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Von Brüsten, Körperkunst und trans*normalen Dingen des Alltags

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Der Begriff „Feminismus“ ist ebenso vage, wie er weit ist, heißt es. Aber stimmt das? Befasst sich Feminismus in gleichem Maße mit Ausbeulung wie mit Ausbeutung? Thematisieren Feminist_innen Bestimmtheit ebenso wie Bestimmung. Wird im feministischen Diskurs Unterdrückung Unterschätzung gegenüber gestellt? Und ist Körperlichkeit ein feministisches Tabu oder gerade nicht? Zahlreiche Neuerscheinungen gehen diesen Fragen nach. Die Feministin und Sexualpädagogin Alina Schmitz hat sie gelesen.
Freitag, 1. März 2013
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Goedele Liekens: Das Vagina-Buch. Aus dem Belgischen von Wibke Kuhn. Heyne-Verlag. 240 Seiten. 9,99 Euro.

„Let's talk about vaginen!“ Diese Aufforderung an sich selbst und die Mitmenschen liefert Das Vagina-Buch von Goedele Lieskens. Auf 240 überraschend offenherzigen Seiten erfährt mensch alles, über das primäre, weibliche Geschlechtsorgan. Eins sei vorab bemerkt: Das Buch fasziniert! Verklemmte Äußerungen zur Biologie findet mensch hier nicht. Stattdessen werden praktische Fragen, Erfahrungen und Geschichten von Frauen für Frauen und Männer erzählt! Dabei bleibt kein vermeintliches Tabu unangetastet! Die Autorin fordert auf, die Scham vor der eigenen Nacktheit abzulegen und eine positive Bindung zur Vagina zu entwickeln, etwas, indem sie das individuelle Aussehen der Vagina eindrucksvoll illustriert. Zugleich werden brauchbare Anleitungen zur Wahl von Verhütungs- und Pflegemitteln abgebildet. Von dem neuen Wissen Gebrauch zu machen, ist dezidiert erwünscht. Dies gilt auch für die vorgestellten Sex-Spielzeuge für die eigene Spielwiese sowie die Tipps für den Spaß allein, zu zweit, zu dritt … Das Vagina-Buch macht Lust auf sich selbst und unterhält dank zahlreicher ästhetisch anspruchsvoller Bilder. Wussten Sie bspw., dass manche Blüten Ähnlichkeit mit einer Vagina haben? Goedele Lieskens Buch ist eine Liebeserklärung an den eigenen Körper.

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Susie Orbach: Bodies. Schlachtfelder der Schönheit. Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann. Arche-Verlag. 200 Seiten. 14,95 Euro.

Wer aktuelle Schönheitsideale diskutiert, kommt an Susie Orbachs Bodies – Schlachtfelder der Schönheit nicht vorbei! Kein vergleichbares Buch setzt sich so umfassend und gesellschaftskritisch mit dem Einfluss von Medien auf Körperbilder und -ideale von Männern und Frauen und ihren Konsequenzen auseinander. Ausgangspunkt ihrer Erkundung der Schlachtfelder der Schönheit sind Fragen wie Wer definiert heute, wie ein Mensch auszusehen hat? Und wie stark beeinflusst das Aussehen unsere Psyche? Die feministische Psychotherapeutin Orbach erläutert eindrucksvoll, welche Rolle der Körper in  unseren modernen Gesellschaften spielt. Dabei greift sie auf Theorien der Psychoanalyse nach Sigmund Freud zurück. Anhand von Extrembeispielen und Erfahrungen aus ihrer psychologischen Praxis stellt sie Ausdrucksformen von Körperunzufriedenheiten und die verzweifelte Suche nach vermeintlichen Lösungen vor, angefangen von der Schönheitschirurgie bis hin zu Geschlechtsumwandlungen. Das Buch skizziert den psychologischen Weg zur Akzeptanz des eigenen Körpers, der, beeinflusst von gesellschaftlichen Normen und visueller Kultur, an seinem Wachsen gehindert wird. Orbach gibt in ihrer Erkundung äußerst umfangreiche Anstöße zur Reflexion des eigenen Denken und Handelns, ohne aber vorzuenthalten, dass letztendlich jeder Mensch für sich selbst die Frage beantworten muss, was genau dieser Körper ist, in dem mensch zu leben versucht.

Lambert Ziegler: Brüste

Paula Lambert & Robert Ziegler: Brüste - Das Buch. Die Kulturgeschichte des Busens in allen gesellschaftlichen Facetten. Verlag Rogner & Bernhard. 320 Seiten. 29,95 Euro.

Beschreibt Orbachs Bodies die grundsätzlichen gesellschaftlichen Einflüsse auf Körperbilder, nähern sich Paula Lambert und Helmut Ziegler in ihrem Buch Brüste dem Thema mit einer vielmehr weiblich-emanzipatorischen Herangehensweise. Schon das Vorwort verblüfft mit seiner schonungslosen Offenheit, indem die Autorin „Die Geschichte meiner Brüste“ zum Besten gibt. Lambert und Ziegler führen faszinierend durch die Entwicklungs- und Kulturgeschichte der Brüste und liefern hierbei fast nebenbei eine Kritik der bestehenden weiblichen Körperkultur. Darüber hinaus kommen Menschen mit Sinn für Körperkunst hier ganz auf ihren Geschmack – eindrucksvolle Zeichnungen dokumentieren „Eine kleine Geschichte der Kunst in 79 Brüsten“. Eingeführt von surrealen, entspannten, unerreichbaren und umkämpften (Titel der Kunstwerke) Abbildungen weiblicher Akte, endet das Buch mit einem ausgedehnten Lexikon-Anhang von „A bis Doppel-D“ – mit nützlichen Informationen für Männer und Frauen und findet – das verspricht der Klappentext nicht ohne Grund – auf alle Fragen zum Thema Antworten. Auch auf Fragen, die wir vorher vielleicht nie hatten.

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Schwarzbuch Feminismus. Vom Mythos der erreichten Gleichberechtigung. Gütersloher Verlagshaus. 176 Seiten. 17,99 Euro.

Die oben genannten Lektüren geben Beispiele für praktische Umsetzungen emanzipatorischer und körperbezogener Denkweisen. Wer einen Überblick der theoretischen Grundlagen der gegenwärtigen, feministischen Bewegungen bekommen möchte, findet in Ursula Cabertas Schwarzbuch Feminismus sowie in Silvia Federicis Aufstand aus der Küche zwei solide, wenngleich grundverschiedene Angebote. Caberta und Federici veröffentlichten im vergangenen Jahr fast zeitgleich ihre Bücher, in denen sie sich mit einer feministischen Theorie eines modernen Feminismus bzw. Postfeminismus auseinandersetzen. Beide versuchen die vergangenen feministischen Debatten zu bilanzieren und der Frage nach zu gehen, wo die Frau in der heutigen Gesellschaft steht. Und dennoch können beide Bücher unterschiedlicher nicht sein. Während Caberta aus der Perspektive der Politikerin argumentiert, tritt Federici als Intellektuelle auf. Dies entspricht auch den Erfahrungen der beiden Autorinnen. Ursula Caberta war lange Zeit die Vertreterin der Hamburger SPD im städtischen Ausschuss für die Gleichberechtigung der Frau. Sie beschreibt in ihrem Werk die Rolle der Frau mit bürgerlich-kritischer Haltung. Die Denkerin Silvia Federici rückte seit den siebziger Jahren weibliche Reproduktionsarbeit ins Zentrum politischer Debatten. Sie stellt in ihrem Buch die Rolle der Frau in den Kontext des globalen Kapitalismus und stützt sich dabei auf die Grundlage radikaler marxistischer Haltungen.

Schwarzbuch Feminismus greift im Untertitel den „Mythos der erreichten Gleichberechtigung“ auf. Dem wird die Autorin gerecht, indem sie nachhaltig die Erfolge feministischer Bestrebungen in den 1960er und 1970er Jahren skizziert, zugleich aber deutlich macht, dass trotz gesetzlicher Gleichstellung von Mann und Frau im arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Raum weiterhin Chancenungleichheit herrscht. Caberta versucht auch, die „moderne Feministin“ zu finden, aber die von ihr ins Feld geführten Persönlichkeiten wie Heidi Klum, Charlotte Roche oder Daniela Katzenberger sind nicht viel mehr als eine schlechte Provokation. Nicht zuletzt rechnet sie mit einigen bedeutenden Frauen, natürlich auch mit Alice Schwarzer, ab und wirft die weithin bekannten Probleme der Quotenreglung und des „Mutterseins“ auf. Insgesamt aber sind Cabertas Aussagen zu pauschal und vorhersehbar, als dass dieses Buch mehr liefern würde als einen Überblick.

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Silvia Federici: Aufstand aus der Küche: Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution. Aus dem Italienischen von Max Henninger. Edition Assemblage. 128 Seiten. 9,80 Euro.

In einem nahezu unverkennbaren Kontrast stellt Silvia Federici die „Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution“ vor. So verheißt es schon der Untertitel von Aufstand aus der Küche. Das Buch ist der erste Band der neuen Buchreihe Kitchen politics – queerfeministische Interventionen, die von der gleichnamigen Gruppe in der Edition Assemblage herausgegeben wird. Diese knüpft an die Grundgedanken des materialistischen Feminismus der siebziger Jahre an. Das selbst gesteckte Ziel – queerfeministische Politik und Ökonomiekritik stärker zu verbinden – geht in ihrem ersten kompromisslosen Band vollkommen auf! In Anlehnung an sozialistische und kommunistische Feministinnen wie Clara Zetkin und Alexandra Kollantai sowie einer hellsichtigen Darstellung des Verhältnisses von Marxismus und Feminismus zieht Federici fließend Rückschlüsse auf aktuelle sozialpolitische Konfliktpunkte in der heutigen, kapitalistischen Gesellschaft. Ihre drei kompakten Essays auf insgesamt 130 Seiten sind keine einfache Lektüre, jedoch für geschichts- und politikinteressierte Menschen eine überaus anregende Herausforderung. Ein Buch, das seinem Anspruch gerecht wird.

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kollektiv sternchen und steine: Begegnungen auf der Trans*fläche. Edition Assemblage. 127 Seiten. 9,80 Euro.

Vom gleichen Verlags-Kollektiv wird mit Begegnungen auf der Trans*fläche ein ausgesprochen einzigartiges Werk herausgegeben, das „76 queere Momente des trans*normalen Alltags“ reflektiert. Mit einem auffallend direkten Vorwort zur Anerkennung von sexueller Vielfalt und sexuellen Identitäten, geben die Autor_innen mit dieser Zusammenstellung, Einblicke in Situationen des Alltags jenseits definierter Geschlechterzugehörigkeiten. Die reflektierten Geschichten und Bilder sind lustig und meist mit einem Augenzwinkern erzählt, wenngleich sie für die Protagonist_innen mitunter scham- bis konfliktbehaftet waren! So diffus diese Geschichten im Einzelfall zu lesen sind, stellen sie Realität im trans*normalen Alltag dar. Das politisch-korrekte Bewusstsein der Leser_innen verhindert immer wieder das Schmunzeln über die wiedergegeben Situationen. Dann gilt es, sich klar zu machen, dass die Artikel zuletzt auch verfasst wurden, um aus dem Schatten normativer Lebenssituationen zu treten und für eine Akzeptanz durch Offenheit einzustehen! Eine locker, leichte und herrlich amüsierende Lektüre off the record kann da nur einen positiven Beitrag leisten!

Sämtliche Bücher verbindet bei aller Unterschiedlichkeit das Anliegen, einen Teil zu der längst überfälligen Debatte um einen neuen Feminismus beizutragen, sei es zum theoretischen Hintergrund oder dem praktischen Aktionismus. Insofern verändern sie unseren Blick im Alltag und stehen maßgeblich für einen neuen Zeitgeist feministischer Diskussions- und Aktionskultur!