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PARADIES-Trilogie Liebe, Glaube, Hoffnung

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Als erster Filmemacher wurde der Österreicher Ulrich Seidl innerhalb eines Jahres mit drei verschiedenen Filmen zu den drei wichtigsten Europäischen Filmfestspielen in Cannes, Venedig und Berlin eingeladen. Im Rahmen einer Sondervorstellung bei der Berlinale konnte man die drei Filme erstmals am Stück sehen.
Freitag, 15. Februar 2013
Foto: Manfred Werner / Wikimedia / CC-BY-SA

Ulrich Seidl bei der Verleihung des Österreichischen Filmpreises 2013 in Wien. Foto: Manfred Werner / Wikimedia / CC-BY-SA

Dem österreichischen Regisseur Ulrich Seidl ist mit seiner PARADIES-Trilogie Liebe, Glaube, Hoffnung etwas Einmaliges gelungen. Mit dem ersten Teil seines Tryptichons von der Suche nach Liebe war Ulrich Seidl(Hundstage, Import/Export) im vergangenen Jahr in Cannes zu Gast, mit dem zweiten Teil gewann er wenige Monate später den Spezialpreis der Jury bei den Filmfestspielen in Venedig und Teil drei lief bei der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb. Am Mittwoch fand in der Akademie der Künste in Berlin eine Weltpremiere statt. Erstmals waren alle drei Teile der Trilogie am Stück zu sehen. Fünfeinhalb Stunden Seidl-Kino waren nicht nur eine physische Herausforderung, sondern ein einmaliges cineastisches Erlebnis.

Seidl erzählt in seiner Filmtrilogie die Geschichte dreier Frauen, die versuchen, der inneren Einsamkeit zu entkommen. Ursprünglich wollte er nur einen Film drehen, am Ende wurde es die Trilogie. In PARADIES: Liebe, seit dem 3. Januar in Deutschland in den Kinos, erzählt Seidl die Geschichte der 50-jährigen Teresa (grandios gespielt von Margarethe Tiesel), die als Sextouristin nach Kenia fährt, um dort die Liebe zu genießen, die sie in Deutschland aufgrund ihrer Figur jenseits der Schönheitsnormen nicht mehr bekommt.

Bild: Pressefoto

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Wir beobachten Teresa, wie sie ebenso naiv wie berechnend in Stundenhotels und armselige Behausungen mitgeht, um sich dort von jungen Afrikanern (allesamt Laien) verwöhnen zu lassen. Dieser Auftakt der Trilogie ist ein Lehrstück über die Funktionalitäten auf dem globalen Markt der Libido und stellt zugleich unser Bild, wer über wen Macht ausübt, kongenial-schockierend auf den Kopf.

Zum Film Ausführliche Rezension auf diesseits.de: „Tatschi, tatschi“ – Lektionen einer Sextouristin

Die Schwester von Teresa, die fanatische Katholikin Anna, steht im Mittelpunkt von PARADIES: Glaube, dem zweiten Teil der Trilogie, der am 21. März in die deutschen Kinos kommt. In dem bis zur Schmerzhaftigkeit unter die Haut gehenden Film trägt die tiefgläubige Anna die Botschaft Christi als missionarische Wandermuttergottes-Austrägerin engagiert unters Volk. Mit ihrer Gebetsgruppe „Legio Herz Jesu“ („Wir sind die Speerspitze des Glaubens. Wir sind die Sturmtruppe der Kirche.“) will sie erreichen, dass Österreich „wieder katholisch wird“. So zieht sie von Haus zu Haus und versucht, die Menschen zum „wahren Glauben“ zu bekehren.

Bild: Pressefoto

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Maria Hofstätter führt als Anna in grandioser Manier die verzweifelte Doppelmoral dieser Erzkatholikin vor, die einerseits jeder körperlichen Liebe abgesagt hat und die sexuelle Begegnung von Menschen verteufelt, andererseits aber eine geradezu körperliche Beziehung mit dem Gekreuzigten führt. Um fremde Sünden zu sühnen, peitscht sie sich, vor einem Kruzifix knieend, aus und robbt betend durch ihre mit Sakramenten und Kruzifixen vollgestopfte Wohnung. Nachts reibt sie sich erregt am Kruzifix. Bis zur Selbstaufgabe füllt Hofstätter diese ambivalente Rolle aus und verkörpert den religiösen Wahn dieser fanatischen Christin in Perfektion. Fassungslos wohnen die Zuschauer diesem grenzenlos extremen Treiben bei und erleben eine Frau, die in der verzweifelten Sehnsucht nach Liebe der Welt entflieht.

In die Welt zurück holt sie ihr ägyptischer Ehemann Nabil, beeindruckend gespielt von dem Laienschauspieler Nabil Saleh, der nach zwei Jahren in seiner Heimat plötzlich wieder in ihrer Wohnung auftaucht. Seit einem Unfall sitzt er im Rollstuhl und ist auf die Hilfe seiner Frau angewiesen. Der gläubige Muslim fordert, dass sie sich nicht nur pflegerisch um ihn kümmert, sondern auch ihren ehelichen Pflichten nachkommt. Doch Anna ist längst vergeben. Ihre Liebe gehört allein Jesu Christi. „Jesus, es ist schön, in deine Augen zu schauen. Du bist so ein schöner Mann, der schönste, den’s gibt. Ich bin so glücklich, seit wir eine Beziehung haben“, säuselt sie dem an die Wand genagelten Kreuz eines Abends entgegen.

Bild: Pressefoto

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Zwischen den Eheleuten Anna und Nabil entwickelt sich das, was man nicht anders als die Hölle einer gescheiterten Ehe nennen kann. Ulrich Seidl führt hier vor, wohin die katholische Moral führt, in der Ehen für immer halten müssen. Diese Moral führt direkt in den Krieg, der ein Krieg der Geschlechter, der Ehre und der Kultur ist. In diesem Krieg wird heißblütig geschrien und eisig geschwiegen, Türen werden geschmissen und abgeschlossen, Menschen werden drangsaliert und bedrängt. Dieses Paradies des fanatischen Glaubens, dies macht Seidl deutlich, ist die Hölle. Metaphorisch überträgt Seidl diese Steigerung der Auseinandersetzung zweier religiöser Hardliner auf das Wetter, dass Anna entgegenschlägt, wenn sie mit ihrer Wandermuttergottes loszieht. Scheint am Anfang noch die Sonne, sind am Ende dunkle Wolken und ein Unwetter aufgezogen.

Katholische Hardliner hatten im vergangenen Jahr versucht, Seidls Wettbewerbsbeitrag in Venedig als blasphemisch zu skandalisieren und forderten den Ausschluss aus dem Wettbewerb. Ein Irrsinn, wie auch die Jury mit ihrer Ehrung des Films bekannte. Denn der katholisch sozialisierte und keineswegs antireligiöse Seidl betreibt mit diesem Film keine Gotteslästerung, sondern entblößt in eindrucksvollen Bildern nicht mehr und nicht weniger den fanatisierten Glauben, der einen Teil der Wirklichkeit darstellt.

Mit PARADIES: Hoffnung, dem letzten und leider auch schwächsten Teil der Trilogie, schließt sich deren erzählerischer Kreis. Die Hauptfigur ist hier die 13-jährige Melanie (Melanie Lenz), die in einem Diät-Camp ihre überflüssigen Pfunde loswerden soll. Gemeinsam mit einem Dutzend anderer übergewichtiger Teenager soll sie in den Ferien Selbstdisziplin erlernen, um erfolgreich und nachhaltig abzuspecken.

Bild: Pressefoto

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Doch die Heranwachsenden haben alles andere im Kopf als sich selbst zu disziplinieren. Vielmehr wollen sie sich, ihrem Alter gemäß, ausprobieren. Sie unterhalten sich über Klamotten und ätzende Eltern, trinken und rauchen heimlich, tauschen tapsig-hilflos feucht-schlabbrige Küsse aus, offenbaren sich ihre Liebesfantasien und wer kann, prahlt mit den ersten sexuellen Erfahrungen.

Buch zur Trilogie Im Verlag Hatje/Cantz ist ein bemerkenswerter Bildband mit großformatigen Tableaus aus der Seidl-Trilogie erschienen, die direkt aus dem 16mm-Filmmaterial herausgezogen wurden. Sie zeigen Bildeinstellungen und Szenen aus den drei Filmen und geben in ihrer fotografischen Wirkung einen beeindruckenden Einblick in die Bildästhetik und -struktur von Ulrich Seidls Filmen. Ulrich Seidl: 
Paradies 
Liebe | Glaube | Hoffnung. Mit Texten von Helene Hegemann, Elfriede Jelinek, Ulrich Seidl u.a. Verlag Hatje/Cantz 2013. 180 Seiten. 35,- Euro

Melanie begegnet in dem straff organisierten Camp aber auch ihrer ersten großen Liebe, dem 40 Jahre älteren Arzt und Leiter des Camps (Joseph Lorenz). Zwischen Sporteinheiten, Ernährungskursen und Teenagergesprächen sucht sie diesen immer wieder auf, um ihm nahezukommen. Was ihre Mutter in Kenia und ihre Tante im fanatischen Katholizismus sucht, meint Melanie in dessen Augen zu finden. Doch auch sie wird enttäuscht von der Liebe, dem Glauben und der Hoffnung. Der angehimmelte Arzt wird ihr Begehren nicht erwidern, sondern sich vom warmherzigen und zugewandt vertrauten Arzt – durchaus mit Grenzüberschreitung – zum abweisend-strengen Campleiter entwickeln. Diese Geschichte besitzt auch in der Kompaktvorführung ihre eigene, besondere Dramatik, denn mit der 13-jährigen Melanie trifft die Härte des Lebens eine nahezu schutzlose Person.

Bild: Pressefoto

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Seidls Trilogie ist ein cineastisches Meisterwerk, weil die Filme, wie die Romane von Roberto Bolaño oder Philip Roth, sowohl als einzelne Werke als auch als Kompaktpaket funktionieren. Dabei entwickeln sie eine erzählerische Dynamik, der man sich nicht entziehen kann. Das einmalige Ereignis der Kompaktvorführung lässt die erzählerischen Brücken und Parallelitäten in Gänze begreifen, die beim einzelnen Ansehen der Filme mit wochenlangen Unterbrechungen verloren gehen. Der Bogen, der die drei Geschichten zusammenhält, wird vollständig sichtbar. Ein völlig neues Kinoerlebnis entsteht, denn der Zuschauer begreift hier erstmals vollends die Gleichzeitigkeit der Geschehnisse. Etwa wenn Melanie mit ihrer Freundin angeekelt über Oralsex spricht, während ihre Mutter genau diesen in Kenia vergeblich von einem ihrer Beachboys verlangt. Oder wenn Mutter und Tochter aneinander vorbeitelefonieren, weil die eine im Korsett der Camp-Disziplin steckt und nur eine Stunde lang am Tag telefonieren darf, während sich die andere in der zeitlosen Freiheit des Sexurlaubs verliert. Die Parallelen zur katholischen Schwester und Tante werden vor allem im Raum aufgegriffen, der für Seidl so bedeutsam ist.

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Ausgangspunkt seiner Filme sind stets seine szenisch geschriebenen Drehbücher, in denen keine Dialoge fixiert werden. Diese Vorlagen dienen als Leitfaden für die Erzählungen, deren Bilder Seidl im Kopf trägt. Diese Bilder entsprechen seinem Blick auf die Wirklichkeit, die er dann vor der Kamera reinszeniert. Er ordnet dabei die Welt, richtet sie in einem strengen Arrangement aus, was zu den typischen aufgeräumten Bildern seiner Filme, den „Seidl-Tableaus“, führt. Räumliche Bilder mit zentralen Perspektiven prägen seine Filme. Der Mensch wird immer im Raum gezeigt, denn der Raum, so erklärte er im Gespräch am Rande der Berlinale, sage immer noch etwas Zusätzliches über diesen Menschen aus.

Dieser strengen Ordnung setzt er ein möglichst natürliches Schauspiel mit Profis und Laien entgegen, das im gemeinsamen freien Erarbeiten von Szenen und Dialogen entsteht. Seidl stellt seine Schauspieler in das Arrangement seiner sortierten Welt und lässt sie dort frei und natürlich agieren. Dies führt zum zweiten Markenzeichen von Seidl-Filmen – ihrem unglaublich dokumentarischen Charakter.

Die Weltpremiere der Kompaktvorstellung von Ulrich Seidls drei PARADIES-Geschichten konfrontiert den Zuschauer mit einer Wirklichkeit, die nur wenige Fragen offen lässt. Liebe, Glaube, Hoffnung heißen die drei Filme, doch davon bleibt am Ende wenig übrig. Alle drei Frauen haben diese Tugenden gesucht und keine hat sie gefunden. Das Paradies bleibt ein inexistenter Sehnsuchtsort.

„Viele Dinge, die man im Leben macht, sind aufgrund der Kürze und der Sinnhaftigkeit des Lebens sinnlos. Aber trotzdem kämpft man“, erklärte Ulrich Seidl den Sinn seiner Trilogie, die, um im Bild der christlichen Mythologie zu bleiben, nicht vom Paradies, sondern von der Vertreibung aus eben jenem erzählt.

Alle Filme FSK: 16 Jahre

Homepage zur Trilogie: http://www.paradies-trilogie.de/

In PARADIES: GLAUBE verknüpft Ulrich Seidl Sex, Gewalt und Religion und löste damit einen handfesten