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Humanistische Bildungsrevolution

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„Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“ Mit diesem konzisen Satz zerlegte der römische Philosoph und Staatsmann Seneca die lebensfremden römischen Philosophenschulen. Der ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin tritt nun in Senecas Fußstapfen. Seine Kritik der deutschen Bildungsinstitutionen lautet in Anlehnung an den römischen Denker: „Nicht für das Leben, sondern für den Markt lernen wir.“
Samstag, 1. Juni 2013
Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung

In seiner Streitschrift Philosophie der humanen Bildung kritisiert Nida-Rümelin den Missbrauch der Bildung als gesellschaftliches Auswahlinstrument. Das deutsche Bildungswesen führe dazu, dass Lebenschancen nach Durchschnittsnoten und ökonomisch-rationalistischen Kriterien verteilt werden und das Auseinanderbrechen der Gesellschaft befördern. Bildung, vor allem eine humane, habe aber eine völlig andere Maxime: ihr gehe es um das Finden einer guten Lebensform. Als solche versteht sie Nida-Rümelin „als Korrektiv“ der allgegenwärtigen Ökonomisierung und „als Beitrag zur Humanisierung“ der Gesellschaft, in der unterschiedliche Biographien, Kompetenzen und Interessen anerkannt und respektiert werden

Eine humane Bildung nimmt den ganzen Menschen in den Blick. Ihr Ziel ist es, eigenständige Menschen zu schaffen, die in der Lage sind, Dinge zu beurteilen und danach zu handeln. Die es vermögen, Weltwissen anzuwenden und nicht nur Faktenwissen zu repetieren. Die den verfehlten Freiheitsbegriff des rationalen Marktliberalismus ablegen und ihr Tun wieder in den gesellschaftlichen und emotiven Zusammenhang des Gemeinwohls stellen.

Julian Nida-Rümelin plädiert hier „für eine Erneuerung des Humanismus“, „der sich nicht scheut, die Frage, was denn genuin menschlich sei, zu stellen.“ Im Zentrum seines Bildungsprogramms, das zur Pflichtlektüre eines jeden pädagogisch interessierten Humanisten werden sollte, stehen die Idee der Menschenwürde und die Lehre einer verantwortungsbewussten Lebensführung.

Bildung sei mehr als das, was die meisten Schulen heute bieten. Die klingt sehr nach dem Philosophen Richard David Precht, der im Interview mit der Zeit zu seiner aktuellen Streitschrift Anna, die Schule und der liebe Gott folgendes sagte: „Ich glaube, dass das, was unsere Kinder in der Schule lernen, und das, was sie im Leben brauchen, stärker als jemals zuvor auseinanderfallen.“ Precht fürchtet um die Leistungsfähigkeit der Schüler und schlägt eine „Bildungsrevolution“ zur Steigerung ihres Leistungsniveaus vor.

Nida-Rümelin geht es nicht um Leistung, sondern um Weltverständnis und Orientierungswissen. Unter diesen beiden Aspekten ist Bildung „alles, was die handelnde, urteilende, fühlende Person formt, was ihr Struktur gibt“ und was dazu beiträgt, ein gutes Leben im Sinne „eines genuin menschlichen Lebens“ zu finden. „Bildung soll nicht Untertanen schaffen, Bildung soll nicht das Funktionieren der Ökonomie sicherstellen, Bildung soll keinen ideologischen Zwecken dienen, sondern Bildung ist der Weg zur autonomen, zur selbstbestimmten Existenz. Das oberste Bildungsziel ist menschliche Freiheit.

Die Mittel, die dem vernunftfähigen und zur Vernunft verpflichteten Individuum dafür zur Verfügung stehen, sind für Nida-Rümelin die Einheit und Grenzen der eigenen Vernunft, die Verständigung mit anderen und die Orientierung in der Welt. Diese drei Königswege einer humanen Bildung führen zur Herausbildung einer „humanen Vernunft“, in der Wahrheiten und Gewissheiten voneinander getrennt sind und ein lebenspraktisches, ethisch fundiertes und emotional harmonisches Wissen von der Welt existiert – die Grundlage, um ein tugendhaftes und „gelungenes Leben“ in Freiheit leben zu können.

Den Stoff, der zur Herausbildung dieser Vernunft beiträgt, findet man nicht nur in Büchern. Nida-Rümelin fordert ein Ende der verwissenschaftlichten Überfrachtung des Schulunterrichts und mehr lebensweltliche Praxis. Er fordert neue Fächer wie Ökonomie, Psychologie und Rechtsnormen, will mit Sport am Morgen die müden Zellen aktivieren und mit Kunst und Musik den Horizont der Schüler erweitern. Um freie, reflektierte und gemeinwohlorientierte Persönlichkeiten hervorzubringen, die eine Vorstellung von einem gelungenen Leben in Gemeinschaft haben.

Julian Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung. Körber-Stiftung 2013. 246 Seiten. 18,- Euro.

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