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Ein revolutionäres Leben

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„If I can't dance, I don't want to be part of your revolution.“ Für dieses Zitat ist Emma Goldmann bis heute bekannt. Dass sie auch für die T-Shirt Sprüche „If voting changed anything, they'd make it illegal.“ und „The most violent element in society is ignorance.“ verantwortlich war, ist weniger bekannt. Ihre Autobiografie lädt zum Entdecken eines Lebens für die Emanzipation ein.
Freitag, 1. März 2013
Cover

Emma Goldman war Anarchistin und zwar eine, die jede staubtrockene Kritik an der Praktikabilität von Ideologie als unausweichlich unmenschlich und dogmatisch in den Wind schlug. Schönheit und Luxus – und damit meinte sie Blumen auf dem Tisch und die Beschäftigung mit den Künsten – sei ebenso wichtig wie das Herausgeben von politischen Schriften und der Organisierung von Streiks, sonst macht die Revolution keinen Spaß und vor allem keinen Sinn, das war es, was sie ihren GenossInnen immer wieder sagte.

Emma Goldmann wurde in Russland geboren und wanderte 1886 mit ihrer Schwester in die USA aus. Es dauerte ein paar Jahre bis sie sich ihrer Stärken bewusst wurde, dann gab es kein Halten mehr: Sie verließ ihre mittelmäßige Ehe und ging allein mit einer Nähmaschine als Brotverdienstmöglichkeit nach New York. Dort wollte sie sich den Anarchisten anschließen, von denen sie aufgrund der Hinrichtung von vier Anarchisten nach den Haymarket Riots gehört hatte. Aus diesen Protesten ging der 1. Mai als Arbeiterkampftag hervor. Es ist eben nicht alles nur Symbolpolitik, auch das macht diese Autobiografie deutlich.

Schnell wurde Emma zu einer führenden Persönlichkeit des amerikanischen Anarchismus, bereiste das ganze Land, um ArbeiterInnen aufzuklären und zu mobilisieren. Dabei stand sie den Schriften Kropotkins nahe, der das Prinzip der Enteignung vertrat: Goldman hatte öffentlich Arbeitslose dazu aufgefordert, nach Arbeit zu verlangen. Wenn sie ihnen keine Arbeit geben, sollten sie nach Brot verlangen. Wenn sie weder Arbeit noch Brot erhielten, sollten sie das Brot nehmen.

Noch ein Zitat von ihr, das es bisher noch auf kein T-Shirt geschafft hat: "Women need not always keep their mouths shut and their wombs open." In den Zeiten wie unseren, in denen Frauen der Rückzugs ins angeblich Private, in die Familien- und Liebesarbeit, vermehrt als großzügige Alternative zum allzu harten Wettbewerb um Jobs dargestellt wird, dient eine solche Biografie als Vorbild und Inspiration, denn meine Damen (und Herren), was haben wir zu verlieren?

Goldman begann sich mit Gesundheitspolitik zu beschäftigen und wies der Geburtenkontrolle für Frauen hohen Wert bei. Sie war Verfechterin der Freien Liebe und ging dem in ihrem eigenem Leben entsprechend nach. (Leider entblödet sich Ilija Trojanow im Vorwort der Autobiografie nicht, darauf hinzuweisen, dass Goldmans Wirkung auf Männer sich nicht aufgrund ihres Äußeren erkläre – bei ihm scheinen gerade die Erkenntnisse zur Frauenbefreiung aus Emmas Leben nicht angekommen zu sein). Seit 1906 veröffentlichte Goldman zusammen mit ihrem langjährigen Liebhaber Alexander Berkman die Monatszeitschrift „Mother Earth“, die sich mit dem Tagesgeschehen aus dem anarcha-feministischen Blickwinkel befasste.

Als die Behörden einsahen, dass auch mehrere Gefängnisstrafen – aufgrund ihrer politischen Tätigkeiten – Goldman nicht von ihrer Arbeit abhielt, wurde sie nach Russland deportiert, gerade rechtzeitig zur Russischen Revolution 1917. Trotz der Spaltung der Anarchisten von den Kommunisten auf der Ersten Internationalen wollte sie die Bolschewiki zunächst unterstützen. Aber die Zwangsarbeit und politische Repression, die in der blutigen Niederschlagung des Kronstädter Matrosenaufstandes durch die Rote Armee 1921 mündete, widersprachen ihrer anarchistischen Einstellung und entfremdeten Goldman und die anderen Anarchisten vollends von den Bolschewiki. Sie erkannte noch lange vor dem Stalinistischen Terror, dass Lenins Regime die Ideen der Arbeiterdemokratie der Räte verriet und mit seinen Parteieliten in die Tyrannei führte. Nach einem Zwischenstopp in Frankreich, wo sie ihre Autobiographie und andere Werke verfasste, beteiligte sie sich am Spanischen Bürgerkrieg 1936.

Dass man sich nun mit der Vielseitigkeitvon Emma Goldmans Leben vertraut machen kann, ist dem Nautilus Verlag zu verdanken, der ihre Autobiografie wieder veröffentlicht. In Zeiten der Desillusionierung, wenn Occupy Bewegungen und jede medial geäußerte Kritik auf rein kosmetische Art den Status Quo von Ausbeutung und Ungleichheit begleitet, wirkt ihre über 1.000-seitige Autobiografie keineswegs altbacken. Sie zeigt, was es tatsächlich braucht, um ein revolutionäres Leben zu führen, gerade für Frauen.

Auf Emma Goldsteins Grabstein steht geschrieben „Liberty will not descend to a people, a people must raise themselves to Liberty”. Widerstand ist der Luxus, den wir uns eben neben Blumen, Liebe und Kunst leisten müssen. Danke Emma.

Emma Goldman: Gelebtes Leben. Autobiographie. Aus dem Englischen von Marlen Breitinger, Renate Orywa und Sabine Vetter. Mit einem Vorwort von Ilija Trojanow. Nautilus Verlag 2010. 928 Seiten. 34,90 Euro