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Den Atheisten einen Tempel

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Mit Alain de Bottons „Religion für Atheisten“ und Gerhard Wimbergers „Glauben ohne Christentum“ sind zwei Bücher erschienen, die sich mit dem Sinn von religiösen Ritualen und Verhaltensweisen auseinandersetzen, dabei aber zu sehr verschiedenen Ergebnissen kommen.
Dienstag, 4. Juni 2013
Alain de Botton_Manifest

Alain de Bottons "Manifest für Atheisten". Zehn Tugenden für die moderne Zeit | Abbildung: Verlag S. Fischer

Alain de Botton zeichnet in seinem Essay Religion für Atheisten ein deprimierendes Bild des zeitgenössischen Menschen: Wir vereinsamen und fühlen uns verloren. Jeder kämpft für sich, zumindest jeder in seinem sozialen Ghetto. Uns beherrschen Misstrauen und Angst vor Fremden. Die Beziehungen zu anderen sind oberflächlicher Natur. Gespräche kreisen um Berufe. Wichtig ist, was auf der Visitenkarte steht. Aus Angst, dass uns Anerkennung verweigert wird, streben wir nach Geld, Macht und Einfluss. Gefangen in unserem Egozentrismus umgibt uns  unser sozialer Status wie eine schützende Hülle. Meine Arbeit, mein Mann, meine Kinder, mein Haus, mein Auto, meine Frau.

Auf Grundlage dieser Diagnose Folie nähert sich der 1969 in der Schweiz geborene Autor den Religionen. Ihr Wissen um das Schlechte, Einsame und Sündige des Menschen sei ein kultureller Schatz, den man atheistisch heben solle. Die Kernaussage des Buches lautet, „dass Lösungen für viele Probleme der modernen Seele bei den Religionen zu finden sind, sobald man diese von ihren Übernatürlichen Strukturen herausgelöst hat, mit denen sie ursprünglich konzipiert wurden. Die Weisheit der Religionen gehört der gesamten Menschheit.“

De Botton redet keiner Renaissance der Religionen das Wort. Es müssten atheistische Alternativen zu religiösen Ritualen geschaffen werden und „der Prozess der religiösen Kolonialisierung“ müsse umgekehrt werden – eine in zweifacher Hinsicht ketzerische Angelegenheit. Religiöse und Atheisten mögen sich darin einig sein, dass de Botton die Religionen verniedlicht, sie naiv darauf reduziert, den Gläubigen Orientierung und Hilfe zum Leben zu geben – hier ein Heiligenbild, dort ein gemeinschaftsstiftendes Ritual oder eine buddhistische Teezeremonie, dazu noch die Erhabenheit einer katholischen Kathedrale und ein kleines Gebot Gottes. Und fertig ist das Menü, das aus Religionen Anleitungen macht, wie wir unsere verlorenen Seelen wieder in Einklang mit uns selbst bringen.

Alain de Botton:Religion für Atheisten

Lässt man diese berechtigte Kritik beiseite, erscheint de Bottons Versuch, sich im Reich der Religionen wie in einem Supermarkt zu bedienen und sich die besten Teile herauszupicken, um sie in den säkularen Einkaufswagen zu legen, mindestens interessant. Als überzeugter Atheist wirft er, zugegeben etwas unsystematisch, einen ethnologischen Blick auf die Riten, die Künste, die Feste, die Bildung, die Architektur und die Institutionen der Religionen, um Lösungen für die Probleme säkularer Gesellschaften zu entdecken. Er entwirft atheistische Tempel, schlägt Agape-Restaurants als Begegnungsstätten vor, wünscht sich eine Reorganisation der Universitäten inklusive neuer Fachbereiche zum Beispiel für zwischenmenschliche Beziehungen und inklusive eines Instituts fürs Sterben.  Nicht Wissen, sondern Weisheit ist das Ziel - nicht Wohlstand, sondern Leben können. „Wir haben es allmählich satt, tun zu können, was wir wollen, da uns die Weisheit fehlt, unsere Freiheit auch nutzen zu können.“ Einer von vielen schillernden Sätzen in diesem phasenweise brillant geschriebenen Buch, dessen Inhalte in dem Plakat Manifest für Atheisten zusammengefasst sind (hier herunterladen).

Alain de Botton ist mit seinem Plädoyer für einen entspannten Atheismus jenseits entlarvender Kritik und Kulturkampf ein provozierendes und herausforderndes Buch gelungen - ein Aufruf, endlich die alten Pfade der Religionskritik zu verlassen und sich der vernachlässigten kulturellen Ressource der Religionen zu stellen. Denn „die langweiligste und unproduktivste Frage, die man sich zu einer Religion stellen kann, ist die, ob sie wahr ist oder nicht“.

Vom Christentum zum Zeitalter des gelebten Humanismus

Hätte sich Gerhard Wimberger diesen Satz Alain de Bottons zu Herzen genommen, ihm wäre viel Arbeit erspart geblieben. Zweidrittel des Buches Glauben ohne Christentum. Eine Vision widmet der 90-jährige Autor der Frage, warum Religionen nicht wahr, nicht gut und letztendlich dem Untergang geweiht sind. Eigentlich ist das Buch eine Mogelpackung: Wo „Glauben ohne Christentum“ draufsteht ist „Christentum ohne Glauben“ drin.  Was als „Vision“ angekündigt ist, wird zu einer sperrigen Erörterung seines eigenen Unglaubens – ein profundes Non-Credo klassischer Religionskritik. Dabei beschränkt sich der Autor ausschließlich auf das Christentum. Er sammelt Zitate aus kirchlichen Dokumenten, zitiert Kirchenmenschen und die Bibel, Lexika, Atheisten, Wissenschaftler und Künstler. Wimberger unterstellt den Christen pauschal, sie würden die Bibel als direkte Offenbarung der Worte Gottes, dei verbum,  verstehen und die Textsammlung wortwörtlich auslegen. Dieser Trick versetzt ihn in die Lage, das Christentum mit der Bibel gleichzusetzen und unter Auslassung sämtlicher praktischer Aspekte allein anhand von Texten zu kritisieren. Eine zumindest fragwürdige Methode – denn diese Art der Auslegung wird allein von  fundamentalistischen Christen wie den Evangelikalen praktiziert. 

Über weite Strecken der Lektüre muss man sich fragen, für wen der Komponist und Dirigent Wimberger das Buch eigentlich geschrieben hat. Atheisten mögen sich langweilen. Sie muss man nicht mehr von ihrem Unglauben und den fragwürdigen Inhalten des christlichen Glaubens überzeugen. Christen werden dieses Buch aufgrund seiner methodischen Schwächen ebenfalls uninteressant und unhaltbar finden.

Wimberger: Christentum ohne Glauben

Tatsächlich will der Autor uns eine Geschichte erzählen – die Geschichte einer Welt, in der der Glauben an Übersinnliches einst von Nutzen war, um die Egoismen der Menschen zu zähmen. Heute jedoch nur noch als starre und leblose Theologie weiterexistiert. So wie „die Evolution“ die Religionen zum Vorteil der Menschen ermöglichte, so werde sie sie auch überflüssig machen. Wenn für die Christen Gott der Schöpfer allen Seins ist, so ist es für Wimberger „die Evolution“. Sie ist nicht bloß ein Prinzip, dass Entwicklungen zugrunde liegt, sondern wird selbst zur Person, indem sie etwas „erschafft“ und „bereit stellt“.

Am Ende dieser Entwicklung der „kulturellen Evolution“ steht Wimbergers Vision – ein „Zeitalter des gelebten Humanismus“, in dem die Grenzen zwischen den Glaubenssystemen aufgehoben sind. Humanisten sollen ihr Streben nach einer menschenwürdigeren Welt als Religiosität begreifen und Christen sich vom Ballast unsinniger Glaubensinhalte befreien. Zum Schluss verbindet sich das Jenseits der Christen mit dem Diesseits der Humanisten: „Oder gibt es kein Mehr und kein Dort, sondern nur ein Hier? / Es gibt ein Hier – und es gibt ein Mehr in diesem Hier.“

Alain de Botton: Religion für Atheisten. Vom Nutzen der Religion für das Leben. Aus dem Englischen von Anne Braun. Verlag S. Fischer 2013. 320 Seiten. 21,99 Euro.

Gerhard Wimberger: Glauben ohne Christentum. Eine Vision. Tectum Verlag, 2013, 129 Seiten, 14,95 Euro