Direkt zum Inhalt

Mission für alle, Gedankenfreiheit für niemanden?

DruckversionEinem Freund senden
Das Panoptikum der kirchlichen Arbeitswelt, das Eva Müller vor den Augen der Lesenden ausbreitet, macht Staunen. Verhaltensmaßregeln, Kündigungsgründe, Sonderrechte ohne Zahl – Kirchen erfreuen sich einer Masse von Privilegien die ihres Gleichen sucht (wahrscheinlich vergeblich). Flott zu lesen ist diese Skandalgeschichte, und ihr Aufklärungspotential ist – auch deshalb – gewaltig. Daher ist das Buch ein Gewinn, ebenso wie die dazugehörende Fernsehreportage, die unlängst im Ersten ausgestrahlt wurde.
Mittwoch, 6. März 2013
Eva Müller: Gott hat hohe Nebenkosten

Im Zentrum von Müllers Erzählung steht der Fall einer Kindergartenleiterin im rheinischen Königswinter, die bei ihrem katholischen Arbeitgeber rausflog. Anders kann man es nicht nennen. Der Grund: Die beliebte, tiefgläubige und kirchlich engagierte Mitarbeiterin sei laut Pfarrer und Bischof ein „schädliches Ärgernis" (welche Sprache!), weil sie ihren Ehemann verlassen hatte und eine neue Beziehung eingegangen war – pikanterweise mit einem Mitglied des Kirchenvorstandes, dort für den Kindergarten zuständig. Die Eltern sind aufgebracht über die Kündigung, sie protestieren dagegen, die Sache eskaliert und am Schluss erreichen sie beim Stadtrat einen Trägerwechsel der Kita. Die Stadt vermietet das Gebäude nun nicht mehr an die katholische Kirchengemeinde, sondern an einen evangelischen Trägerkonzern, bei dem die arbeitsrechtliche Lage allerdings auch nicht viel anders ist. Nach wie vor ist das Erziehungsziel im Wesentlichen die christliche Mission, als Arbeitgeber agiert auch der evangelische Konzern offen diskriminierend. Die vermeintliche Sensation hat etwas vom berühmten Hornberger Schießen.

Alle Beteiligten der Kontroverse um die geschasste Kita-Leiterin sind gut katholisch, oder sie verstehen sich zumindest so. Alle wollen im Sinne Christi wirken und die Kinder im christlichen Glauben aufziehen lassen – ganz egal übrigens, ob andere Eltern das auch wollen. Welche Arroganz! Die Perspektive religionsfreier Eltern wird im Buch leider nicht so recht eingenommen; es scheint sich um ein „innerkatholisches" Problem zu handeln. Katholische Wutbürger streiten untereinander – na und? Kaum zu glauben, dass das alles gewesen sein soll. Gerne hätte der Leser erfahren, was eigentlich die Nicht-Katholiken zu der ganzen Sache zu sagen hatten. Nur nebenbei erfährt man, dass im Nachbardorf ein evangelischer Träger Kinder mit Migrationshintergrund aus der Einrichtung gedrängt oder sogar entfernt habe, weil sie das christliche Profil in Frage stellen würden. Auch wird von einer Krankenhausübernahme durch einen evangelischen Gesundheitskonzern berichtet – einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft mit christlichem Sendungsauftrag –, wegen der nun die ehemals kommunalen Angestellten in die Kirche eintreten. Sonst befürchten sie berufliche Nachteile. Hoffentlich schreibt die Autorin über das Hand-in-Hand-Gehen von Mission und Diskriminierung ihr nächstes Buch, der Stoff hätte es verdient.

Natürlich sind die kirchlichen Sonderregelungen im Arbeitsrecht ein – nun wirklich berechtigtes – „schädliches Ärgernis". Doch die Königswintersche Angelegenheit macht auch ein tieferliegendes Problem deutlich, nämlich die Dominanz der Kirchen bei den freien Trägerschaften im Sozialbereich. Erst sie ermöglicht es ihnen, sich aufzuführen wie „Graf Koks von der Gasanstalt", wie es in Hamburg heißt. Wie kommt es dazu? Wegen des Geldes natürlich. Kirchliche Träger sind finanziell bestens aufgestellt, sie verfügen über eine gewaltige Marktmacht. 1,3 Millionen Beschäftigte haben die Kirchen und die von ihnen gesteuerten Unternehmen in Deutschland. Ihre Umsätze gehen in die Milliarden. Die Tendenz ist weiter steigend. Besonders in Ostdeutschland legen sie ein schnelles Wachstum hin – ohne Christenmehrheit im Lande, entgegen den Interessen der Bevölkerung, aber mit kräftigem politischem Rückenwind von SPD und CDU. Religionsfreien Menschen muss angesichts dieser Entwicklung schwindelig werden, auch weil sie ihre Missionierung mit ihren Steuern auch noch selber bezahlen dürfen. Dabei wäre ihr Anliegen eigentlich, dass die Vielfalt der sozialen und pädagogischen Einrichtungen sichergestellt ist. Nur dann können sie davon ausgehen, in der subsidiären Trägerlandschaft auch ein Angebot zu finden, das ihren Wünschen und Bedürfnissen entspricht. Dass freie Träger grundsätzlich solche Aufgaben schon allein wegen ihrer modernen und flexibleren Organisationsstruktur besser und kundengerechter erfüllen können als Länder oder Kommunen selbst, ist außerhalb engster staatshöriger Kreise ein Gemeinplatz. Außerdem sorgen sie für ein buntes Feld von Konzeptionen, Ausrichtungen und Hintergründen. Dabei können Kirchen dann ruhig auch ihren angemessenen Platz haben – wenn es zu ihnen Alternativen gibt, spricht ja nichts dagegen. Das Problem ist nicht die freie Trägerschaft an sich, sondern die fehlende Wahlmöglichkeit der Kunden bzw. Klienten.

Wie wenig das offenbar eine Rolle spielt, auch das erfahren wir in Müllers Buch Gott hat hohe Nebenkosten. Wer wirklich für die Kirche zahlt. Denn dafür zuständig ist die Politik. Stadt- und Gemeinderäte sind es, die über Trägerschaften z.B. von Kitas entscheiden. Solche Einrichtungen entstehen nicht von selbst aus dem Nichts. Müller beschreibt den Prozess der Entscheidungsfindung über die Trägerschaft der umstrittenen Kita in Königswinter – und lässt dabei nicht unerwähnt, dass fast alle Akteure selbst mit der Kirche verbandelt sind. Wenn Politiker kirchliche Monopole zulassen (und das ist nicht nur auf die C-Partien beschränkt), dann werden sie ihrer Aufgabe für das Gemeinwohl nicht gerecht. Das ist überaus kritikwürdig, und es sollte aus religionsfreier Sicht auch viel öfter angeprangert werden - besonders wenn verfilzte Strukturen dahinterstecken und Vergabeentscheidungen dadurch korrumpiert werden. So ist es leider oft.

Bunte Trägerlandschaften entwickeln sich immer dann, wenn auch kleine Träger diese Aufgabe stemmen können. Dazu muss die Refinanzierung durch die öffentliche Hand auskömmlich und verlässlich sein. Wo das nicht der Fall ist, dominieren kirchliche Träger. Doch auch Eva Müller scheint der Ansicht zu sein, dass die freien Träger doch bitte für „ihre" Einrichtungen einen Eigenanteil aufzubringen hätten. Ähnliches ist auch aus der säkularen Szene immer wieder zu hören. Das geht an der Sache vorbei. Schließlich handelt es sich bei den Leistungen, die von freien Trägern erbracht werden, in der Regel um staatliche (meistens kommunale) Pflichtaufgaben. Warum sollten sie nicht mehr voll finanziert werden, nur weil ein freier Träger sie übernimmt? Das wäre sozialpolitisch fragwürdig, denn dann könnte man sich in diese Dienstleistungen einkaufen – wer am billigsten anbietet, bekommt den Zuschlag. Gerade für religionsfreie Menschen wäre diese Logik fatal. Man mache folgendes Gedankenexperiment: Was wäre, wenn tatsächlich alle freien Träger von Kitas, Pflegeheimen, Sozialprojekten etc. diese ganz oder zum Teil selbst bezahlen müssten? Wie viele Träger könnten sich das leisten? Klar: Nur die Kirchen, denn die haben's anderswo schon reichlich. Und die sind auch diejenigen Träger, die an Kitas das stärkste Interesse haben: um ihre Religion in den ersten Lebensjahren einpflanzen zu können. Ein kurzer Blick auf die Kita-Landschaft in Rheinland-Pfalz zeigt, wie eine solche verfehlte Politik fast zur Monopolisierung der Kirchen bei der frühkindlichen Bildung geführt hat. Wer solcherlei fordert, der fordert letztlich die Übergabe des sozialen Sektors an die Kirchen. Mission für alle, Gedankenfreiheit für niemanden – das ist die Konsequenz. Kein religionsfreier Mensch, der bei Verstand ist, kann daran ein Interesse haben.

Aber selbst wenn ein Stadtrat einmal guten Willens ist und die Vielfalt seiner Trägerlandschaft garantieren will: Es gehören zwei zum Tango. Einer der den Auftrag vergibt, und einer der ihn annimmt. Da müssen sich auch die Organisationen der Religionsfreien an die Nase fassen lassen: Was tun sie denn selbst dafür, damit das gewährleistet wird? Können sie diese gesellschaftliche Aufgabe wahrnehmen? Wollen sie das überhaupt? Nur zu kritisieren, was andere machen, reicht nicht. Die nächste Kita, die ihren kirchlichen Träger verliert, muss an einen humanistischen Träger gehen können! Erst dann ist wirklich etwas gewonnen.

Eva Müller: Gott hat hohe Nebenkosten. Wer wirklich für die Kirche zahlt. Kiepenheuer & Witsch 2013. 208 Seiten. 14,99 Euro (Leseprobe)

Die 45-minütige ARD-Fernsehreportage kann man hier sehen.