Direkt zum Inhalt

Nachgefragt bei…Jutta Hohmann, die den Bundesverband Mediation als Erste Vorsitzende führt.

DruckversionEinem Freund senden
Selbstbestimmt und auf Augenhöhe: Die Rechtsanwältin, Notarin und Mediatorin Hohmann setzt sich für Wege der Konfliktlösung außerhalb des Gerichtssaals ein.
Freitag, 1. März 2013
Foto: privat

Jutta Hohmann. Foto: privat

Der erste gemeinsame Kongress der drei großen Berufsverbände für Mediatoren fand kürzlich in Ludwigsburg statt. Schon durch sein prägnantes Motto – Mediation, Konfliktkultur gemeinsam gestalten – wurde deutlich gemacht, wie wichtig diese Gemeinsamkeit als Ziel für die gemeinsame Sache ist. War es eine schwierige Geburt?

Nein, an sich nicht, aber wir mussten zunächst schon nach Wegen suchen, um zueinander zu finden, weil es unterschiedliche Wertvorstellungen gab. Die BAFM und der BMWA waren von Anfang an auf Professionalisierung und Institutionalisierung von Mediation aus und deshalb fanden sich zunächst in diesen Verbänden vorrangig die an einer beruflichen Perspektive interessierten Akademiker wieder, während der BM eher daran orientiert war, eine aktive „Friedensarbeit“ in den Alltag zu integrieren – und es dauerte schon eine gewisse Zeit bis wir alle merkten, dass es gut ist sowohl das eine wie das andere zu tun und es gemeinsam zu tun. Dieser Prozess, sich auf gemeinsame Aufgaben und Ziele auszurichten, ohne die eigenen Besonderheiten aufzugeben, setzte so um die Jahrtausendwende ein, als man begann, gemeinsame Ausbildungs- und Qualitätsstandards zu diskutieren und zu verabschieden.

Für den BM ist es mir wichtig festzuhalten, dass die zentralen Werte unserer Gründungszeit – wie Frieden schaffen, frei und selbstbestimmt entscheiden und handeln zu können, ehrenamtliches Engagement … – auch weiterhin das Leitbild unseres modernen Berufsverbands prägen.

In welchem Kontext sind die Verbände bzw. die Idee der Mediation überhaupt entstanden?

Die BAFM und der BM sind 1992 und der BMWA ist 1996 gegründet worden. Die Gründer und Gründerinnen des BM damals waren ein kleiner Kreis von 10 Menschen aus der Friedens- teilweise auch aus der christlichen Friedensbewegung, für die Mediation der Weg war, Friedensarbeit im Alltag zu integrieren. Sie waren vorher in den unterschiedlichsten Ländern tätig gewesen, hatten Projekte in Nordirland geleitet und betreut, kannten Non-Profit-Organisationen der Friedens- und Eine–Welt-Bewegung seit Jahren und waren Teil dieser gesellschaftspolitischen Bewegung. Die Methode ‚Mediation‘ wollten sie auch in Deutschland bekannt machen und einem breiten Publikum als Alltagswissen zur Konfliktbearbeitung zur Verfügung stellen

Mediationskongress 2012

Etwa 700 Teilnehmende verfolgten aufmerksam die Beiträge zur Zukunftsfähigkeit der Mediation als Konfliktlösungsansatz | Foto: Kongressbüro

Apropos Berufsverband, habe ich es auf dem Kongress richtig verstanden, dass die Initiative zur Vereinheitlichung, vor allem der Ausbildungsstandards, von den Rechtsschutzversicherungen ausging?

Nein, das machen wir schon lange selbst. Schon seit Mitte der 90er Jahre gab es in allen Verbänden Menschen – und dazu gehörte ich von Anfang an auch selbst - die nicht mehr wollten, dass wir alle so getrennt vor uns hinwurschteln, sondern wir hatten das Ziel, dass wir zusammenwachsen. Es gibt in allen Verbänden Mehrfachmitglieder, so gehöre ich auch der BAFM an und war bei der Gründung des BMWA dabei. Ein Resultat dieses Annäherungsprozesses ist beispielsweise die gemeinsame Anerkennung der Ausbildungsqualifikationen ab 2008; ähnlich arbeiten wir seitdem auch mit den Verbänden aus der Schweiz und Österreich zusammen. All das war passiert, bevor Vertreter aller drei Verbände dann gemeinsam in einer Expertenkommission des Bundesministeriums für Justiz im Rahmen der Debatten um ein Mediationsgesetz teilnahmen und quasi wie aus einem Munde argumentiert haben oder bevor Versicherungsunternehmen an uns herantraten, um gemeinsame Interessen zu evaluieren. Sicherlich hat das gemeinsame Agieren uns geholfen, dass wir – beispielsweise beim Mediationsgesetz - sehr viel haben mitgestalten können und das gilt natürlich für die Zukunft umso mehr.

Betrachtet man die von Ihnen beschriebenen Prozesse, scheint der Eindruck, Mediation sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen, zu stimmen. Was macht Mediation im Sinne einer neuen Konfliktkultur heute immer attraktiver?

Einerseits sind es natürlich ökonomische Vorteile, die für einen vermehrten Einsatz von Mediation sprechen, weil sie zu einer wesentlichen Kostenreduzierung in Wirtschaft und im Prozesswesen beitragen kann. Andererseits wollen immer mehr Menschen selbstbestimmt und auf gegenseitiger Augenhöhe ihre Konflikte lösen, statt sie an andere Institutionen zu delegieren. Vor allem aber trägt Mediation mit dazu bei, dass Konfliktlösung weniger Leid verursacht. In gerichtlichen Verfahren, die teilweise über lange Zeiträume gehen können, werden die Betroffenen immer wieder mit dem Anlass und den damit zusammenhängenden negativen Gefühlen konfrontiert, da sie sich immer wieder mit den „bösen“ Schreiben der Juristen auseinandersetzen müssen. Die juristische Umgangssprache in solchen Verfahren ist keineswegs nett oder deeskalierend, während in der Mediation gleich von Beginn an mit einer akzeptierenden Haltung und wertschätzenden Sprache gearbeitet wird.

Zum Schluss: Was wünschen Sie sich persönlich für die kommenden Jahre hinsichtlich der Verbandsarbeit und der allgemeinen Entwicklung von Mediation?

Einen weiteren gemeinsamen Kongress und eine zunehmend gemeinsam gestaltete Arbeit aller europäischen Verbände – dafür würde ich mich noch gerne engagieren!