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Wissenschaftstempel oder Disneyland der Evolution?

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In Rostock lädt das Darwineum dazu ein, die Entwicklung der Arten kennenzulernen. Es ist ein kleiner Schritt für unsere Kultur, ein großer Sprung für die Affen im Zoo. Harsche Kritik gibt es trotzdem.
Freitag, 1. März 2013
Foto: Zoo Rostock

Ein interaktiver Ausstellungsbereich führt vom Urknall bis zur Entstehung der Arten. Foto: Zoo Rostock/Michael Jungblut

Zur Eröffnung kam sogar ein Ururenkel Charles Darwins, der britische Anthropologe Felix Padel, aus Indien angereist: Am 7. September 2012 ging nach mehr als zehn Jahren Planung das neue Schmuckstück des Rostocker Zoos in den Betrieb für die Öffentlichkeit. Das Darwineum, eine knapp 29 Millionen teure Kombination von Zoo und Museum, verspricht eine spektakuläre Reise durch die Evolution. Auf rund 20.000 Quadratmetern leben etwa 150 Tiere 40 verschiedener Arten, darunter mehrere Primaten. Wissenschaft zum Erleben, Anfassen und Mitmachen soll in drei Stationen geboten werden. Ein Ziel ist, dem Publikum auf anschauliche und spielerische Weise die Entwicklung der Spezies zu erklären.

Wie dringend das nötig ist, zeigt nicht nur die Eröffnung von Museen weltweit, in denen der Auftrag gilt, die Wahrheit biblischer Schöpfung und die Falschheit der Evolutionstheorie zu erklären. Und selbst in Großbritannien, Heimatland des britischen Naturforschers und Begründers der Evolutionstheorie, glaubt laut Umfragen nur weniger als die Hälfte der Menschen an eine Evolution. Auch in Deutschland ist Schöpfungsglaube keine Seltenheit. Und die Zahl christlicher Bekenntnisschulen, in denen die Evolution als eher fragwürdige Theorie neben den biblischen Sagen gelehrt wird, wächst rasch.

Das Darwineum hilft hier aufzuklären. Zwei interaktive Ausstellungsbereiche und eine Tropenhalle erlauben eine unterhaltsame Exkursion in die Entstehungsgeschichte von Universum, Erde und den Menschen. Am Anfang der Ausstellung wird über den Namensgeber der Einrichtung und seine Forschungsreisen informiert, anschließend gelangen Besucher durch eine „Zeitschleuse“ in einen großen Rundbau, in denen sie vom Urknall vor 14 Milliarden Jahren bis zur Entstehung der Erde geführt werden. In acht Einzelräumen werden wichtige Ereignisse in der Evolution dargestellt. Ein Quallenaquarium, Dioramen und ein interaktiver Touchscreen erläutern das hochkomplexe Geschehen der Erdgeschichte, von dem die Entwicklung der Spezies auf unserem Planeten geprägt wurde. Die in der Evolution wurzelnde Ähnlichkeit zu früheren Lebewesen kann an Schlammspringern, Antilopenzieseln, Blattschneiderameisen, Pfeilschwanzkrebsen und Schnabeligeln bestaunt werden.

Umfragen zum Schöpfungsglauben In den USA glauben laut einer Gallup-Umfrage von 2012 nur 15 Prozent an die wissenschaftliche Evolutionstheorie. Auch hierzulande ist der Schöpfungsglaube weit verbreitet, wie eine im Auftrag der Forschungsgruppe Weltanschauungen erstellte repräsentative Umfrage 2005 herausfand: Die Entstehung des Lebens ohne Einwirken einer höheren Macht in einem natürlichen Entwicklungsprozess hielten rund 60 Prozent der Befragten für wahr, deutlich mehr als ein Drittel ging von einem biblischen Schöpfungsakt oder einer göttlich gesteuerten Entwicklung aus. Eine von der Universität Düsseldorf 2008 durchgeführte Umfrage unter Studienanfängern zeigte, dass unter angehenden Biologielehrern jeder Achte nicht von der Evolution der Arten überzeugt war.

Als Herz des Darwineums gilt aber die Tropenhalle, welche von einer 10.000 Quadratmeter großen Außenanlage umgeben ist. Hier leben neben Nashornleguanen, Zwergseidenäffchen oder Kattas, einer Primatenart, insgesamt knapp ein Dutzend Große Menschenaffen: Orang Utas und Gorillas. Dieser Abschnitt der „Zeitreise“ durch die biologische und kulturelle Evolution, die das Darwineum möglich machen will, ist zugleich der umstrittenste Teil.

Foto: Zoo Rostock

Die Tropenhalle im Darwineum. Foto: Zoo Rostock/Michael Jungblut

Denn der Psychologe und Tierrechtler Colin Goldner, der Mitte vergangenen Jahres für die Zeitschrift „National Geographic“ alle 38 deutschen Zoos mit Menschenaffen untersuchte, sieht im Darwineum zwar „eine wesentlich Verbesserung der Haltungsbedingungen“ für die Menschenaffen in Rostock. Die frühere Anlage mit ihren bis zu 60 Jahre alten Käfigen habe zu den „katastrophalsten ihrer Art“ gezählt. Einzelne Tiere zeigten „Symptome schwerster psychischer Störungen“ aufgrund der Lebensbedingungen, so Goldner. Da diese Primaten ebenso wie die Menschen über ein Ich-Bewusstsein verfügen, ist „ihnen einfach tödlich langweilig“. Die Nahrungssuche und der Nestbau, die sonst für die notwendige Beschäftigung sorgen, werden ihnen nun auch im Darwineum abgenommen. Goldner: „Sie sind Lebewesen, die sich genetisch und in geistigen, emotionalen und kommunikativen Fähigkeiten nur wenig von uns unterscheiden. Der größte Unterschied zwischen Schimpansen und Menschen ist, dass sie ein paar Haare mehr auf dem Körper haben.“

Er sieht im Darwineum ein „Evolutionsdisneyland“, wo sich der aufklärerische Wert der Anlage in sein Gegenteil verkehre: „Der Mensch wird nicht als Teil der Evolution dargestellt, sondern, wie Religionen jeder Art dies seit je verkünden, als gottgleiche Krone der Schöpfung, befugt, mit Tieren zu verfahren, wie es ihm beliebt.“

„Über die Beschäftigung von Primaten gibt es Glaubenskriege“, sagt Zoodirektor Udo Nagel zur Kritik. Doch das Darwineum arbeite mit dem Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie zusammen und man tue alles, um die Tiere auch intellektuell zu fordern. Nicht nur Werkzeuge und Training seien Teil des Haltungskonzepts. Udo Nagel: „Wir vergesellschaften Gorillas mit Meerkatzen und Orang-Utans mit Gibbons – eine interessante soziale Interaktion.“ Für viel Tageslicht und Rückzugsräume sei gesorgt, der Verzicht auf feste Grundplatten in der Tropenhalle erlaubt die Bewegung auf natürlichem Boden im Innenbereich. Die Außenbereiche sind entsprechend der natürlichen Lebensverhältnisse bepflanzt und mit Sumpfoasen und Kletterlandschaften ausgestattet. Eine Zucht ist zwar vorgesehen, Nachwuchs soll aber nicht erzwungen werden. Nagel verspricht: Sofern sich sonst Defizite zeigen, will man darauf reagieren.

Foto: Zoo Rostock

Menschenaffen: Gorilla Assumbo (l.) und die Gorillafrauen Eyenga und Yene. Foto: Zoo Rostock/Joachim Kloock

Im dritten Gebäudeteil wird schließlich die kulturelle Evolution veranschaulicht, zu der der Werkzeuggebrauch, die Entwicklung der Sprache und die Entstehung der Wissenschaften gehören. Ein „Forschungslabor“ informiert über neue Entwicklungen in der Forschung und versucht, einen Ausblick in die Zukunft zu bieten. Thematisiert wird auch die Stammzellforschung und so schließt sich im Darwineum der Kreis zwischen biologischer und kultureller Evolution: Von der Urzelle als Beginn des Lebens auf unserer Erde bis zur Forschung an Stammzellen, den Keimen aller komplexen Lebewesen.

„Evolution und Gottesfrage – Charles Darwin als Theologe“ Mit einem neuen Buch wendet sich der Religionswissenschaftler Michael Blume gegen die religionskritische Vereinnahmung Darwins. Der im Herder Verlag erschienene Band zeichnet in detailreichen Ausführungen die Gedanken Darwins über die Evolution und die Entwicklung von Religion nach, die im Zuge der Veröffentlichung des Werkes „Über die Entstehung der Arten“ vor rund hundertfünfzig Jahren aufkamen. Im Interview mit diesseits.de sagte Blume, auch überzeugte Darwinisten könnten von einem differenzierteren Blick auf den Begründer der Evolutionstheorie profitieren.

Jedenfalls teilweise, denn Zoogegner wie Goldner und Zoodirektor Nagel bleiben vermutlich unversöhnlich. Nagel betont, durch die Haltung der Menschenaffen auf die Bedrohung der Tiere in ihrer natürlichen Umgebung aufmerksam zu machen. „Sie haben das Recht, auf diesem Planeten zu überleben. Das ist eine Aufgabe, die wir gemeinsam lösen müssen.“ Wenn man die Diskussion über den Schutz der Reservate und die Faszination an den Tieren nicht wachhalten könne, werde es schwieriger für sie und ihre Lebensräume zu werben. Ein Argument, das Goldner auch nicht gelten lässt: „Obwohl sie seit mehr als 150 Jahren in Zoos zur Schau gestellt werden, wird ihr Lebensraum fortschreitend zerstört.“

Aber trotz des Streits ist deutlich: Udo Nagel und Colin Goldner sind sich in einer Sache einig. Nicht nur die Großen Menschenaffen und viele andere Spezies zählen zu den bedrohten Arten – das Wissen und das Verständnis von der biologischen und kulturellen Evolution selbst gehören ebenso dazu. Das Darwineum leistet einen wichtigen Beitrag für die Vermittlung der Evolution: Keine übernatürliche Macht, sondern nur die Natur und unsere eigenen Fähigkeiten haben Einfluss darauf, wie die Welt und unser Lebensraum gestaltet sind.