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„Erotik ist Leben, Pornographie der Tod“

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Der Interviewband "Confessions. Eroticism in Media" setzt sich mit den neuen Bildern des Erotischen auseinander und stellt einige spannende Magazine vor. Sucht man nach einer Definition von Erotik, auf die sich die Macher dieser Magazine wohl alle einigen können, dann liegt diese in der Subjektivität – nicht der des Betrachters, sondern der der zu Betrachtenden.
Sonntag, 1. September 2013
Sammlung Magazin-Cover Erotik

In diesen Vorreiter-Magazinen wird nach einer neuen erotischen Ästhetik gesucht | Grafik: Thomas Hummitzsch

Während immer mehr halbseidene Angebote im digitalen Bereich entstehen, erlebt die Printbranche etwas Gegenteiliges. Die einst auflagenstarken Hochglanzblätter verlieren enorm an Leserschaft, während gut editierte, fotografisch anspruchsvolle und erlesene Erotikmagazine den Markt erobern. In Deutschland sind dies etwa die Giddyhefte („Porno für Jungs“) und die Jungshefte („Porno für Mädchen“), die in kleiner Auflage (jeweils 1.500 Stück) von den Kölnerinnen Nicole Rüdiger und Elke Kuhlen im Eigenverlag herausgegeben werden. Alle halbe Jahre erscheint eine neue Ausgabe der A5-Hefte, in denen zeitgemäße Debatten rund um Fragen einer wie auch immer (selbst)befreiten Sexualität geführt werden.

Der Blick auf den menschlichen Körper ist dabei auffällig unaufgeregt und unausgestellt. Die Models, die in den Heften halbnackt  bis nackt gedruckt werden, sind allesamt Laien und haben sich freiwillig vor die Kamera begeben. Man sieht Körper, deren Hülle mit Leben gefüllt ist, mit Tätowierungen, Narben, Piercings etc. Der unausgestellte, direkte Blick auf Nacktheit und Sexualität führt jedoch auch dazu, dass man die Hefte nicht am Kiosk kaufen kann, weil Schamlippen oder über eine 45 Gradneigung hinaus erigierte Penisse zu sehen sind. In diesen Fällen handelt es sich um Pornographie, da ist die deutsche Rechtsprechung streng. Als Pornographie verstehen die Macherinnen ihre Hefte zwar nicht – eher als Ü30-Bravo-Hefte, wie sie dem Tagesspiegel erklärten – aber was soll‘s. Das Ganze wirkt dann zuweilen laienhaft-authentisch – auch das eine Kunst, schließlich ist es nicht laienhaft – und sehr aus dem Leben gegriffen. So hat man beim Lesen das Gefühl, auf einer Wiese unter Freunden zu sitzen und im Übermut der Geselligkeit über Themen zu plaudern, die sonst unter den Tisch fallen.

Publikationen wie diese sind keineswegs ein deutsches Phänomen. International hat sich eine Gruppe an jungen, modernen Mediengestaltern gefunden, die die Erotik aus der Schmuddelecke zu holen und eine Zielgruppe zurückerobern, die sich aufgrund der Playboy-Ästhetik der Vergangenheit jahrzehntelang ins biedere Feuilleton zurückgezogen hatte. Die Rede ist von der Boheme der medienaffinen Neugierigen, die auf Ästhetik und Anspruch nicht verzichten wollen. Die Redaktion des luxemburgischen Modemagazins Nico hat zehn Magazinmacher aus aller Welt aufgesucht und sich mit ihnen über Erotik in ihren außergewöhnlichen Publikationen gesprochen. Die überaus spannenden Gespräche über die Differenzen von Erotik, Sex und Pornographie, objektive und subjektive Wahrheiten sowie politische, soziale und kulturelle Ansprüche an zeitgemäße Printprodukte, die anspruchsvoll Fragen des Erotischen reflektieren, kann man in Confessions: Eroticism in Media (Nico) nachlesen. Und dies ist überaus spannend, nicht nur weil so ein grenz- und kulturübergreifender Dialog über das Erotische angestoßen wird, sondern auch, weil man einen Einblick in die zahlreichen Facetten des Erotischen bekommt.

Neben Elke Kuhlen von den Giddyheften und Jungsheften gehörten zu den Gesprächspartnern unter anderem die drei Hipster-Französinnen Geneviève Eliard, Esthèle Girardet und Lucie Santamans, die ihre Interessen für Fotografie, Erotik und Medien zusammenführten und in London ihr Magazin Irène gründeten. Inspiriert von Fotografien wie Jürgen Teller oder Ryan McGinley präsentieren sie in ihrem textarmen Magazin erotische Impressionen außerhalb der gängigen Klischees und fernab des Vulgären, das heute allgegenwärtig ist. Es gäbe aktuell eine Menge Einflüsse auf die Definition des Erotischen, auch aus dem europäischen Kulturraum, „aber wir wollten etwas richtig Neues und Unabhängiges vom Bestehenden machen“, sagten die drei Französinnen im Interview.

Das nationale Gegenstück zu Irène ist l’Imparfaite, ein szeniges Erotik-Magazin für verkappte Philosophen. Es gilt als Hausmagazin der Absolventen der Eliteuniversität Sciences Po und jongliert grafisch-philosophisch mit sexuellen Klischees und Anspielungen. Schließlich verberge sich hinter jeder sexuellen Geschichte eine menschliche Geschichte, „eine die im Zusammenhang mit sozialen, politischen und ästhetischen Diskursen stehe. Und genau das wollen wir erzählen“, so der Mitgründer des Magazins Damien Bright. Ästhetisch werden genau diese Diskurse aufgegriffen und mit dem notwendigen Augenzwinkern verhandelt. Zuweilen ist der Weg von der Anspielung zum Thema ziemlich weit, oft aber einfach nur genial.

Erotic in den Medien

Die Macherin des amerikanischen Hochglanzmagazins Jacques, Danielle Lederer, berichtet im Interview davon, dass sie sogar ihre Modelle, die sie in kleineren Agenturen buchen oder persönlich ansprechen, erst einmal von der amerikanisch-puritanischen Prüderie mental befreien müssen. Ihr Magazin selbst, dessen Bildästhetik in warmen Rottönen gehalten ist und an den Retro-Look der ersten Playboy-Ausgaben erinnert, begreift sie als publizierte Verlängerung ihrer Persönlichkeit. Mit den Kategorien pornografisch, sexistisch, fantastisch oder modisch kann sie nichts anfangen. Auch Danielle Lederer geht es um ein Porträt der Sexualität fernab der Klischees. Jacques porträtiere Frauen, so wie sie sind, und nicht, wie sie Männer haben wollen, erklärt Lederer. Da geht es heftiger zur Sache, als man(n) sich das meist vorstellt.

Hinter dem französischen Magazin Edwarda (angelehnt an George Bataille’s Erzählung Madame Edwarda) steckt Sam Guelini. In dem Magazin sind es die leisen Dinge, die das Erotische ausmachen: Der fehlende Knopf, der herabgleitende Handschuh, ein Seidentuch über heller Haut, aber auch die grafische Aufmachung des Magazins spielt eine Rolle. Guelini spricht daher auch von eine Spiel, wenn sie von Erotik spricht. „Wir spielen [in Edwarda] mit Sätzen, Farben, den Falten in den Kleidern, einem hageren Gesicht bei nacktem Körper, mit packenden Blicken… solche Regeln muss man erfinden.“ Die Aufnahmen, die die Ästhetik des Magazins spiegeln, sind dabei nicht Teil eines Konzepts, sondern sie sind Teil von Geschichten, haben ein imaginiertes davor und danach. Sie erzählen Geschichten, indem sie den Moment vor und den Moment nach etwas zeigen. Mit dieser Herangehensweise ist Edwarda ein Magazin, in dem „die hohe Sensibilität“ der Macher und der Konsumenten die bestimmende Kraft darstellt.

Sensibilität spielt auch bei dem Magazin Butt von Gert Jonkers und Jop van Bennekorn eine Rolle. Ihr im Jahr 2000 ins Leben gerufenes Heft, geplant „für interessante Homosexuelle und Menschen, die diese lieben“, sollte ursprünglich explizite sexuelle Inhalte liefern. In den vergangenen dreizehn Jahren hat sich im Heft aber auch der Wandel des homosexuellen Lebens abgebildet. Schwuler Lifestyle und schwule Debatten fanden mehr und mehr in das Heft, das mit einer direkten, zuweilen auch konfrontativen Bildsprache gestaltet und in schwarz-weiß auf Farbpapier gedruckt wurde. Ein weiteres Qualitätsmerkmal ist die Tatsache, dass der renommierte TASCHEN-Verlag 2006 mit Butt Book: The Best of the First 5 Years of "Butt" - Adventures in 21st Century Gay Subculture eine Anthologie der ersten fünf Jahre herausgegeben hatte.

Das andere Geschlecht im Gay-Sektor wird u.a. von GLU – Girls like us bedient. Im Indipendent-Style gehalten bewegt sich das Magazin zwischen Rock’n Roll, Naturmagazin und Sexual Art, bedient mit Essays und Short-Stories die intellektuelle Leserschaft und schafft so den Spagat zwischen Erotik und Lifestyle, Sex und Politik, die die meisten der hier angeführten Magazine auszeichnet.

Sucht man in Confessions: Eroticism in Media (Nico) nach einer Definition von Erotik, auf die sich alle einigen können, dann liegt diese wohl in der Subjektivität – nicht der des Betrachters, sondern der der zu Betrachtenden. „Es muss die Garantie geben, dass der andere existiert. Das heißt, ein Dialog muss möglich sein, nicht unbedingt ein verbaler, aber mindestens die Möglichkeit einer Begegnung, … eine Form fließender Gefühle. … Während Erotik das Versprechen des Lebens ist, ist die Pornographie ein Versprechen des Todes“, bringt es der ehemalige Kreativdirektor des französischen Glamour-Magazines und jetzige Chef von Paradis, Thomas Lenthal, auf den Punkt.

Was viele der von Nico interviewten Macher vereint, ist, dass sie ihre eigenen Positionen zum Ausgangspunkt einer intellektuellen und ästhetischen Auseinandersetzung mit der Frage gemacht haben, was im Zeitalter der allgegenwärtigen Nacktheit und Sexualität noch erotisch sein könnte? Für fast alle war es überraschend, festzustellen, dass die eigenen Anforderungen an eine mediale Auseinandersetzung mit dem Thema Erotik auf breite Zustimmung stießen.

Die Angst, dass die zum Teil hochpreisigen Magazine von Blogs oder Online-Magazinen abgelöst werden könnten, hat so gut wie keiner. Wer meine, dass die digitale Welt die analoge ablöst, der sieht sich getäuscht. Die Nachfrage nach Magazinen, die nicht die tausendste Reproduktion des immer gleichen Medientrashs anbieten, steigt stetig. Confessions: Eroticism in Media (Nico)  bietet einen idealen Einstieg in Magazine mit diesem Anspruch.

Image of Confessions: Eroticism in Media (Nico)

: Confessions: Eroticism in Media (Nico). Die Gestalten Verlag 2012, Taschenbuch, 226 Seiten, EUR 25,00