nachtzug nach Lissabon verrät (in 32 Sprachen übersetzt, allein im deutschsprachigen Raum mehr als 2 Millionen Mal verkauft), handelt er schrittweise die einzelnen Aspekte der menschlichen Würde ab: „Würde als Selbständigkeit, als Begegnung, als Achtung vor Intimität, als Wahrhaftigkeit, als Selbstachtung, als moralische Integrität, als Sinn für das Wichtige“. Im großartigen Schlusskapitel „Würde als Anerkennung der Endlichkeit“ entfaltet er – auch unter Berufung auf den römischen Stoiker Seneca und den Berliner Arzt Michael de Ridder – eine Philosophie des Sterbens und der Sterbehilfe.

Wiederholt bedient er sich in diesem Kapitel der Dialogform. Diese ist lesefreundlich und gut geeignet, kontroverse Standpunkte zur Geltung zu bringen. Seine eigene Position lässt er dabei stets eindeutig erkennen. „Ich möchte nicht auf einem Niveau weiterleben, das unter dem liegt, das ich stets zu erreichen und zu halten bemüht war. Das Niveau, das meinem Leben seinen Sinn gab. Ich möchte nicht auf eine schiefe Ebene geraten, auf der ich Niveau und Sinn ständig nach unten korrigiere, bis davon nichts mehr übrig ist. Und das nur, um das Leben, das biologische Leben, immer weiter zu verlängern. Ich möchte das nicht. Ich möchte es einfach nicht.“

Bieri_Menschenwürde

Im Schlusskapitel thematisiert Bieri nicht nur die „Vielfalt menschlicher Würde“, wie es im Untertitel zum ganzen Buch heißt. Er behandelt auch den komplizierten Sachverhalt rivalisierender Würdebegriffe. Gerade angesichts der menschlichen Sterblichkeit betont er: „Ich lasse mich nicht durch fremde Vorstellungen von Würde tyrannisieren. Zur Selbstbestimmung gehört auch, dass jeder sein eigenes Verständnis von Würde haben kann und darin respektiert werden muss.“

In diesem Zusammenhang soll freilich der ärgerliche Umstand nicht verschwiegen werden, dass Bieri – in der Regel erfolgreich bemüht um klare Gedankenführung und differenzierte Sprache – hier völlig unreflektiert mit dem klobigen, diffamatorisch aufgeladenen Begriff des „Selbstmordes“ hantiert. Mord setzt eine niedrige Gesinnung voraus. Aber seinem Leben selbst ein Ende zu bereiten, kann dagegen ein würdiger Schlusspunkt sein, ein letzter, legitimer Akt der Selbstbestimmung – wie der Philosoph übrigens selbst ausführlich darlegt.

Bemerkenswert bei Bieris Plädoyer für die Freiheit zum Tode ist, dass er sie nicht nur schwer kranken Menschen einräumt, um etwa der „Tyrannei einer endlosen Pflege“ zu entgehen. Auch ohne jegliche „seelische Störung“ könne sich – gerade nach einem vorwiegend glücklichen Leben – das Gefühl einstellen: „Es ist genug. Es reicht.“ Das Leben könne fortan nichts qualitativ Neues mehr bieten, allenfalls könne es nur noch bergab gehen, schreibt er. Eine reife, eine abgeklärte Position, die an Jean Amérys Diskurs über den Freitod unter dem Titel Hand an sich legen: Diskurs über den Freitod erinnert.

Die tragende Gedankenfigur in Bieris Konzept von Menschenwürde ist die Idee der Selbständigkeit, der das ganze erste Kapitel gewidmet ist: „ein Subjekt sein, ein Selbstzweck sein“. Würde ist keine unzerstörbare, von einem Gott geschenkte Qualität, die erhalten bleibt, was immer auch geschehen möge. Würde ist ein schwieriger und langwieriger geschichtlicher Erwerb, eine kulturelle Errungenschaft, freilich in der Natur des Menschen angelegt. Sie kann jederzeit beschädigt, verspielt, zerstört werden, darin dem Leben gleich, zu dessen Schutz sie „erfunden“ wurde. Würde ist ein Versuch, die Zumutungen und Gefährdungen des Lebens erfolgreich zu bestehen, ihnen mit einer bestimmten „Haltung“zu begegnen, eben in Würde. Dies kann gelingen, dies kann scheitern. Und es kann umstritten bleiben, was im konkreten Fall als würdig oder unwürdig zu bewerten ist.

Dass dies so ist, rührt daher, dass Würde nicht nur in der Selbstbestimmung des Menschen verankert ist, sondern immer auch als zwischenmenschliche „Begegnung“ verstanden werden muss, also strukturell sozial eingebettet ist. Dieser Sachverhalt wird im ganzen zweiten Kapitel erörtert. In der Polarität von „Selbständigkeit“ und „Begegnung“ ereignet sich die Fülle der menschlichen Existenz, deren geistvoller Analyse das ganze Buch gewidmet ist.

Die Lektüre von Bieris Überlegungen zur menschlichen Würde ist vergnügliche Arbeit und geistige Anstrengung, die reich belohnt wird. Allerdings sind die Ausführungen oft ein wenig langatmig geraten und hätten ohne Substanzverlust eine erhebliche Verknappung vertragen.

Peter Bieri ist souverän und bescheiden genug, redlich einzuräumen, dass sein Buch nichts prinzipiell Neues enthält. Bei einem Jahrtausendthema wie der menschlichen Würde ist dies auch schwerlich möglich. Auf dem Niveau heutiger Erkenntnisse und Erfahrungen fasst er zusammen und systematisiert, was aufgeklärte Zeitgenossen sich so oder ähnlich bereits für sich zurechtgelegt haben. Die wohltuend skeptische „Melodie“ seines Nachdenkens ist beispielgebend für eine produktive Herangehensweise an heutige Problemlagen. Dafür gebührt ihm Dank und Anerkennung.

Image of Eine Art zu leben: Über die Vielfalt menschlicher Würde

Peter Bieri: Eine Art zu leben: Über die Vielfalt menschlicher Würde. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG 2013, Gebundene Ausgabe, 384 Seiten

Image of Nachtzug nach Lissabon

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon. btb 2006, Taschenbuch, 496 Seiten

Image of Hand an sich legen: Diskurs über den Freitod

Jean Améry: Hand an sich legen: Diskurs über den Freitod. Klett-Cotta 2015, Taschenbuch, 173 Seiten