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Feuerwehrmann und Brandstifter

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Man findet den Namen Antoine de Rivarol in keinem Werk der europäischen Aufklärung. Man muss anfangs über diesen Umstand rätseln, am Ende der Lektüre von Ulrich Kunzmann herausgegebener Sammlung der Gedanken, Maximen und Portraits des französischen Salonisten hat man aber eine Ahnung, warum das so ist.
Samstag, 1. Juni 2013
Antoine de Rivarol: Vom Menschen

Rivarol war 30 Jahre alt, als er 1784 den Preis der friderizianischen Berliner Akademie für seine Antwort auf die Frage erhielt, warum die französische Sprache denn so überlegen sei. „Was nicht klar ist, ist nicht französisch“, entgegnete er keck dem Philosophenkönig. Der frankophile Parvenü bewies sich hier als Sprachfilou, woran es ihm aber zeitlebens mangelte, war politischer Verstand.

Er erlebte vor der französischen Revolution einen kometenhaften Aufstieg und einen ebensolchen Absturz danach. Die Revolution, für die meisten Aufklärer Höhe- und Kristallisationspunkt ihres Schaffens, war sein Markstein. Vor 1789 öffneten ihm seine scharfen Kommentare die Türen in die Pariser Salons, 1791 musste er aus Frankreich fliehen. Die französische Revolution war „plötzlich den Büchern der Philosophen wie eine bewaffnete Lehre entstiegen“ und hatte ihn geistig überholt. Von Anfang an verweigerte sich Rivarol prinzipiell dem aufklärerischen Duktus der Freiheit. Er schwankte zwischen der hellsichtigen Kritik des jakobinischen Terrors und der blindwütigen Verurteilung einer liberalen Gesellschaft: „Anstelle der Menschenrechte hätte man die Grundsätze des politischen Organismus festlegen sollen“, schrieb er.

Man reibt sich verwundert die Augen ob solcher Sätze, denen bissige Bonmots über den Glauben und die Religion gegenüberstehen. „Die Moral lehrt den Menschen, was seine wahre Würde ist, damit er sich selbst behauptet. Die Religion beugt den Menschen und gibt ihm einen Stock.“ Aber auch bei diesem Thema mangelt es an Konsistenz. Rivarol wirft seine Argumente so lange hin und her, bis am Ende Alles und Nichts gilt.

Über die Mitglieder der Nationalversammlung schrieb Rivarol, dass sie sich als Feuerwehrleute angeboten hätten, nachdem sie Brandstifter waren. Diese beiden Rollen vereinte dieser wild-reaktionäre Geist. Nachdem er als Feuerwehrmann die Aufklärung mit betrieb, grub er sie als reaktionärer Brandstifter später zu Grabe. Vom Menschen erzählt davon.

Antoine de Rivarol: Vom Menschen. Gedanken und Maximen - Portraits und Bonmots. Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Matthes & Seitz 2013. 498 Seiten. 39,90 Euro.

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