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Theokratischer Frühling? Die Säkularisierung im Arabischen Frühling

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Brauchen wir also nun einen neuen Begriff des Säkularen? Nein, denn das wäre zynisch gegenüber den Opfern der Mängel der Säkularisierung. Gleichzeitig sollten westliche Säkulare es bevorzugen, wenn sich in den arabischen Ländern unsäkulare, defekte Demokratien herausbilden, anstatt säkularer Diktaturen.
Samstag, 1. Juni 2013
Arabischer Frühling

Brauchen wir nach dem "Arabischen Frühling" einen neuen Säkularismusbegriff? | Fotomontage: Anne Paschen

Die Massenvergewaltigungen am Tahrir-Platz in Kairo stimmen einen nachdenklich: Warum vergewaltigen Männer, die für mehr Demokratie auf die Straße gingen, Frauen? Liegt es an diesem patriarchalischen System, daran, dass die ägyptische Regierung dies billigt oder an einer fehlenden Säkularisierung?

Es scheint nicht gut zu stehen, um die Säkularisierung in Arabien. Das ist umso erstaunlicher, als dass im Arabischen Frühling, der Arabellion, Bevölkerungen verschiedener Staaten auf die Straße gingen und sich gegen die autoritären Systeme erhoben, um für eine freiheitliche Demokratisierung zu kämpfen.

Doch zu einem pluralistischen, demokratischen Staat gehört auch die Säkularisierung. Paradoxer Weise scheint diese in den betroffenen Ländern Rückschritte zu machen. So stellen sich einige Fragen: Gibt es am Ende in der Arabellion überhaupt keine Säkularisierung? Kommt es sogar zu einem theokratischen Frühling? Oder braucht der Westen für Arabien einen neuen, weniger eurozentrischen Begriff des Säkularen?

Die Säkularisierung stellt generell einen wichtigen Bestandteil für eine Demokratie dar und definiert sich vor allem über drei Faktoren: Erstens, die Emanzipation der politischen, sozialen, ökonomischen, wissenschaftlichen und kulturellen Öffentlichkeit von religiösen Institutionen, also besonders die Trennung von Kirche und Staat, dem Laizismus; zweitens, der Bedeutungsrückgang der Religion in modernen Gesellschaften; und drittens, die Privatisierung der Religion, um modern, liberal, pluralistisch und demokratisch zu sein.

Daher impliziert der Säkularbegriff – indem die Öffentlichkeit eine neutrale Position zur Religion entwickelt – eine rationale, religionsfreiheitliche und pluralistische Gesellschaft, wo Religion und Politik sich nicht mehr gegenseitig instrumentalisieren. Eine solche wäre ohne Säkularisierung in wichtigen Teilen beschnitten. Der Arabische Frühling kann ergo nur wirklich demokratisch werden, wenn er auch ein säkularer wird.

Die Säkularisierung hatte in der arabischen Region, auch schon vor der Arabellion, einen schweren Stand. Die westlichen kolonialen und imperialistischen Herrscher hatten das islamische Selbstbewusstsein und die muslimische Kultur nachhaltig geschädigt und missachtet. Darum waren nach dem Zweiten Weltkrieg die nationalen Emanzipationsbewegungen eng mit dem Islam verbunden und alles Säkulare galt als (post-)koloniales Überbleibsel und wurde somit abgelehnt. So verhält es sich auch in der Arabellion; Unabhängigkeit und Freiheit scheinen nur mit einem arabisch-islamischen Sonderweg realisierbar.

Arabischer Frühling 2

Die Hoffnungen vieler Menschen in eine grundlegend reformierende Kraft der Proteste seit Dezember 2010 haben sich bislang nicht erfüllt. Foto: Gigi Ibrahim / Flickr / CC-BY-SA

Hinzu kommt, dass in einigen säkularen Diktaturen, die jetzt vom Arabischen Frühling erfasst wurden, muslimische Intellektuelle diskriminiert, eingesperrt und ihre Schriften verboten wurden. So waren bis zur Rebellion die Muslimbrüder in Ägypten und die Ennahda in Tunesien verboten. In Ägypten führte dies etwa zur Radikalisierung eingesperrter islamischer Intellektueller wie Sayyid Qutb, der in Haft sein autoritär-islamistisches Hauptwerk Milestones schrieb.

Verschärft wird der antisäkulare Teil des Islams auch dadurch, dass bereits vor der Arabellion viele arabische Staaten islamistisch geprägt waren oder gar islamische Republiken darstellten, die sogar teils in Theokratien, wie dem Iran, ausarteten. Der libysche Diktator Gaddafi orientierte sich etwa in seinem ideologischen Grünen Buch an den Regeln der Scharia. Andere Systeme, die sich bisher dem Arabischen Frühling entziehen oder ihn bezwingen konnten, waren islamistisch und haben sich dadurch sogar noch radikalisiert, um jeder Emanzipation vorzubeugen. So gilt in den Golfmonarchien per Verfassung der Islam immer noch als Staatsreligion.

Diese Vorbedingungen machen kaum Hoffnung auf eine Säkularisierung, wenn man bedenkt, dass das Säkulare einerseits für den kolonialen Westen sowie einige unterdrückerische Diktatoren steht und andererseits in Kultur und Politik der Islam gepflegt wurde. Bisher gingen auch arabische Revolutionen nicht unbedingt zugunsten der Säkularen aus: 1923 führte etwa die Türkei zwar den laizistischen Kemalismus ein, im Alltag der Menschen spielte aber die Religion immer noch die tragende Rolle. 1979 führte die iranische Revolution gar in eine Theokratie. Irgendwo zwischen diesen beiden wird auch die Säkularisierung in der Arabellion verlaufen.

Etwas hoffnungsvoller, aber immer noch unsicher stimmt die Lage in Tunesien: Aus den Wahlen nach dem Sturz Ben Alis ging die moderat-islamische Partei Ennahda als stärkste Partei hervor und koalierte mit der säkularen Mitte-Links-Partei Congrés pour la république. Dadurch scheint die pragmatisch-undogmatische Ennahda, unter Führung von Ghannouci, eher bereit, sich zwar von muslimischen Idealen leiten zu lassen, aber in Kompromissen eine gewisse Säkularisierung zu akzeptieren. Aufgefallen sind sie bisher mit Zielen, wie Demokratie, Pluralismus, Religionsfreiheit und dem Schutz religiöser Minoritäten. Auch die Frauen haben bessere Chancen in Tunesien als in Ägypten, da zumindest theoretisch für die Chancengleichheit votiert wird und gleichzeitig die Frau geschützt werden sollte, da der Koran dies vorschreibe, so die Ennahda. Hinzukommt, dass die Ennahda zwar von islamischen Denkern geführt wird, aber die Basis kulturell wesentlich heterogener ist. Muslimische Prinzipien scheinen hier eher als Werte zu dienen, die in einen modernen, säkulareren Staat übertragen werden könnten. Doch so schön ist die Realität auch nicht. Schon die Ermordung des letzten Oppositionsführers durch radikale Islamisten spricht nicht gerade für eine säkulare Gesellschaft. Auch steht die Ennahda ständig unter einer Zerreisprobe, da Salafisten und Dschihadisten diese zum ultra-orthodoxen Islamismus treiben wollen und die säkularen Gruppen eben eine Säkularisierung fordern, was zur Aufspaltung der Ennahda führen könnte. Das würde es für Säkulare schwerer machen, da dann islamistische Kräfte die Oberhand gewinnen würden.

Karte Arabischer Winter

Für die Säkularen kam nach dem "Arabischen Frühling" direkt der Winter | Karte: Anne Paschen | © diesseits

In Ägypten steht es besonders schlecht um die Säkularisierung. Viele sahen dort den Islam als Teil ihrer kulturellen Identität, aber Gruppen wie die orthodoxen Muslimbrüder waren verboten. So ist es nicht verwunderlich, dass 2011 das moderat-islamische Wahlbündnis Demokratische Allianz unter Führung der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit der Muslimbrüder die Wahlen für sich entschied. Doch noch bedenklicher stimmen die Erfolge des Islamischen Block unter der Führung der ultraorthodoxen salafistischen Nour Partei, die der Meinung ist, der Islam sei die Lösung für jedes Problem. Zunächst schien es aber so, als ob der Islam hätte gezähmt werden und demokratische Entwicklungen sich hätten ausbreiten können, die eventuell später zu einer Säkularisierung geführt hätten. Jedoch hat der ägyptische Präsident Mursi, ein Muslimbruder, nicht nur das Militär entmachtet, sondern auch das politische System wieder autoritär umgestaltet. In Ägypten waren bereits die Wahlen Ausdruck einer fehlenden Säkularisierung in der Gesellschaft, die sich dann politisch artikulierte. Nun regieren orthodoxe Islamisten, die auch patriarchalische Ausschreitungen in der Gesellschaft, etwa wenn Demonstrantinnen von zahlreichen Männern vergewaltigt werden, dulden. Umso bedenklicher ist das, da moderatere Gruppen der Demokratischen Allianz noch von den Salafisten vor sich her getrieben werden. Anzeichen für eine Säkularisierung in Ägypten sind bis auf Weiteres nicht zu finden.

In Libyen erscheint die Lage noch unklar, wenige Informationen sind valide. Man hörte sogar Gerüchte, dass es religiös-ethnische Säuberungen durch Rebellen gab. Und viele der Demonstranten gegen Gaddafi forderten die Einführung der Scharia.

Am schlimmsten ist die politische Lage derzeit in Syrien. Auch dies trifft auf die Säkularisierung zu. Mit dem Bürgerkrieg reisen auch konfessionelle Gräben auf. Die Frontlinien zwischen Rebellen und den unterdrückerischen Regime von Assad verlaufen auch zwischen Drusen, Christen und Alawiten, wobei das Schicksal der Alawiten mit dem Bestand des Regimes verknüpft ist. Wenn sich also eines Tages eine der beiden Seiten im Bürgerkrieg durchsetzt, so steht zu befürchten, dass es zu extremen religiös-ethnischen Diskriminierungen und Tötungen kommen wird und eine Säkularisierung wohl kaum eine Chance hat.

Halten wir also fest: Es steht schlecht um die Säkularisierung in der Arabellion. Bis auf Tunesien haben sich die betroffenen Staaten eher islamisiert oder werden dies wahrscheinlich tun, auch wenn sie keine Theokratien bilden.

Brauchen wir also nun einen neuen Begriff des Säkularen? Nein, denn das wäre zynisch gegenüber den Opfern solcher Mängel der Säkularisierung, wie eben Frauen oder Andersgläubigen, die nicht zur Umma gehören.

Aber gleichzeitig sollten westliche Säkulare es eher bevorzugen, wenn sich in den betroffenen Ländern unsäkulare, defekte Demokratien herausbilden, anstatt säkularer Diktaturen. Ebenso müssen wir akzeptieren, dass es höchstens zu einer weichen Säkularisierung kommt, also, dass die Bevölkerung etwa gegen theokratische Systeme vorgeht, auch wenn die Religion im Alltag nach wie vor ausschlaggebend ist. Schon ein laizistisch-demokratisches System wäre ein Fortschritt. Daran und dass Arabien nur selbst irgendwann einen säkularen Weg finden kann, muss der Westen sich gewöhnen, aber ohne seine Begrifflichkeiten und Werte zu ändern.