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"Christenverfolgung" - Eine Frage der Definition

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Die Regionen, in denen die stärksten Beschränkungen der Religionsfreiheit bestehen, sind nicht-christlich. Die christliche Organisation „Open Doors“ deutet diesen Umstand um und sieht in diesen Staaten vor allem Christen der „Verfolgung“ ausgesetzt. Eine zweifelhafte Methodik, die dem Thema aber zu einem großen medialen Echo verholfen hat. Das Problem an den Zahlen: Es existiert kein Korrektiv.
Samstag, 1. Juni 2013
Christenverfolgung 2

Foto: Thomas Hummitzsch

Will man die Verfolgung von Personen aufgrund ihrer Weltanschauung beurteilen, stößt man auf wenig Belastbares und viel Nichts. Die wenigen Berichte, die es zum Thema gibt, beschränken sich auf die Verfolgung von Religiösen, wobei dann wiederum oft nur die großen Religionen berücksichtigt beziehungsweise kleinere Religionsgemeinschaften zu einer übergeordneten Glaubensgemeinschaft zugeordnet werden. So subsummiert etwa das amerikanische Pew Research Center (PRC) für seine Studie zur religiösen Verfolgung in 197 Staaten die Freikirchen, Methodisten, Evangelikale und sektiererische Kirchen unter der Kategorie Christen. Ein durchaus legitimes Vorgehen, allerdings führt das dann wiederum zu starken Verallgemeinerungen und entsprechenden Ableitungen. So hat das PRC für die USA einen Anstieg der staatlichen Beschränkungen der Religionsfreiheit festgestellt und führt u.a. als Beleg an, dass der Rocky Mountain Christian Church untersagt wurde, ihr Schulgebäude zu erweitern, während einer säkularen staatlichen Schule der Ausbau erlaubt wurde.

Das Forschungsinstitut führt daneben weitaus gravierendere Fälle staatlicher Eingriffe in die Religionsfreiheit in den USA an, aber solche Entscheidungen fließen in das allgemeine Bild mit ein. Dieses ist entsprechend alarmierend. Bei der Untersuchung der Einschränkung der religiösen Freiheit weltweit stellte das Institut fest, dass sowohl die staatlichen Maßnahmen als auch der gesellschaftliche Druck die Situation der Gläubigen weltweit verschlechtere. Für alle sieben untersuchten Gruppen – Christen, Moslems, Juden, die Gruppe der Sikhs, Zoroastrier und Bahai, die Anhänger der traditionellen Religionen, Hinduisten und Buddhisten – ist das Maß der religiösen Unterdrückung in den vergangenen Jahren gestiegen. In 124 Staaten stellten die Wissenschaftler einen Anstieg der staatlichen Beschränkungen der Religionsfreiheit fest, in nur 50 Staaten wurden Beschränkungen aufgehoben und in 23 Staaten wurden keine Veränderungen registriert. Auch die gesellschaftliche Atmosphäre hat sich zum Nachteil von Gläubigen entwickelt. In 97 Staaten hat sich die Situation verschlimmert, in 63 Staaten verbessert, in 37 Staaten ist sie gleich geblieben.

Hier lohnt sich ein Blick auf die Staaten, in denen die Beschränkungen der Religionsfreiheit am stärksten sind. Vorrangig islamische Staaten (Ägypten, Indonesien, die Malediven, Saudi Arabien, Afghanistan, Iran, Usbekistan, Tunesien, Eritrea) und Gesellschaften (Pakistan, Irak, Bangladesch, Somalia, Jemen, Afghanistan) schränken die Religionsfreiheit durch staatliche Maßnahmen ein. Unter den Top-Ten der religiös restriktiven Staaten ist nur China mit seinem Staatsatheismus nicht-islamisch. Zu den zehn religiös intolerantesten Gesellschaften gehören neben den sechs genannten islamischen Staaten Indien, Sri Lanka, Israel und das religiös zweigeteilte, von religiösen Auseinandersetzungen geschüttelte Nigeria. Die Regionen, in denen die stärksten Beschränkungen der Religionsfreiheit, die ab jetzt korrekterweise als Glaubens- und Meinungsfreiheit bezeichnet werden soll, bestehen, sind nicht-christlich religiös geprägt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass in diesen Ländern vor allem auch Christen unter einem enormen Druck stehen.

Open Doors

Statt "Syrer im Überlebenskampf" heißt es bei Open Doors nur "Christen im Überlebenskampf" | Screenshot Open Doors

Auf die in diesen Ländern und Gesellschaften lebenden Christen bezieht sich die Organisation Open Doors – Im Dienst der verfolgten Christen weltweit, wenn sie alljährlich ihren Weltverfolgungsindex herausgibt. Dabei stützt sich die streitbare Organisation, die nach eigener Erklärung in keinem institutionellen Zusammenhang zu den Kirchen oder der Evangelischen Allianz steht, auf einen weit gefassten Verfolgungsbegriff, der neben den typischen Verfolgungstatbeständen (gewalttätige Übergriffe bis hin zu Mord sowie Inhaftierungen) auch Diskriminierung umfasst. Demnach herrscht Verfolgung auch dann, „wenn Christen aufgrund ihres Glaubens beispielsweise ihre Arbeit oder ihre Lebensgrundlage verlieren, wenn Kinder aufgrund ihres Glaubens oder des Glaubens ihrer Eltern keine oder nur eine schlechte Schulbildung bekommen oder Christen aufgrund ihres Glaubens aus ihren angestammten Wohngebieten vertrieben werden. Auch wenn es Andersgläubigen gesetzlich oder zumindest gesellschaftlich nicht erlaubt ist, zum Christentum zu konvertieren und sich zum christlichen Glauben zu bekennen – wenn Gläubige also mit Konsequenzen für Familie, Besitz, Leib und Leben rechnen müssen, spricht Open Doors von Christenverfolgung“, heißt es auf der Homepage der Organisation. Dr. Daniel Ottenberg erklärte für die Organisation gegenüber diesseits, dass man lediglich „Abgrenzungsfragen“ diskutieren würde, wenn man statt von Verfolgung von Benachteiligung, Marginalisierung, Unter-Druck-Setzen oder Mobbing sprechen würde. Das lenke von der Tatsache ab, dass Christen nicht ungestört ihren Glauben leben können. Aktuell seien 100 Millionen Christen in über 50 Ländern davon betroffen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk will diese Zahlen nicht kommentieren.

Muss es auch nicht, die selbst in Kirchenkreisen umstrittene Methodik der christlichen Organisation spricht für sich. Noch vor drei Jahren sprach Open Doors von über 200 Millionen verfolgten Christen. Dazu zählten u.a. auch die Gläubigen in Schweden und Deutschland, weil in den Ländern bei Massenentlassungen in großen Unternehmen auch Christen ihren Job verloren. Die Organisation geriet aufgrund dieser absurden Auslegung in die Kritik, ihre Zahlen wurden als Hirngespinste verspottet. Inzwischen differenziert sie die Situationen in verschiedenen Regionen und Bundesstaaten. Open Doors arbeitet aber nur mit ungefähren Angaben. Eigene Schätzungen zur Zahl der christlichen Bevölkerung in den betroffenen Ländern mischt sie mit den Angaben des US-Außenministeriums und Zahlen der missionarisch-evangelikalen Organisation Operation World oder der missionarischen US-Initiative Joshua Project.

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Leitmedien wie der SPIEGEL übernahmen die Zahlen von Open Doors ohne kritische Bewertung | Screenshot SPON

Allein dieser Wirrwarr an Bezugsquellen lässt Zweifel an der Seriosität der Zahlen aufkommen. Dies wird noch gesteigert durch die Entscheidung der christlichen Organisation, nicht allein staatliche Verfolgung, sondern auch das Schikanieren durch lokale politische oder religiöse Führer sowie Nachbarn oder die eigene Familie in ihren Weltverfolgungsindex aufzunehmen. Ein schmaler Grat, denn wer will hier entscheiden, ob es sich nicht um Nachbarschaftskonflikte, Familienstreitigkeiten oder einen lokalen Gesellschaftskonflikt handelt, in dem andere als die religiösen Aspekte im Vordergrund stehen? Die eigenen Mitarbeiter vor Ort würden dies sorgfältig prüfen, heißt es auf Anfrage. Und weiter: „Natürlich haben Konflikte häufig auch ethnische, wirtschaftliche und soziale Dimensionen. Meistens wird allerdings der religiöse Aspekt schlicht negiert oder marginalisiert.“

Seriöse Zahlen entstehen anders. Oder eben gar nicht. Offizielle Angaben zu den aufgrund ihres Glaubens oder Unglaubens Verfolgten gibt es nicht, weshalb Open Doors mit seinen hoch geschätzten Zahlen inzwischen die Medienlandschaft erobert hat. Leitmedien wie Spiegel und Die Zeit, FAZ und Süddeutsche Zeitung hatten Ende 2012 über den Weltverfolgungsindex der Organisation berichtet, ohne auch nur den leisesten Zweifel an den Zahlen lautbar zu machen. Dies liegt auch daran, dass es aus strukturellen Gründen kein Korrektiv zur Open-Doors-Statistik gibt.

Hier geht es weiter zum zweiten Teil unserer Analyse.