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Wie läuft die denn rum?

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Deutschland spricht seit einigen Wochen über „Sexismus“, der an deutschen Arbeitsplätzen, Universitäten und im privaten Umfeld herrsche. Der Fall Brüderle, der die Debatte ausgelöst hat, zeigt selbst kein Sexismus-Problem auf. Sexismus existiert dennoch im deutschen Alltag. Dieser richtet sich paradoxerweise nicht gegen Frauen, sondern gegen ihre Weiblichkeit. So sind Frauen nicht nur Opfer, sondern vor allem auch Täter. Ein Aufschrei.
Freitag, 1. März 2013
Foto: Shutterstock

Die deutsche Version des Sexismus-Problems richtet sich an die Weiblichkeit der Frau. Foto: Shutterstock

Gehen wir zurück zum Artikel, der den ganzen Aufschrei in Deutschland ausgelöst hat. Eine Frau wird in Deutschland an einer Bar von einem Politiker „angemacht“. Bei dem Opfer handelt es sich um eine Journalistin, die sich von den sexuellen Anspielungen belästigt fühlt und auf eine professionelle Beziehung mit dem Herrn besteht.

Wenn Rainer Brüderle homosexuell wäre und an der gesagten Bar einen männlichen Journalisten „angemacht“ hätte, gäbe es dann heute auch einen Aufschrei? Dass es sich hier um sexuelle Belästigung handelt und nicht ums einfache „Flirten“ ist offensichtlich: nur ist das kein Fall von Sexismus. Vielmehr sind die Reaktionen sexistisch.

Frauen twittern von ihren Erlebnissen, in denen sie sexuell belästigt wurden und berichten von sexistischen Kommentaren der männlichen Spezies. In beiden Fällen zeigen sie sich als Opfer, was sie in jenen Vorfällen ja auch sind. Mich würde es aber interessieren, mit welchen Mitteln sie sich dagegen wehren, um aus der Opferrolle zu entkommen.

Eine Debatte über das Soziale Netzwerk Twitter auszulösen, ist ein Mittel, um gegen sexuelle Belästigungen und sexistische Äußerungen oder gar eine tiefe sexistische Haltung in unserer Gesellschaft in die Öffentlichkeit zu bringen. Ein Tabubruch ist es aber nicht. Nur ist es ja in der deutschen Gesellschaft nicht so, dass solche Fälle nicht für Empörung sorgen würden. Es besteht also ein gesamtgesellschaftlicher Konsens, wenn eben diese Grenzen überschritten werden.

Es existiert in Deutschland eine Bandbreite an Möglichkeiten, sich gegen sexuelle Belästigungen zu wehren. Im härtesten Fall wird man als Frau auch bei der Polizei ernst genommen- und das Erstatten einer Anzeige bleibt niemandem verwehrt.

Bis zu diesem Schritt sollten allerdings Frauen aber sehr wohl in der Lage sein, sich mit Worten gegen unangenehme Kommentare und Handgreiflichkeiten zu wehren. Dies trifft auch bei sexistischen Bemerkungen zu. Dafür brauche ich als Frau keinen „großen Bruder“ in Form eines Staates oder einer Betriebsversammlung, um bestimmt „Nein“ zu sagen. Das ist eine Errungenschaft, die wir zu schätzen und zu pflegen wissen sollten. Frauen sollten selbstbewusster auftreten, auch mit Minirock.

Eine Bundeskanzlerin sollte uns nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass es in Deutschland Frauen in jede Position schaffen. Sie können sehr wohl, aber dass Frauen insbesondere in Führungspositionen „Mangelware“ sind, ist auch eine Mentalitätsfrage. Eine Frau, die in Deutschland ernst genommen werden möchte – in der Wissenschaft, in der Politik oder im Unternehmen – sieht sich fast gezwungen, ihre Weiblichkeit zu verstecken, ihre Haare unfrisiert und kurz zu halten, ein blasses Gesicht zu haben, also alles, um nicht als „Dummchen“ oder „Tussi“ abgestempelt zu werden. Das zeigt auch Angela Merkel.

Männer, keine Panik, hier seid ihr nicht als einzige Täter genannt. Nein, es sind vorsätzlich Frauen, die hochgradig sexistisch sind – gegenüber anderen Frauen.

Ein Blick über den Tellerrand

In der Türkei herrschen traditionelle Rollenbilder. Fast täglich wird eine Frau tot aufgefunden, weil ihr „Männergewalt“ zugefügt wird, wie türkische Medien Gewaltverbrechen gegen Frauen mittlerweile bezeichnen. Dies hängt mit religiösen und kulturellen Werten zusammen, die ein Problem mit der Sexualität der Frau haben und versuchen, diese zu kontrollieren und über Frauen zu dominieren.

Interessanterweise hat die Türkei aber in jenen aufgeklärten und modernen Gegenden Istanbuls und in Izmir kein Problem mit Frauen in Miniröcken und vor allem in Führungspositionen. So sind zwölf Prozent der Vorstandsmitglieder in der Türkei weiblich und das Land nimmt zusammen mit Norwegen den zweiten Platz im Corporate Gender Gap Report des World Economic Forum aus dem Jahr 2010 ein. Finnland ist Spitzenreiter mit 13 Prozent Frauen in der Führungsebene. Der weltweite Durchschnitt liegt bei knapp fünf Prozent. Deutschland liegt mit 3,2 Prozent Frauen in Führungspositionen sogar weit darunter.

Wenn man eben jene türkischen Frauen betrachtet, verstecken sie nicht ihre Feminität – was auch keinen Widerspruch zu ihren fachlichen Kompetenzen und ihren Führungsqualitäten darstellt.

Eine 19-jährige Familienbekannte, die in einem kleinen Dorf in der Nähe der anatolischen Provinz Erzincan lebt, erzählte mir, dass sie in der gleichnamigen Stadt kein kurzes Kleid anziehen könne. Abgesehen davon, dass die Stadt weit konservativer als das 300-Personen Dorf ist, aus dem meine Bekannte kommt, wird sie dort als Freiwild gesehen. „Ich darf das Kleid nur im Dorf anziehen“, sagte sie mir. Die männlichen Dorfbewohner akzeptieren ihre Weiblichkeit, sie sehen ihre Reize, respektieren sie aber als Nachbarin und Verwandte. Als ich im Dorf meiner Familie letztes Jahr zu Besuch war, fragte ich meine Tante, ob ich als Frau grundsätzlich in das örtliche Internet-Café gehen dürfe. Sie antwortete mir: „Selbst wenn es sich nicht gehören würde, du gehst hin. Was ist bitte dabei?“ Und ich ging selbstbewusst in das Café, in dem nur Männer saßen, wieder vorbei an dem Dorf-Café, in dem ebenfalls nur Männer ihre „Cays“ tranken.

Aufgeklärte und moderne türkische Frauen, die ihre Rechte kennen, sind weit selbstbewusster als hierzulande. Sie steigen absichtlich mit Minirock in einen mit Männern überfüllten Bus ein. Es soll heißen „Schaut her, ja, ich bin eine Frau, ja, ihr seht meine nackte Haut, aber nein, ihr dürft mich nicht anfassen, ihr dürft mich nicht anmachen.“ Wenn man angemacht wird, dann werden schnell Grenzen gezogen.

Hausgemachtes Sexismus-Problem

In Deutschland herrschen bereits demokratische Werte, die die gleichberechtigte Stellung der Frau in der Gesellschaft sichern. Die deutsche Version des Sexismus-Problems richtet sich an die Weiblichkeit der Frau und wird vorrangig von Frauen selbst verursacht. Neid und Missgunst dominieren den deutschen Alltag unter Frauen. Bemerkungen und Haltungen wie „Wie läuft die denn rum?“, „Wieso hat sie so viel Makeup?“ und „Sie hat sich bestimmt hochgeschlafen.“ sind nicht nur sexistisch, sondern eben gefährlich.

Die Forderung „Frauen an die Macht“ nützt hier wenig und ist zudem sexistisch. Es veranschaulicht den Vorwurf, Männer seien nicht in der Lage, Frauen als Kollegen oder Mitarbeiter respektieren zu können. So ist es eine Illusion zu meinen, dass es mit Frauen in Führungspositionen nicht zu Sexismus und zu sexueller Belästigung kommen würde. Solange kein Wandel bei der Haltung der Menschen stattfindet, werden eben Werte weitergelebt – sowohl von Frauen als auch von Männern. In Machtpositionen sind sich Geschlechter ähnlicher als man ahnt.

Wenn nun in deutschen Unternehmen und in der Politik nur jene Frauen, die äußerlich Männern ähneln, ernst genommen werden können, dann werden eben solche, die sich „fraulich“ anziehen, als „inkompetent“ abgestempelt. Frauen sollten untereinander solidarischer sein. Es hilft wenig, über Twitter ihre Erlebnisse zu teilen und sich als „schwaches“ Opfer aufzuzeigen, sondern mehr, sich im Alltag für sich selbst und andere einzusetzen.

Kommentare

Wie läuft die denn rum? -- Über den Tellerrand

Nur eine Kleinigkeit:
Ich zitiere: "Dies hängt mit religiösen und kulturellen Werten zusammen, die ein Problem mit der Sexualität der Frau haben und versuchen, diese zu kontrollieren und über Frauen zu dominieren."
Das hört sich so an, als ob der (türkische) Mann u. U. ein Problem mit der Sexualität der (türkischen) Frau hätte. So ist es aber wohl nicht: Er hat u. U. ein Problem mit seiner eigenen Sexualität, diese 'religiösen und kulturellen Werte' haben, falls, dann ein Problem mit der Sexualität des Manns und keineswegs der Sexualität der Frau.
Vergleichen wir mit den Antisemiten. Die haben ja bekanntlich auch kein Problem mit den Juden, sondern ein Problem mit sich selbst. Die Juden können ihnen nicht helfen, auch dadurch nicht, dass sie beispielsweise entsetzlich zuvorkommend sind und etwa nette Diskussionsrunden vorschlagen. Ebensowenig können die Frauen den Männern bei ihren Männerproblemen helfen, weder verschleiert noch unverschleiert. Aber nichts anderes sagt ja auch Ihr Artikel.

Robert A.

Ich kann mich nur

Ich kann mich nur anschließen: der Kommentar von Robert A. bringt das Problem besser auf den Punkt, als der Artikel, dem ich dahingehend widersprechen muss, als dass er sexistische Strukturen unerwähnt lässt, die bereits von vornherein dazu führen, dass Frauen eben nicht selbstbestimmt und selbstbewusst allzeit schlagfertig auf Übergriffe reagieren (können) und in dem ferner übersehen wird, dass dies auch nicht das Ziel sein sollte, sondern vielmehr das Unterbleiben von Übergriffen. Die Diskriminierung von Frauen ist kein "selbstgemachtes" Frauen-Problem...

an Robert A.

Very nice comment.

Juergen H.