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Soldaten flechten keine Freundschaftsbändchen

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Darf sich ein Humanistischer Verband, der sich für friedvolle Konfliktlösungen einsetzt, für die berufsethischen Belange von Soldaten engagieren? Oder sollte er aus pazifistischen Gründen darauf verzichten, nicht-religiösen Lebenskundlichen Unterricht in der Bundeswehr zu erteilen? Ein Beitrag zu einer kontroversen Debatte.
Samstag, 10. August 2013
Bundeswehr LKU 2

Illustration: Tim Ament

Es ist nur ein unbestätigtes Gerücht, dass Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan einen Kampfeinsatz verpassten, weil sie gerade zusammen mit Einheimischen bunte Freundschaftsbänder flochten. Sicher ist nur, dass evangelische und katholische Militärgeistliche ihnen regelmäßig einen sogenannten „Lebenskundlichen Unterricht“ (LKU) erteilen; eher unwahrscheinlich wiederum, dass sie hierbei auf Methoden des humanistischen Lebenskundeunterrichts zurückgreifen. Eine neue Dienstvorschrift der Bundeswehr sieht eine pluralisierende Öffnung des LKUs auch für nicht-christlich gebundene Lehrkräfte vor. An ihrer praktischen Umsetzung wird sich zeigen, wie ernsthaft eine generelle Öffnung der Militärseelsorge in Deutschland wirklich erwogen wird. 

Lebenskunde in der Bundeswehr

Schon seit 1959 gibt es Lebenskunde auch in der Bundeswehr. Im letzten Jahr nun ist die neue Dienstvorschrift 10/4 vom Januar 2009 nach dreijähriger Probephase in Kraft getreten. Die Armee will damit auf die Pluralisierung der Gesellschaft reagieren. Die Soldaten seien heute innerhalb und außerhalb der Kasernen den Herausforderungen „kultureller und religiöser Vielfalt“ ausgesetzt. Als Unterrichtsziele vermerkt die neue Richtlinie insbesondere ethische Bildung, Werteorientierung, Dialogfähigkeit sowie die Entwicklung von Kompetenzen für eine verantwortliche Lebensführung. Eine Doppelstunde LKU pro Monat ist nun verpflichtend für alle Dienstgradgruppen. Es soll sich ausdrücklich nicht um Religionsunterricht und Religionsausübung, sondern um eine berufsethische Qualifizierungsmaßnahme handeln. Wurde der Unterricht bis 2009 ausschließlich von Militärseelsorgern erteilt, so ist jetzt die Rede davon, dass er „in der Regel“ von diesen, aber „im Bedarfsfall auch von anderen berufsethisch besonders qualifizierten Lehrkräften erteilt“ werden kann. Beispielhaft genannt werden Religionswissenschaftler, Philosophen und Psychologen.

Eine öffentlich zugängliche Evaluation der Probephase gibt es leider nicht; darüber, ob es überhaupt eine Evaluation gegeben hat, erhält man keine gesicherte Auskunft. Aus einer aktuellen Rede des MdB Paul Schäfer (Die Linke) geht hervor, dass die christliche Monopolstellung in der Praxis trotz der neuen Richtlinie anscheinend beibehalten wird. Schon im Januar 2011 hatte Die Linke in einer kleinen Anfrage (BT-Drucksache 17/4396) die Qualität des LKU thematisiert, weil der Verdacht einer möglichen Aufweichung des Folterverbots im Rahmen dieses Unterrichts aufgekommen war. Wenngleich dies in der Antwort der Bundesregierung deutlich verneint wird (BT-Drucksache 17/4640), so verweisen auch solche Episoden auf die Wichtigkeit einer öffentlichen Kontrolle und wissenschaftlicher Evaluation des LKU. Grundsätzlich wäre zu untersuchen, ob der gewünschte weltanschauliche Pluralismus im Unterrichtsangebot gewährleistet ist und ob zusätzliche Anbieter erprobt wurden und auf Resonanz gestoßen sind. Eine hohe Sensibilität und Offenheit für diese Fragen ist im Übrigen auch bei Angehörigen der Bundeswehr feststellbar.

Parlamentarische Initiativen

Am 16. Oktober vergangenen Jahres hat die Arbeitsgruppe Sicherheits- und Verteidigungspolitik der SPD-Fraktion einen Antrag im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages gestellt. In ihm wird der Verteidigungs- und Haushaltsausschuss aufgefordert, „dafür zu sorgen, dass im Rahmen der Militärseelsorge den Soldaten neben den katholischen und evangelischen Militärgeistlichen auch Vertreter anderer Glaubensrichtungen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Hierfür muss ein Bedarf ermittelt und anschließend Planstellen vorgesehen werden“. Begründet wird dies damit, dass es derzeit in der Bundeswehr nur katholische und evangelische Militärgeistliche gebe, während es mittlerweile jedoch auch Soldaten in der Bundeswehr gibt, die einer anderen Glaubensrichtung angehören. Auch wenn dieser Antrag leider nicht explizit die wachsende Zahl nichtreligiöser Soldaten berücksichtigt (ca. 40-50%), so muss doch der Humanismus als Weltanschauung im Sinne einer solchen „anderen Glaubensrichtung“ und in seiner organisierten Form als potentieller „Ansprechpartner“ verstanden werden.

Explizit genannt sind die Konfessionsfreien dagegen in einem Antrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen vom April 2013. Beantragt wird die Anpassung der Bundeswehr an die multikulturelle Realität in der Bundesrepublik. Die Antragsteller weisen auf die „Zunahme des Anteils konfessionsloser Soldatinnen und Soldaten“ hin und fordern, „im Dialog mit ihnen niedrigschwellige Gesprächs- und Beratungsangebote einzurichten, in denen berufsbezogene ethische Fragestellungen erörtert werden können“. Wiederholt wird auch die Forderung aus dem Vorgängerantrag von 2012 (BT-Drucksache 17/9300), den LKU „nicht mehr exklusiv durch Beauftragte der beiden christlichen Kirchen durchführen zu lassen“, die schon damals von der Bundesregierung mit der grundsätzlichen Offenheit der Bundeswehr gegenüber der Berücksichtigung anderer ethischer Fachkräfte beantwortet wurde (BT-Drucksache 17/9482, diesseits berichtete in Ausgabe 3/2012). Darüber hinaus fordert die Fraktion jetzt auch Vertreter einer „anerkannten weltanschaulichen Gemeinschaft“ als ständige Gäste in den für all diese Fragen zuständigen Beirat für Fragen der Inneren Führung aufzunehmen.

Humanismus und Bundeswehr

So manchem aus dem humanistischen Spektrum stehen womöglich die Haare zu Berge angesichts einer möglichen zukünftigen Zusammenarbeit des organisierten Humanismus mit der Bundeswehr. Doch eine humanistische Beteiligung am LKU ist mit solchen Bedenken durchaus vereinbar.

Da die Abschaffung des Unterrichts respektive der Militärseelsorge politisch unwahrscheinlich ist, liegt die Forderung einer humanistischen Beteiligung nahe. Humanistische Lebenskunde in der Bundeswehr ist dabei weder gleichbedeutend mit einer prinzipiellen Akzeptanz militärischer Konfliktlösungen noch mit einer automatischen politischen Unterstützung sämtlicher Einsätze der Armee. Sie ist ein berufsethisches Gesprächs- und Beratungsangebot für Soldaten, das auch außerhalb von Bundeswehrliegenschaften stattfinden kann. Selbst in einer Berufsarmee wird man dabei keineswegs nur – wie oft geargwöhnt - auf kriegsaffine Söldner stoßen, sondern auf Personen, die in Bezug auf ihren besonderen Beruf und die politisch umstrittene neue Rolle ihres besonderen Arbeitgebers nicht ohne Fragen, Zweifel und Ängste sind. Die ausgewogene und kritische Bewertung der eigenen Tätigkeit und der Einsätze der Bundeswehr ist im Sinne der Entwicklung ethischer Urteilsfähigkeit Bestandteil des vorgegebenen Unterrichts-Curriculums. Der LKU hat nicht die Funktion eines ethischen Feigenblattes.

In humanistischer Perspektive liegt die berufsethische Problematik des Soldatenberufs zum einen darin, sich mit Themen wie Freiheit, Verantwortung, Töten und Sterben auseinanderzusetzen zu müssen, ohne dabei auf die vermeintliche Sicherheit einer religiösen Instanz zurückgreifen zu können. Zum zweiten liegt sie darin, dass die Ausübung von Gewalt gegen Andere potentiell zum Beruf gehört. Hieraus ergeben sich für die Soldaten verantwortungsethische Abwägungsfragen: Sie müssen selbst verantworten, ob wirklich alle Möglichkeiten gewaltfreier Konfliktlösungen ausgeschöpft wurden, und wann angesichts der Wahl zwischen zwei Übeln dasjenige der unterlassenen Hilfeleistung das Schlimmere ist gegenüber der gewalttätigen Aktion.

Wenngleich also Soldaten wahrscheinlich keine Freundschaftsbändchen flechten (oder vielleicht doch, im übertragenen Sinne, gelegentlich?), so haben sie sicherlich das Anrecht auf einen LKU mit Lehrkräften, die ihre spezifischen berufsethischen Fragen und Probleme authentisch vor einem nicht-religiösen Hintergrund betrachten.

Das von der Humanistischen Akademie Berlin am 18./19. Oktober 2013 in Berlin veranstaltete Kolloquium Der reflektierende Soldat - Berufsethische Qualifizierung in der Bundeswehr und die Frage ihrer pluralistischen Öffnung mag ein Forum sein, um diese und andere kontroverse Fragen mit Vertretern des Humanismus, von Bundeswehr und Militärseelsorge zu diskutieren.