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Standortbestimmung des Feminismus – Ein Versuch

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Anfangs wollten wir nur wissen, ob der Feminismus am Ende ist oder an einem neuen aufsehenerregenden Anfang steht. Aus dieser Frage ist eine Erkundung der feministisch-emanzipatorischen Szene geworden, sicher nicht allumfassend, aber zumindest das Grundsätzliche berührend. Auf die Formel „Brüste für Menschenrechte oder Menschenrechte statt Brüste“ lässt sich das Thema Feminismus am Ende nicht reduzieren, aber herauslassen kann man diese heute auch nicht mehr.
Freitag, 1. März 2013
Femen 2

Braucht es heute noch Feminismus? | Foto: FEMEN

Die ukrainische Frauenrechtsorganisation FEMEN macht international auf sich aufmerksam, indem ihre Aktivistinnen ihren Körper für Minderheitenrechte in Szene setzen. Diese mediale Selbstinszenierung hat dazu geführt, dass einige Medien über menschenrechtliche Missstände nur dann berichten, wenn diese mit entsprechender Entblößung einhergehen.

Dass das nach hinten losgehen kann, zeigten vier Berliner Politikerinnen der Piraten im Rahmen der bundesweiten Flüchtlingsproteste im vergangenen November. Auf ihre Anfrage, warum über die am Brandenburger Tor protestierenden Flüchtlinge nicht berichtet werde, antworteten Reporter der Springer-Presse, dass man erst dann aktiv werde, wenn – in Anlehnung an die FEMEN-Proteste – nackte Haut zu sehen sei. Daraufhin luden die Piratinnen unter dem Motto „Brüste für Menschenrechte" zu einer Pressekonferenz vor Ort ein und sagten, dass sie sich für die Sache ausziehen würden.

Zahlreiche Fotografen fanden sich daraufhin am Ort des Geschehens ein. Entblößt wurden am Ende die Medien selbst, indem sich die Piratinnen statt mit nackter Haut mit T-Shirts präsentierten, auf denen der Slogan „Menschenrechte statt Titten" stand. Auch das ist Teil des modernen feministischen Protests.

Menschenrechte statt Titten

Die Piratin Anne Helm empört sich über das Verhalten der Medien | Foto: Enno Lenze

Feminismus und der Einsatz für Frauenrechte spielt heute in zahlreichen Zusammenhängen eine Rolle. Der medialen Inszenierung des Körperkults stehen die jungen, wilden Stimmen von Beth Ditto oder Laurie Penny gegenüber, die sich dafür aussprechen, dass Frauen sich so annehmen sollten, wie sie sind. Auf die zunehmende sexuelle Selbstbestimmung der Frau reagiert eine wachsende Menge radikaler Abtreibungsgegner mit aggressiven Kampagnen.

Ein bürgerlicher „Feminismus" hat sich gebildet, der es fortschrittlich nennt, wenn Frauen statt der Karriere die Hausfrauenrolle wählen und Betreuungsgeld erhalten. Die Diskussion, ob in der Wirtschaft Frauenquoten eingeführt werden sollten oder nicht, wird hitzig geführt.

Braucht es heute noch Feminismus? Oder braucht es die feministische Bewegung jetzt vielleicht erst recht? Was wären ihre dringlichsten Aufgaben? Dürfen Feministinnen jedes Mittel nutzen, um auf sich und ihr Anliegen aufmerksam zu machen, oder gibt es Grenzen?

Diese und viele andere Fragen greifen wir in unserer aktuellen Ausgabe auf. Dabei kommen mit Ekin Deligöz, Sarah Diehl, Laura Dornheim, Carola Ebeling, Sonja Eggerickx, Christel Humme, Katja Kipping, Monika Lazar, Ulli Lust, Laurie Penny, Alina Schmitz und Cigdem Toprak Frauen zu Wort, die nicht nur mitten im Leben stehen, sondern sich für Frauen und ihre Rechte stark machen.

diesseits Nr. 102 / 1 - 2013

Die aktuelle Ausgabe kann man hier zum Preis von 4,75 Euro bestellen.